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Junge Transatlantiker zur US-Wahl: Leben im postfaktischen Zeitalter

Jacob Schrot in Leipzig Junge Transatlantiker zur US-Wahl: Leben im postfaktischen Zeitalter

Haben Argumente im Wahlkampf überhaupt noch eine Chance? Jacob Schrot von der „Initiative junger Transatlantiker“ sieht den Trump-Sieg als Paradebeispiel für das postfaktische Zeitalter.

Jacob Schrot, Gründer der „Initiative junger Transatlantiker“.
 

Quelle: Michael Hübner

Leipzig.  Wie konnte das passieren? Diese Frage schwingt am Tag nach der US-Wahl bei vielen mit – und Jacob Schrot hat da seine eigene Theorie. „Wir leben im postfaktischen Zeitalter. Es geht nicht mehr um Fakten, es geht um eine Projektionsfläche“, sagte der Gründer der „Initiative junger Transatlantiker“ am Mittwoch gegenüber LVZ.de.

Clinton werde mit Establishment und Upper Class gleichgesetzt, über Trump hätten alle Unzufriedenen ihre Wut an die Wahlurne transportieren können. Selbst schlimme Fehltritte des Kandidaten hätten deshalb nichts an der Unterstützung seiner Anhänger ändern können.

„Auch in Deutschland gibt es die Tendenz, Politik so wahrzunehmen“, sagt Schrot. Er habe auf unzähligen Infoveranstaltungen zum Freihandelsabkommen TTIP gesprochen und versucht, gegen den Vorwurf der Intransparenz anzugehen. „Wie oft habe ich trotz offener Fakten gehört: Ich glaube den etablierten Parteien und der Europäischen Union nicht.“ Die Vertrauensfrage und die Projektion eigener Gefühle seien oft an die Stelle von Information getreten.

Offene Wertediskussion

Die Trump-Wahl müsse aber auch zu einer offenen Diskussion über die Werte Amerikas führen, sagte Schrot. „Im Wahlkampf sind Nationalismus, Populismus und Abgrenzung als Werte zutage getreten. Darüber müssen wir auch auf dieser Seite des Atlantiks reden“, sagte er. „Wenn wir an die USA denken, dann haben wir Miami Beach oder New York City vor Augen. Aber die Mehrheit der Amerikaner lebt auf dem Land“, so Schrot. Und dort fuhr Trump die meisten Stimmen ein.

Gleichzeitig sei noch völlig unklar, wofür Donald Trump in der Außenpolitik stehe. Er habe im Wahlkampf keinen außen- und sicherheitspolitischen Berater gehabt. Trump hatte im Wahlkampf angekündigt, für bessere Beziehung zu Moskau sorgen zu wollen. „Ich bin mir sicher: Im Kreml haben heute die Sektkorken geknallt.“ Deutschland falle nach dieser Wahl eine neue Verantwortung für die Stabilität des Westens zu.

Dass die Amerikaner auch die Spaltung durch Trumps Wahlkampf überwinden werden, daran hat Schrot kaum Zweifel. Die scharfe Rhetorik gehöre für die USA viel stärker als im harmoniebedürftigen Deutschland zum Selbstverständnis. „Das Land wird heilen“, so Schrot.

Zur Person Jacob Schrot

In der Initiative junger Transatlantiker mit Sitz in Dresden engagieren sich laut Schrot in Deutschland und den Vereinigten Staaten rund 500 junge Leute auf den Gebieten Politik, Kultur und Gesellschaft für ein besseres Verständnis zwischen den beiden Staaten sowie zwischen den USA und Europa. 2009 gewann Jacob Schrot die ZDF-Show „Ich kann Kanzler“. Der Politikwissenschaftler hat in den USA und Deutschland studiert und arbeitet derzeit im Bundestag als wissenschaftlicher Mitarbeiter für den Unionsabgeordneten Patrick Sensburg.

Von Evelyn ter Vehn

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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