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Einiges passiert: Waldheim gibt der Zschopau heute mehr Platz

Flutserie Teil 3 Einiges passiert: Waldheim gibt der Zschopau heute mehr Platz

Im August 2002 brach über den Osten eine verheerende Flutkatastrophe herein. Entlang von Mulde, Elbe und Pleiße wüteten Wassermassen. 15 Jahre danach sind knapp eine Milliarde Euro in den Flutschutz geflossen. Sind wir damit sicher vor der nächsten Flut? Die große LVZ-Serie widmet sich diesmal Waldheim.

Als das Wasser abgeflossen war, hieß es Schlamm schippen, wie hier auf dem Niedermarkt.
 

Quelle: Wolfgang Sens

Waldheim.  Fluchtartig verließ der Waldheimer Bürgermeister Steffen Blech (CDU) am 12. August 2002 eine Beratung in Döbeln. Es ging um den „Tag der Sachsen“. Doch der war schnell vergessen: Das Tiefdruckgebiet „Ilse“ ließ nicht nur das Volksfest in Döbeln, sondern auch die Stadt Waldheim sprichwörtlich ins Wasser fallen – mit dramatischen Folgen

Feuerwehrmann und Bürgermeister

Im August 2002 ist der heute 63-jährige Steffen Blech erst ein knappes Jahr Bürgermeister in Waldheim. Als gelernten Feuerwehrmann hält ihn damals nichts bei der Vorbesprechung zum Sachsentag. 280 Kubikmeter Zschopauwasser strömen am 12. August gegen 14.10 Uhr pro Sekunde durch Waldheim – zum Scheitelpunkt des Hochwassers am Folgetag sollten es rund 1400 Kubikmeter pro Sekunde sein. Normal sind 20 bis 25 Kubikmeter pro Sekunde.

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Gigantische Wassermassen strömten am 12. und 13. August 2002 durch Waldheim. Rund 38 Millionen Euro Schaden hinterließ die Zschopau in der Stadt, die auch „Perle des Zschopautals“ genannt wird.

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Bereits vor seiner Abreise aus Döbeln alarmiert Steffen Blech den Bauhof und lässt Sandsäcke füllen. Gegen 15 Uhr richtet er in seinem Dienstzimmer im Rathaus einen Krisenstab ein. Dem gehört neben Bauamtsleiter Michael Wittig und Mitarbeitern des Ordnungsamtes auch Steffi Robak, Redakteurin dieser Zeitung, an. Sie hilft ehrenamtlich maßgeblich mit, die Evakuierung sauber über die Bühne zu bringen.

Bis fünf nach zwölf im Dienstzimmer

Welcher Einwohner hat die Stadt bereits verlassen und wo sind die Leute untergebracht? Steffi Robak steht an der Feuerwache und notiert Namen. Mit hoher Professionalität bringt der Krisenstab die Waldheimer aus dem Gefahrenbereich, organisiert einen Shuttleverkehr zwischen der Feuerwache, dem Sammelpunkt, und dem AOK-Bildungszentrum in Massanei, der Notunterkunft. „Es war unser großes Glück, die AOK zu haben“, sagt Steffen Blech. Der Krisenstab unter seiner Leitung harrt bis fünf nach zwölf im Rathaus aus. Denn das ist in den frühen Morgenstunden des 13. August eine Insel.

Das Dienstzimmer des Bürgermeisters ist aber als Sitz des Krisenstabes geeignet, weil man von dort die Messlatte für den Zschopaupegel an der Brücke gut im Blick hat. Von hier aus koordiniert der Krisenstab nicht nur die Evakuierung. Er sorgt gemeinsam mit der Polizei auch dafür, dass private Autos aus den Bereichen Niederstadt, Niedermarkt und Obermarkt verschwinden und so nicht zu gefährlichem Treibgut werden.

Schließlich reißt der Kontakt zum Staumeister ab, der Strom im Rathaus fällt aus. Auf abenteuerlichen Wegen verlassen die Mitglieder des Krisenstabes das Rathaus, wobei sich dramatische Szenen abspielen, wie Steffi Robak schildert: „Noch am Dienstagnachmittag dauern die Rettungsmaßnahmen an. Eine über zehnköpfige Gruppe – darunter der Krisenstab um den Bürgermeister – will der Waldheimer Reiner Voigt mit seinem Luftkissenfahrzeug aus dem Rathaus holen. Erst ein Teil der Gruppe ist gerettet, als die Aktion aus technischen Gründen abgebrochen wird.“ Der Motor des Hovercrafts hat versagt. Die Passagiere retten sich auf ein Baugerüst.

Geburt mitten im Hochwasser

Dramatische Szenen erlebt auch eine Waldheimerin in der Niederstadt, die als erste und am massivsten vom Hochwasser betroffen ist. In der Nacht zum Mittwoch bringt sie ihre Tochter gesund zur Welt. In ihrem Geschäft in der Niederstadt steht das Wasser einen halben Meter hoch.

Nachdem das Hochwasser abgeflossen war, begannen die Aufräumarbeiten

Nachdem das Hochwasser abgeflossen war, begannen die Aufräumarbeiten

Quelle: Steffi Robak

Die Schreckensbilanz: Rund 38 Millionen Euro Schaden hinterließ die Zschopau in Waldheim. 15 Jahre später fragen viele im Zschopautal: Wie sicher ist Waldheim künftig geschützt? Erste Antwort: Auf keinen Fall durch die Talsperre Kriebstein. Steffen Blech: „Es war eine schlimme Sache, dass es damals hieß, der Staumeister sei schuld. Dabei ist die Talsperre nicht für den Hochwasserschutz geeignet.“ Das belegen Zahlen und eine umfangreichen Arbeit über die Talsperre, die das Sächsische Landesamt für Umwelt und Geologie nach der Jahrhundertflut 2002 anfertigen ließ.

Talsperre Kriebstein ungeeignet

Die Erwartungen, durch die optimale Betriebsweise der Talsperre auch einen Flutschutz an Zschopau und Mulde zu erreichen, können laut Landesamt nicht erfüllt werden. Das Einzugsgebiet von über 1700 Quadratkilometern ist im Vergleich zum Stauraum so groß, dass dieser bei Hochwasser bereits in kurzer Zeit gefüllt ist. Vom Stauinhalt – 11,6 Millionen Kubikmeter – sind zudem rund fünf Millionen durch eingespülten Schlamm belegt. Kurzum: Was vorn rein läuft, läuft hinten wieder raus. Wäre der Kriebsteinsee völlig leer, könnte er etwa 6,6 Millionen Kubikmeter Wasser zurückhalten.

Das Einzugsgebiet ist etwa 24 Mal so groß, wie das der Flutschutz-Talsperre Rauschenbach. Selbst wenn der Schlamm aus dem Kriebsteinsee verschwände, bliebe im besten Fall immer nur die Hälfte des Stauraums für ungeplante Wassermassen. Sonst gäbe es keinen Schiffsverkehr, keine Seebühne, keinen Strom aus dem Wasserkraftwerk und erst recht keine attraktiven Wochenend-Grundstücke. Ergo: Die Talsperre hilft definitiv nicht beim Flutschutz in Waldheim, auch wenn das noch viele Leute glauben.

Geröllmassen aus Zschopau gebaggert

Passiert ist in Sachen Hochwasserschutz dennoch einiges. „Wir haben das Lessing-Werk auf der gleichnamigen Insel abreißen lassen. Dadurch haben wir dem Fluss mehr Raum bei Hochwasser gegeben“, sagt Steffen Blech. Weitere Schutzmaßnahmen sieht man nicht, denn da steht das Wasser drüber. Während in Döbeln die Baustellen der Landestalsperrenverwaltung noch Teile des Stadtbildes dominieren, sind die Bauarbeiten zum Hochwasserschutz in Waldheim schon seit Jahren abgeschlossen.

Axel Bobbe, zuständiger Betriebsleiter: „Wir haben unzählige Tonnen an Gesteinsmassen aus der Zschopau geräumt. 2006 war das bereits abgeschlossen.“ Rund vier Millionen Euro wurden investiert. Die Arbeiten umfassten die Herstellung einer neuen Böschung der Zschopau, den Umbau des Wehres in Meinsberg, den Neubau beziehungsweise die Erhöhung der Ufermauern, eine Profilaufweitung des Flusses im Bereich der Rathausbrücke und eben die eine Ausbaggerung des Flussbettes.

Komplett einmauern ging nicht

Der technische Hochwasserschutz mit Mauern spielte in Waldheim keine Rolle. „Das war nie vorgesehen“, sagt Axel Bobbe, „da hätten wir die Stadt komplett eingemauert.“

Altbürgermeister Blech haben die dramatischen Tage im August 2002 geprägt. Die Schreckensbilder wird er nie vergessen, aber auch nicht die Hilfe, die der Stadt neue Hoffnung gab. „Zum Waldheimer Hochwasser ereilten uns drei Wellen: Erstens die Wasserwelle, zweitens die Hilfswelle und drittens die Spendenwelle“, sagt er. Die Zschopau habe verheerende Schäden hinterlassen – beispielsweise klaffte im Obermarkt ein großes Loch. Doch die Waldheimer packten an und räumten auf, wobei ihnen viele freiwillige Helfer zur Hand gingen. Später erfuhren die Betroffenen die Hilfsbereitschaft in Form zahlreicher Geld- und Sachspenden.

Nun, 15 Jahre später, sieht man nichts mehr von den Zerstörungen. Dabei ist das letzte Jahrhunderthochwasser erst vier Jahre her. Da kam Waldheim zum Glück mit dem sprichwörtlichen blauen Auge davon.

Von Dirk Wurzel

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