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Der unheilige Geist - Jörg Augsburg über die Langeweile der Gnade

Wave-Gotik-Treffen 2012 Der unheilige Geist - Jörg Augsburg über die Langeweile der Gnade

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes, der allem innewohnen soll, natürlich auch dem Wave Gotik Treffen. Und was nicht passt, wird passend gemacht: „Der Herr hat gesagt, er wolle im Dunkeln wohnen.", so sprach Salomo, man kann das in der Bibel nachlesen oder – etwas verhunzt – auf dem Flyer der „Gothic Christen“, die zum Gottesdienst laden.

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Gottesdienst in der Peterskirche.

Quelle: André Kempner

Es ist aber auch ein Kreuz mit der Kirche: Als anständiger Vampir-Verehrer und auch sonst der untoten Fauna nicht abgewandt, ist man gemeinhin nicht gerade unten mit dem Herrn, schätzt aber doch die morbide Atmosphäre nächtlicher Friedhöfe und das – im Fall der Leipziger Peterskirche tatsächlich eindrucksvolle – (sic!) gotische Gemäuer der Institution.

Die wohlmeinende Predigt zum Thema „Gnade“ jedoch kann mit dem sonstigen Festivalprogramm nicht ganz mithalten. „Deine Gnade, Herr, wirkt von Ewigkeit zu Ewigkeit – sie wirkt einfach“, heißt es etwas luschig im Gebet. Das ist bemerkenswert un-alttestamentarisch und der Glaubensdienst der Goth-Christen lässt auch sonst etwas an Entertainment zu wünschen übrig.

Das geht doch auch anders, denkt man sich, war es doch gerade die deutlich weniger weicheierige „Neue Deutsche Todeskunst“, die der Gothic-Szene in Deutschland überhaupt erstmal auf die Beine geholfen hat. „Mein Seelenhauch der Blitz verschlingt, mein süßes Blut verfault im Sand“ tönte es noch zu herrlich unseligen Zeiten vom stilisierten Bühnenkreuz, als Das Ich mit ihrem „Gottes Tod“ den Szeneklassiker schlechthin vorlegten.

Etwas Nietzsche hier, ein wenig Mittelalterromantik da, gern noch ordentlich „Wotan! Walhalla!“-Wikinger-Gedöns, abgerundet mit Astrologie und Alchemie – man ist in der schwarzen Szene dem Freigeistigen zugetan, vor allem das vorchristliche Heidentum steht ganz oben auf der Liste der geistlichen Erbauung.

Im „Pfingstboten“, dem Programmbuch des WGT, allerdings ganz hinten. Der trennt das nämlich sauber und so weit es nur irgend geht: Kirche ganz vorn, Heidentum ganz hinten. Die rechte unchristliche Erbauung stellt sich im Heidnischen Dorf am Torhaus Dölitz allerdings nicht ein, es ist eher ein bisschen wie Kindertagsfeier mit ganz vielen Narren und dem Angebot von Handbrot allerorten.

Der wahre unheilige Geist weht denn auch woanders, zum Beispiel bei VAWS. Das bekannte rechtsextremistische Label hat einen Stammplatz auf dem riesigen Markt mitten auf dem Festivalgelände der Agra. Hier gibt es die komplette Palette Von-Thronstahl-Merchandise, der Band des selbstbenannten „Individual-Faschisten“ Josef Maria Klumb, dessen Auftritt im WGT-Skandaljahr 2000 nur durch ein Verbot der Stadt Leipzig verhindert werden konnte.

Geändert hat der seine Ansichten über die Überlegenheit seiner ganz persönlichen Rasse gegenüber „Gutmenschen“ bis heute nicht. Geändert hat sich auch nicht, dass es kaum einen in der Szene interessiert. Wie heißt es nochmal in der Schrift? „Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen von Himmel herab auf Sodom und Gomorra.“ Von wegen Gnade.

Jörg Augsburg

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