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Tierischer Hochwasserschutz: Die blökenden Deicharbeiter von Klosterbuch

Flutserie Teil 2 Tierischer Hochwasserschutz: Die blökenden Deicharbeiter von Klosterbuch

Im August 2002 versanken viele Orte an Mulde, Elbe, Pleiße – aber auch an kleineren Bächen – in der Jahrtausendflut. Unvorstellbare Schäden waren die Folge. 15 Jahre danach ziehen wir Zwischenbilanz: Sind wir sicher vor der nächsten Flut? Redakteure aller Lokalredaktionen fragen nach. Nach Döbeln und Roßwein heute in Klosterbuch bei Leisnig.

Heute helfen vom Aussterben bedrohte Schafrassen, die Dämme zu sichern: Der Schafstritt vertreibt Ratten und Mäuse, die das Erdreich durchlöchern.
 

Quelle: Fotograf Sven Bartsch

Klosterbuch/Leisnig.  Es gibt viele Erinnerungen an jene katastrophalen Tage im August 2002, die Heiner Stephan (72) nie mehr loslassen. „Einer der schlimmsten Momente aber war, als wir ansehen mussten, wie ein ganzes Dorf im Wasser versinkt, die Klosterbucher Bewohner auf den Dächern ihrer Häuser sitzen, von der Kommunikation abgeschnitten – das war einfach nur furchtbar. Unheimlich, wie laut die Mulde rauschte.“

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Es waren dramatische Stunden und Tage, als am 13. August 2002 die Muldeflutwelle über Klosterbuch hereinbrach. Der Ort versank, Einwohner mussten zum Teil per Hubschrauber gerettet werden.

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Stephan, damals Bürgermeister von Leisnig, steht mit weiteren Personen auf einem der Aussichtspunkte auf der Maylust, einem Waldstück, dass sich auf dem Höhenzug über dem Muldental erhebt. „Angesichts der Naturgewalt und der eigenen Hilflosigkeit war wichtig, mit den Menschen irgendwie in Kontakt zu kommen.“

Ein Megafon schien dafür das geeignete Mittel. „Auch damit waren wahrscheinlich nur Wortfetzen zu verstehen. Die Klosterbucher konnten auch nicht antworten. Aber ich denke, wir haben eine moralische Brücke gebaut.“

Pferde mussten schwimmen

Als die Hubschrauber kommen, um die vom Wasser Eingeschlossenen zu retten, wird neben aller Erleichterung offenbar: Einen bettlägerigen oder einfach nur etwas älteren Menschen an das Seil eines Rettungshubschraubers zu bekommen – das ist eine Mammutaufgabe. Wer sich heute daran erinnert, wie ein älteres Familienmitglied damals auf diesem Weg den Ort verließ, spricht nicht gern darüber. Auch die Jüngeren schweigen lieber, haben andere Erlebnisse zu verarbeiten.

Jürgen Pohl, beim 2002er Hochwasser 47 Jahre alt, Landwirt und Pferdehalter, holt zwei Haflinger und zwei Kaltblutpferde in sein Büro im ersten Stock, als das Wasser kommt. „Es stieg dort weiter. Und bevor es den Pferden bis an die Brust reicht und sie vielleicht in Panik geraten, entschied ich mich dafür, sie schwimmen zu lassen.“

Pohl gehört zu jenen, die mit dem Hubschrauber geholt werden. Doch das eindrücklichste Erlebnis sollte für ihn das mit seinen Pferden bleiben: Nicht alle sah er lebend wieder.

Monika Hönigschmidt, zum Hochwasser 2002 49 Jahre alt, gehörte zu jenen, die das gesamte Hochwasserereignis in Klosterbuch durchgestanden haben, und zwar im Abthaus des Klosters. „Wir haben uns dort hin gerettet, nachdem uns zunächst angeboten worden war, dass uns die Feuerwehr an das andere Muldenufer zieht. Das erschien uns zu gefährlich“, so die heute 64-Jährige.

Schockierend: Die Plünderer sind da

Etwas mehr als zehn Klosterbucher hätten sich wie sie in das Abthaus gerettet. Die Idee der Hubschrauberrettung von dort wurde verworfen: „Das Dach vom Abthaus wurde dafür als zu steil erachtet.“ Nach zwei Tagen kehrte die Klosterbucherin heim, in ihr Haus am Dorfrand. Der erste Schock: Der von den reißenden Wassermassen tief ausgespülte Klosterhof.

Mit dem Hubschrauber werden einige Klosterbucher aus ihren Häusern gerettet

Mit dem Hubschrauber werden einige Klosterbucher aus ihren Häusern gerettet.

Quelle: Frank Pfeifer

Der zweite Schock: Noch bevor die Bewohner wieder in ihre Häuser zurück kehrten, sind erste Plünderer da. Monika Hönigschmidt sieht sie mit ihrem Diebesgut beladen über die noch unter Wasser stehenden Wiesen eilig davon laufen. „Danach sind wir aus unserem Haus nicht wieder weg gegangen“, sagt sie, und ist noch heute entrüstet.

Bilder von Hochwasserereignissen in anderen Teilen Deutschlands oder der Welt sieht sie mit anderen Augen, seitdem sie selbst die Wucht des Wassers zu spüren bekam. Am eigenen Haus sind jetzt die Schleusen zubetoniert, eine stärkere Haustür eingebaut, und die Fenster in der unteren Etage von innen abdichtbar.

Als Jürgen Pohl nach der Flut auf seinen Hof zurück kehrt, ist die Nachricht bereits bis zu ihm gedrungen: Drei seiner Pferde trieben schwimmend die Mulde flussabwärts, konnten nahe Podelwitz aus dem Wasser geholt werden. Jedoch: Eins fehlt.

 

Traurig über den Verlust

Traurig über den Verlust: Jürgen Pohl verliert eine Stute an die Flut. Drei Pferde können sich retten.

Quelle: Frank Pfeifer

Auf dem Weg zu ihrem Hof finden die Pohls das verendete Tier: Die trächtige Grauschimmelstute Black Lady war schon nahe dem Ortsausgang von Klosterbuch mit einem Hufeisen in Treibgut an einem Zaun hängen geblieben. Das acht Jahre alte Pferd konnte sich nicht selbst befreien und ertrank.

Ringdamm soll Ort künftig schützen

Tragische oder aufregende Ereignisse dieser Art gab es viele in den Leisniger Ortsteilen entlang der Mulde, von Fischendorf bis Wiesenthal und Altleisnig. Doch viele wollen liebend gern die Erinnerungen von 2002 ruhen lassen, die Schreckensbilder langsam verdrängen. Viele hoffen, dass ihr Landstrich künftig besser gegen neue Fluten gewappnet ist.

Für Klosterbuch entschied sich die Landestalsperrenverwaltung für ein in der Region seltenes Hochwasserschutzprojekt: Für etwa 3,5 Millionen Euro wird derzeit ein Ringdamm um den Ort gebaut. Mitten im Ort, entlang der Mulde, entsteht im Zuge dieses Projektes eine Hochwassermauer mit einem Betonkern, die äußerlich das Aussehen einer Klostermauer haben soll.

Flutschutz mit bedrohten Schafrassen

Einzelne Bauabschnitte sind bereits realisiert, die Dammabschnitte schon gut zu erkennen. In die Begrünung des neuen Dammes beziehungsweise in die Sicherung des sanierten Dammes ist die Familie Pohl auf eine Art eingebunden, mit der sie selbst etwas zur Sicherung der Dammanlagen tut und was ihnen das Gefühl der Sicherheit gibt: Auf den alten Dämmen lassen sie ihre Mohr- und Heidschnucken weiden, beides bedrohte Schafrassen.

Momentan lässt die Landestalsperenverwaltung für rund 3,5 Millionen Euro einen Ringdamm um Klosterbuch bauen

Momentan lässt die Landestalsperenverwaltung für rund 3,5 Millionen Euro einen Ringdamm um Klosterbuch bauen.

Quelle: Sven Bartsch

Die blökenden Deicharbeiter sind die besten Helfer beim Flutschutz. „Beweidete Deiche sind sichere Deiche“, sagt dazu Elsbeth Pohl-Roux. Der Schafstritt vertreibe Mäuse und Ratten, die Dämme und Deiche untergraben – und somit deren Standfestigkeit gefährden. Die Haltung der alten Schafrassen ist zudem ein Beitrag zur Biodiversität.

Deich-Grasmischung aus Klosterbuch

Auf einem weiteren Gebiet kommt ein weiterer Beitrag zum Hochwasserschutz zum Tragen: Bereits neu errichtete Dammabschnitte sind auf circa drei Hektar begrünt mit einer Grassamenmischung, deren Saatgut per Sondersammelgenehmigung direkt in Klosterbuch zusammengestellt wurde.

In Zusammenarbeit mit dem Saatguthersteller Rieger-Hofmann, einem Spezialisten für gebietsheimische Wildblumen und Wildgräser, wurde daraus eine Wiesenmischung, welche die Oberfläche der Klosterbucher Dämme durch ihre Verwurzelung sichern helfen soll. Die zertifizierte Mischung aus 67 Prozent Gräsern und 30 Prozent Kräutern wurde zusammen mit Vertretern der Unteren Naturschutzbehörde beim Landratsamt Mittelsachsen entwickelt.

Die Dämme bieten heute zusätzliche Fläche für kleinteilige Landwirtschaft, wobei die heimischen, großenteils vom Aussterben bedrohten Gräser beziehungsweise Kräuter den alten Tierrassen als Futter dienen.

Auf den Dämmen weiden Mohr- und Heidschnucken.

Auf den Dämmen weiden Mohr- und Heidschnucken.

Quelle: Sven Bartsch

Für die Bewirtschaftung der Dämme existiert ein Vertrag mit der Flussmeisterei der Landestalsperrenverwaltung. Pohl: „Es ist gut zu wissen, dass wir als Schäfer heute etwas für nachfolgende Generationen tun können. Die Dammpflege macht Mühe. Aber sie half und hilft in all den Jahren, die Angst vorm nächsten Hochwasser im Zaum zu halten.“

Von Steffi Robak

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