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23.000 Besucher beim 25. WGT in Leipzig

Gott ist Goth 23.000 Besucher beim 25. WGT in Leipzig

Klassik, Orgelmusik und Partys bis zum Morgengrauen: Die Schwarze Szene hat sich auch beim diesjährigen Wave-Gotik-Treffen (WGT) in Leipzig ausgiebig gefeiert. Zum 25. Jubiläum kamen rund 23 000 Besucher aus dem In- und Ausland in die Messestadt.

Eine Besucherin des Wave-Gotik-Treffens (WGT) lässt sich von einem menschlichen Pferd durch den Clara-Zetkin-Park in Leipzig ziehen.

Quelle: dpa

Leipzig. Das Schönste am Wave-Gotik-Treffen? Das Pressebändchen abholen, die Phalanx der Fotografen am Agra-Eingang durcheilen (diesmal kriegten sie wenig vom erhofften Fleisch vor die Linse, es war zu kalt), sich die Straße zwischen Hallen und Zeltplatz runtertreiben lassen. Der echte WGT-Laufsteg, wo sie ohne Gaffer unter sich sind. Ein babylonisches Sprachgewirr. Wo immer sie herkommen, nur hier kriegen sie einmal im Jahr das Gefühl, mal Mehrheit zu sein. Wie in jedem Jahr wird der Stamm-Met-Stand angepeilt. Stutz: Ordentlich teurer geworden. Met ist die Partydroge der Grufts. Kenner trinken ihn süß, weil er nur dann wirklich nach dem Honig schmeckt, aus dem er gemacht ist. Sie trinken maximal zwei am Tag, weil er unverzüglich in den Kopf steigt. Goths konsumieren sehr wohl und nicht wenig Alkohol, aber betrunken sein gilt als äußerst ungotisch.

Danach ins Heidnisches Dorf am Torhaus Dölitz. Allmählich ausgebaut zum Festival im Festival. Die Antwort des WGT auf die immer wiederkehrenden Fragen nach Tageskarten. Wer sich nur einen Tag frei machen kann, dem ist ein Gesamt-Ticket zu teuer. Tageskarten zu verkaufen, würde aber die Idee des Treffens auflösen. Und so fungiert das Heidnische Dorf nicht nur als Guckkasten für Normalos, sondern auch als Treffpunkt der Bändchenträger mit Freunden, die nur kurz vorbei schauen können. Im großen Marktgeschehen gibt es zwei Bühnen. Eine für die an solcher Stelle üblichen, mehr oder minder authentischen Mittelalter-Bands, und eine mit echtem Festival-Format, auf der von Mittag und bis in die Nacht ein wohl durchdacht gemischtes Programm internationaler Bands abläuft. Das Ganze für einen Zehner Eintritt. Gibt’s nur beim WGT. Hat sich aber auch rumgesprochen – lange Schlangen am Einlass und den deutlich zu wenigen Dixie-Toiletten. Dafür richtig gute Bands, gelöste Stimmung und belgisches Kirschbier ohne Reinheitsgebot.

Bilder vom Heidnischen Dorf und von den Moritzbastei am Samstag. Fotos: Wolfgang Zeyen

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Das WGT hat in seinem 25. Jahr eine bisher noch nicht erreichte Dichte an Künstlern aufgeboten, deren künstlerischen Vita älter ist als es selbst. Eine Auswahl – Legende 1: In The Nursery aus Sheffield, England. Die Kuppelhalle des alten Messegeländes ist kurz vor dem Bersten. Während die Humberstone-Zwillinge nebst Begleitung eine Reihe sehr alter Songs spielen, kapitulieren etliche ob der Enge und der stickigen Luft, so dass die Halle sich von unerträglich überfüllt auf proppenvoll geleert hat, als sie zum Kern ihres Schaffens kommen: Mächtige Flächen aus Elektronika, dazu griffige Melodiefiguren, die von zwingendem, nahezu brutal performtem perkussiven Druck zu wahren Klangskulpturen getürmt werden. Das kommt unter der römischen Pantheon-Kuppel unbeschreiblich beeindruckend.

Legende 2: Die 80er-Industrial-Helden Test Dept. haben in der Galerie KUB Arbeiten ausgestellt. Sehr erhellend anzusehen, wie eine totalitär-affine Bildsprache, deretwegen der Szene gern mal politisch rechte Gedanken angedichtet werden, hier von einer erklärtermaßen linksradikalen Band als der russischen Revolutions-Moderne entlehnt präsentiert wird.

Legende 3: Lene Lovich hielten viele für einen Insider-Tipp. Sie war in der schrillen New-Wave-Zeit der Missing Link zwischen Nina Hagen und Siouxsie Sioux. Ohne je deren Status zu erreichen. Doch erstens wissen auch jüngere Goths über die Geschichte der Bewegung verblüffend gut Bescheid, zweitens ist Lovich im nichtdeutschsprachigen Raum noch immer eine große Nummer: Das Täubchenthal ist am Samstagabend brechend voll, Einlass-Schlangen harren lange, doch umsonst. Drinnen hingebungsvolle Ehrfurcht vor einer Künstlerin und ihrer Band, die den Wave/Batcave-Klang der Frühachtziger auferstehen lässt. Das kommt von der Bühne sympathisch und wird davor empathisch aufgenommen. Doch es bleibt in Klang und Performance eine Reminiszenz an eine große alte Zeit, kein Bogen ins Hier und Jetzt. Vor lauter Ergriffenheit kommt selbst beim einzigen Hit „Lucky Number“ von 1979 die ganz große Euphorie nicht auf.

Auch am Samstag dominierten wieder schwarze Outfits in der Leipziger City, zahlreiche WGT-Besucher waren in der Innenstadt unterwegs. Fotos: Regina Katzer

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Legende 4: And Also The Trees beginnen am Sonntag im Schauspielhaus zu zweit. Nur Gitarre und gesprochene Lyrik, mindestens eine halbe Stunde. Darauf muss man sich einlassen. Die Gäste tun es, nur auf dem Rang sind noch Plätze zu haben. Kein Konzert-Huster im leisen Programm. Allmählich mischen sich die anderen Musiker dieser Band um die Brüder Jones aus einem Dorf in Worcestershire, dem sie seit 1979 treu geblieben sind, ins Geschehen. Am Ende eruptiert das Ganze in einer Post-Rock-Shoegazer-Noise-Orgie. Frenetischer Beifall, Standing Ovations. Doch die fünf Musiker sind grußlos von der Bühne gegangen und kommen auch nicht wieder.

Legende 5: My Dying Bride aus Halifax, gegründet 1990, haben im Felsenkeller gleich klare Ansage gemacht: Man solle nicht mehr klatschen nach dem letzten Lied, Zugaben werden sie nicht gegeben, das finden sie albern. In den 80 Minuten vorher haben sie die ultimative Hoffnungslosigkeit zelebriert, den Soundtrack zum langen dunklen Tunnel nach dem Ende des Lichts, die Ton gewordene Schwermut. Sie sind die Könige, weil wohl einzige Vertreter der Schublade „Suizidal-Metal“. Wenn 23 000 endzeitverliebte Grufts vier Tage lang bewiesen haben, dass es doch ein Leben vor dem Tod gibt, so antworten Arian Stainthorpe und Mitstreiter mit Albert Camus: Ja. Aber es ist völlig sinnlos.

Sonst? Ab Sonntag schlugen die Eisheiligen gründlich zu. Zu kalt fürs freizügige Flanieren, der Catwalk verhagelt. Immerhin, das Viktorianische und das Steam-Punk-Picknick, die ästhetischen Höhepunkte des Treffens also, fanden noch bei herrlichstem Sonnenschein statt. Glück im Unglück seufzt jemand, Gott ist Goth kalauert ein anderer zurück.

Der subjektiv bewegendste WGT-Augenblick? Ein einfacher: Am Samstagabend Atem holend nach der – nun ja – nur bedingt überzeugenden EBM-Performance von Spetsnaz (schlicht falsch platziert in der großen Agra-Halle) am Lieblingsbierstand plötzlich „Elis“ von „Erben der Schöpfung“. Von ihrem wunderbaren, einzig gültigem Album aus dem Jahr 2001 mit der feengleichen Sängerin Sabine Dünser, die bald darauf mit 26 Jahren starb. Unvergesslicher Industrial-Metal zu einem innigen Text von Georg Trakl. Plötzlich so ein Lied in all dem Gewusel, es nagelt dich fest, und du weißt, dass du es nur hier hören kannst.

Es sind diese Momente beim WGT. Jeder findet seinen. Jede ihren. Alle kommen wieder. Deshalb eben.

Lars Schmidt

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13. bis 16. Mai 2016

Große Eröffnungsfeier am Donnerstag, 12. Mai 2016, ab 20 Uhr im AbenteuerReich BELANTIS im Leipziger Süden.

Das komplette WGT-Programm gibt es unter www.wave-gotik-treffen.de

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