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20 Jahre Wave-Gotik-Treffen - Zeitzeuge Armin Kober hat das erste WGT 1992 fotografiert

20 Jahre Wave-Gotik-Treffen - Zeitzeuge Armin Kober hat das erste WGT 1992 fotografiert

Leipzig. Zwischen Wehmut und Neugier - Armin Kobers Gefühle gegenüber dem zwanzigsten Wave-Gotik-Treffen sind ambivalent.

Mit Wonne erinnert er sich an die allerersten WGTs. Doch das Festival hat sich in den zwanzig Jahren sehr verändert. Die Geschichte des Zeitzeugen, der das erste WGT auf Fotos festgehalten hat.

Flaneure der unterschiedlichsten Stile wandeln über die Wiese im Clara-Zetkin-Park. Auf der einen Seite zeigen sich Gruppen von Frauen und Männer in historischen Gewändern. Auf der anderen Seite führen die Cyberpunks ihre schrill-bunten Kleider vor, die aussehen, als sei bei der Anfertigung Stoff Mangelware gewesen. Dazwischen tummelt sich alles, was sich gern aufwändig kostümiert und schminkt. Gemeinsamer Nenner ist die Lust am Sehen und Gesehen werden.

Am Rand des Geschehens unter einer Linde haben sich stilecht Armin Kober in Frack und Zylinder und seine Freundin Juno mit Hütchen, Schleier und selbstgeschneidertem Kleid niedergelassen. „Keine Ahnung, was das alles hier mit viktorianisch zu tun haben soll“, wundert sich Kober angesichts der Cyberpunks und lästert: „Das ist doch einfach nur Karneval hier.“ Aber natürlich ist das nicht böse gemeint, die beiden recken selbst ihre Hälse, wenn auf der Wiese wieder jemand interessantes vorüber läuft. Dennoch könnte der Unterschied zum ersten WGT 1992 nicht größer sein.

Der Fotograf der ersten Stunde

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Juno und Armin Kober.

Quelle: Regina Katzer

Kober war 1992 aus der Nähe von Augsburg angereist, die Gegend, in der er noch heute wohnt. „Ich hatte damals als einer von ganz wenigen Leuten einen Fotoapparat dabei“, erzählt Kober. Damit machte er sich bei manchem Gast unbeliebt, denn: „Die meisten Gruftis wollten damals nicht fotografiert werden, weil sie keine Lust hatten, sich anstarren zu lassen.“ Zwanzig Jahre später wären viele WGT-Besucher wohl schwer enttäuscht, wenn keine Fotografen da wären, die ihre Aufmachung im Bild festhalten. Ein Stück weit hat sich die schwarze Subkultur in eine Hochglanz-Szene verwandelt.

Von den 20.000 Besuchern, die zu den heutigen Treffen kommen, war die Veranstaltung 1992 noch weit entfernt. „Die Meinungen gehen auseinander, ob es 400 oder 1000 Leute waren. Uns kam das damals schon wahnsinnig viel vor“, sagt Kober. Von dem Treffen hatte er auf einer kleinen Feier in Bayreuth erfahren. „Da hat mir jemand einen schwarz-weißen Flyer in die Hand gedrückt, der aussah, wie die Kopie einer Kopie. Es waren verrückte Zeiten damals, wir sind viel unterwegs gewesen. Als ich die Einladung nach Leipzig bekam, haben meine Freunde und ich uns gedacht: Klar, da fahren wir sofort hin.“

Paukenschlag für Leipziger Jugendkultur

Heute meint er, das erste WGT müsse eine Art Paukenschlag für Leipzig gewesen sein. „Die Stadt hat das Treffen völlig unvorbereitet getroffen. Wir haben in allen Tankstellen und Supermärkten die Haarsprayvorräte leer gekauft“, erzählt er und lacht. Die Bands hätten erst gespielt und danach selbst im Publikum weiter gefeiert. „Das wäre bei Bands wie Das Ich oder Deine Lakaien heute nicht mehr möglich, weil sie inzwischen viel mehr Fans haben.“

Im Internet hat Armin Kober seine Fotos von 1992 für die Allgemeinheit in einer Fotogalerie zugänglich gemacht. Zu sehen sind Gruftis, die offenbar auch damals schon Stunden in ihre Frisuren investiert haben. Doch die Klamotten sind einfacher und von den komplizierten Modekreationen beim viktorianischen Picknick 2011 weit entfernt. Trotzdem hätten die Leipziger damals Bauklötze gestaunt, sagt Kober. „Auf einmal war die ganze Stadt schwarz. Das hatten die Einheimischen vorher noch nicht gesehen, dass es Leute gibt, die sich so herausputzen und stylen.“

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So sah das WGT 1992 aus - Gruppe vor dem Eiskeller (heute Conne Island)

Quelle: Armin Kober

Für die schwarze Szene wiederum sei die Stadt die perfekte Kulisse gewesen. „Die alten abbruchreifen Häuser, die Konzerte im Werk II, dass praktisch eine Ruine war, das hat uns unglaublich gut gefallen.“ Nur die vielen rechtsradikalen Skinheads haben damals Angst verbreitet. „Die Leipziger Gruftis hatten uns erzählt, an normalen Tagen im Jahr würden sie hier dafür verprügelt, wenn sie sich zu doll verkleideten und dadurch zu anders aussähen. Für sie war das WGT eine Erlösung, weil sie plötzlich nicht mehr allein waren.“

Verlust der Gemeinschaft

Denkt Armin Kober an die frühere Gemeinschaft zurück, wird er schwermütig. „Ich bin in die Szene gekommen, als es mir sehr schlecht ging und zwischen den Gruftis ging es mir plötzlich wieder gut.“ Mit 17 Jahren hatte er mit seinem Moped einen schweren Unfall gehabt danach lange im Krankenhaus gelegen. Seinen früheren Freundeskreis habe das gar nicht richtig interessiert. „Erst die Gruftis haben mir das Gefühl gegeben, akzeptiert zu werden und von einer Gemeinschaft aufgenommen zu sein“, sagt er. Für ihn sei das der entscheidende Teil dieser Jugendkultur gewesen: „Man hat aufeinander aufgepasst und sich mit großem Respekt behandelt.“ Doch das ist für Kober mittlerweile verloren gegangen. „Der Geist des Grufti-Seins ist fort.“

Kobers zweiter schwerer Unfall war gleichzeitig der große Einschnitt in seine Szene-Geschichte. An Weihnachten im Jahr 2000 ist er mit dem Auto verunglückt, hat sich mehrfach mit dem Wagen überschlagen, dabei wurden seine Beine zertrümmert. Es dauerte mehr als drei Jahre, bis er sich von den Folgen einigermaßen erholt hatte. Danach sei nichts mehr wie früher gewesen. „Viele meiner Freunde sind fort gezogen oder haben Familien gegründet.“ Gleichzeitig habe es auf den Gothic-Veranstaltungen eine neue Publikums-Generation gegeben, Mode, Stil, und Verhalten hätten sich verändert. „Ich musste zum ersten Mal bei einer Feier drängeln. Das hatte es davor nicht gegeben. Da dachte ich, jetzt geht die Sache kaputt.“

Leipzig bleibt attraktiv

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Cyberpunks beim Viktorianischen Frühstück

Quelle: Regina Katzer

Doch Kober ist nicht verbittert. Vielleicht sei diese Erfahrung auch eine gewöhnliche Erscheinung des Älterwerdens, meint er versöhnlich und räumt ein: „Wir haben uns als Grufties genauso von unseren Vorläufern abgegrenzt. Auch wir wollten nicht das Gleiche immer weiter machen.“ Am Ende freut er sich trotz allem, beim 20. WGT dabei zu sein. „Es ist total spannend für uns, zu sehen, was es mittlerweile alles gibt.“ Und außerdem kommt er nach wie vor gerne nach Leipzig. „Es ist einfach eine wunderschöne Stadt.“

Clemens Haug

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26. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig
2. bis 5. Juni 2017

Besuch nur mit Festivalticket möglich.

Vereinzelt Veranstaltungen für Individualbesuch (Mittelaltermärkte u.ä.)

Infos zum Ticketververkauf und zum WGT-Programm gibt es unter www.wave-gotik-treffen.de

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