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„Die Szene ist vielschichtiger geworden“ - Cornelius Brach über 20 Jahre WGT

„Die Szene ist vielschichtiger geworden“ - Cornelius Brach über 20 Jahre WGT

Wie schnell die Jahre ins Land gegangen sind: 1992 traf sich die schwarze Szene zum ersten Mal unter dem Namen WGT in Leipzig, seitdem jedes Jahr. 2011 ist damit das zwanzigste Wave-Gotik-Treffen.

Cornelius Brach kennt die Treffen schon seit einer ganzen Weile. 1998 war er zum ersten Mal als Gast dabei, seit 2006 ist er Pressesprecher des Festivals. LVZ-Online blickt mit ihm auf die Entwicklung zurück.

Frage:

Herr Brach, was hat sich seit Ihrem ersten WGT an dem Treffen verändert?

Cornelius Brach:

 Die Veranstaltung ist deutlich größer geworden. Schon 1998 war es mit etwa 10.000 Besuchern kein kleines Festival mehr. Seit ein paar Jahren haben wir aber immer etwa 20.000 Teilnehmer. Auch die Szene ist deutlich vielfältiger geworden.

Darüber sind bestimmt nicht alle Teilnehmer glücklich, oder?

Nein. Manche von den alten Grufties bemängeln, dass die Szene an ihren Rändern ausfranst. Sie kritisieren Bands, die kommerziell sehr erfolgreich sind, weil sie einen Massengeschmack bedienen. Die Band Unheilig beispielweise würde ich heute nicht mehr als Teil der schwarzen Szene sehen, auch wenn sie dort ihre Ursprünge hatte. Kommerzieller Durchbruch ist allerdings auch nicht per se schlecht. Deine Lakaien zum Beispiel ist trotz ihres Erfolgs eine Szeneband geblieben.

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Vielschichte Szene: Das Wave-Gotik-Treffen ist mit den Jahren bunter geworden.

Quelle: Regina Katzer

Hat sich die ganze schwarze Szene kommerzialisiert?

Mittlerweile gibt es Modehäuser, in denen man Gruftie-Sachen von der Stange kaufen kann, das gab es früher auch nicht. Es hat sich eine kleine Industrie im Hintergrund gebildet. Trotzdem glaube ich, dass sich ein Großteil der Leute die ursprünglichen Ideale bewahrt hat. Dazu gehört die Abkehr vom Massengeschmack und –konsum, was sich nicht nur in Kleidung und Musik ausdrückt, sondern auch durch Interessen und Vorlieben, die nicht jedermann hat. Das kann ein Faible für schaurige Literatur, morbide Kunst oder die Faszination für alte germanische Mythen sein.

Romantik des Düsteren und Klamotten aus dem Kaufhaus

Eint die Szene also eine Romantik des Düsteren?

Das könnte man sagen. Aber natürlich, so vielfältig wie die Szene ist, so schwer lässt sie sich auf einen Nenner bringen. Es gibt auch Leute, für die das nur ein Wochenendvergnügen ist und die am Sonntagabend ihre schwarzen Gewänder wieder in den Schrank legen. Für andere ist Gothic eine Lebenseinstellung.

Wie war das damals vor 13 Jahren? Hat man da die Kleidung noch selbst genäht?

Man hat sich die Kleider selbst geschneidert oder schneidern lassen. Da gab es vielleicht noch die Mutti, die einem dabei assistiert hat. Oder aber man hat Second-Hand-Shops ewig nach schrägen Outfits durchsucht. Das alles gibt es heute zwar auch noch. Viele Leute finden es aber komfortabler, sich die Sachen einfach im Kaufhaus zu besorgen. Wenn man jetzt über das WGT schlendert, sieht man öfters ähnliche Klamotten, manchmal ein Teil sogar zwei Mal. Das gab es früher kaum. Da ging es darum, sich auch innerhalb der Szene individuell zu stylen, zum Beispiel eine Frisur zu haben, die sonst keiner hatte.

Vermissen Sie die Intimität, die das WGT früher hatte heute manchmal? War es 1998 leichter, mit neuen Leuten ins Gespräch zu kommen?

Klar. Aber es gibt auch heute noch eine Menge Leute, die den Treffen-Gedanken verfolgen, der ja auch unserem Namen enthalten ist. Die lernen beim WGT Leute kennen und treffen sie jedes Jahr wieder. Wenn tausend Zuschauer bei einer bekannten Band an einem der größeren Veranstaltungsorte sind, geht es dort natürlich anonymer zu. Wir haben aber auch viele kleine Orte und spezielle Partys, Ausstellungen oder Lesungen, wo es immer noch eine sehr intime und nette Kennenlern-Atmosphäre gibt.

Musik in voller Bandbreite: Elektronik, Goth-Rock, Neo-Klassik

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Konzert der Band Loellduinn im Schauspielhaus in Leipzig beim WGT 2010.

Quelle: André Kempner

Ist auch das Musikprogramm beim WGT breiter geworden?

Ja, wie die Szene, so sind auch die Musikstile vielfältiger und vielschichtiger geworden. Heute reicht die Bandbreite von harten Gitarren und Elektronik, über sehr sanfte, handgemachte, folkige Mittelaltermusik bis hin zu Neoklassik. In den ersten WGT Jahren hat sich die Musik auf einige wenige Stile begrenzt. Ich finde das eine positive Sache, weil es die schwarze Szene attraktiv macht für Leute mit ganz unterschiedlichen musikalischen Vorlieben.

Wenn jemand sich nur für eine Richtung interessiert, ist das auch kein Problem, denn die einzelnen Bühnen versuchen schon immer einen bestimmten Stil zu verfolgen. Ich persönlich würde das aber langweilig finden und vielen Besuchern geht das ähnlich. Ich höre mir erst ein Elektronik-Konzert an, gehe dann zum Goth-Rock und von dort ins Central Theater, wo ich mir ein Neo-Klassik-Konzert ansehe. Am heidnischen Dorf höre ich den mittelalterlichen Spielleuten zu, danach gehe ich vielleicht zu klassischer Musik in die Oper. Außerdem gibt es das Requiem von Johannes Brahms im Völkerschlachtdenkmal.

Viele Besuche haben vielfältige Vorlieben und wir versuchen dem gerecht zu werden, auch indem wir Lesungen, Filme und Ausstellungen organisieren.

Deutschland gilt als Kernland der schwarzen Szene. Von wo überall kommt Publikum zum WGT?

Bestimmt ein Drittel der Besucher kommt aus dem Ausland, würde ich schätzen. Viele sind aus Osteuropa aber auch aus England, dem Ursprungsland der Szene. Und es gibt auch die Stammgäste aus Übersee. Ich habe zum Beispiel Bekannte, die extra aus den USA anreisen. Andere kommen aus Japan, Australien und Südamerika. Uns mach natürlich stolz, dass Leute um die halbe Welt reisen um zu Pfingsten beim WGT dabei sein zu können.

Gibt es auch Bands, die quasi Stammgäste sind?

Als Faustregel bei uns gilt, wer im Vorjahr gespielt hat, wird für das Folgejahr nicht gebucht. Ein bisschen Abwechslung muss sein. Klar hat man aber bestimmte Bands, die sehr beliebt sind und die öfter da waren. Das trifft besonders auf diejenigen zu, die es schon sehr lange gibt. Das Ich, Goethes Erben (die Band heißt mittlerweile Henke) oder Deine Lakaien beispielsweise. Aber in der Regel spielt keine Band zwei Jahre hintereinander.

Tolerante Leipziger treffen auf entspanntes Völkchen

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Nicht nur auf dem Campingplatz zu Hause: Die WGT-Fans sorgen auch für Auslastung der Hotels.

Quelle: Dirk Knofe

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Leipzig und dem WGT entwickelt?

Anfangs waren Bewohner und Institutionen der Stadt skeptisch und wussten nicht, was sie von den seltsam aussehenden Besuchern an Pfingsten halten sollten. Das hat sich gewandelt, weil man gemerkt hat, das ist ein entspanntes Völkchen das da kommt. Die Leute sind tolerant und wollen friedlich miteinander ihr größtes Szenetreffen feiern. Außerdem profitiert die Stadt von den 20.000 Besuchern, besonders Hotels, Restaurants und Einzelhandel. Die Taxifahrer haben ihre beste Zeit im Jahr. Und das WGT ist ein Imagefaktor für Leipzig, ein Kontrast zur Hochkultur wie dem Bach-Fest. Da kann man zeigen, man hat auch international bedeutende Subkultur. Insofern hat sich das Verhältnis sehr entspannt.

Wie macht sich das für Sie bemerkbar?

Wir haben mittlerweile eine sehr gute Zusammenarbeit mit den großen Kulturinstitutionen. Beispielsweise buchen wir seit ein paar Jahren immer ein größeres Platzkontingent in der Oper, worüber sich viele unserer Besucher sehr freuen. Im Grassi-Museum und im  Museum der bildenden Künste haben sie mit dem Festivalbändchen freien Eintritt. Außerdem können sie von Freitagfrüh bis Dienstagmittag ohne zusätzliche Kosten mit Bus und Bahn fahren. Die LVB setzt sogar Sonderlinien ein, die die wichtigsten Festival-Orte miteinander verbinden.

Außerdem haben sich Ihre Arbeitsstrukturen professionalisiert. Wie haben sie sich entwickelt?

Bestimmte Routinen schleifen sich ein, man muss nicht jedes Jahr von Null anfangen. Veranstaltungsorte, wie das Agra-Gelände, das Werk II oder die Moritzbastei wissen, dass sie jedes Jahr dabei sind und halten sich Pfingsten schon vorsorglich frei, ohne, dass man das noch extra vereinbaren muss. Da muss man dann nur noch Details klären.

Aus der Pleite gelernt: Professionelle Organisation - Treffen-Gedanke wurde bewahrt

Was haben Sie aus Erfahrungen gelernt, beispielsweise aus Katastrophen, wie der Pleite im Jahr 2000?

Bis zum Jahr 2000 wurde die Veranstaltung von den damaligen Organisatoren immer nur Semi-professionell organisiert. Dann hatte das WGT auf einmal eine Größe erreicht, bei der das nicht mehr funktioniert hat. Zu viele Leute haben in der Organisation mitgemacht. Einer wusste nicht mehr, was der andere tut. Dadurch entstand das eigentliche Problem, dass nämlich viel mehr Geld verplant und ausgegeben wurde, als zur Verfügung stand. Das hat zum Zusammenbruch geführt. Glücklicherweise ist es bereits im Folgejahr wieder auferstanden, allerdings mit völlig neuem Organisationsstab. Der hat das grundlegende Konzept, die Vielfalt und die Atmosphäre beibehalten, aber die Arbeit professionalisiert. Seit 2001 funktioniert das und seitdem gab es keine größeren Probleme mehr.

Sind Sie durch die Professionalisierung aus mainstreamiger geworden?

Nein. Ein üpaar grundsätzliche Dinge haben wir beibehalten. Es gibt nach wie vor kein Sponsoring auf der Veranstaltung, wir vermieten keine großen Werbeträger, wie das bei den großen Rockfestivals beispielsweise üblich ist. Das liegt nicht daran, dass wir keine Angebote von Firmen hätten. Aber wir wollen keine Werbung auf dem WGT, um die subkulturelle Stimmung beizubehalten. Außerdem gibt es nicht die ganz großen Headliner bei uns, statt dessen geben wir unbekannten Bands die Chance, ein Publikum zu erreichen. Der Treffen-Gedanke steht im Vordergrund, die Leute sollen nicht wegen eines einzelnen Bands kommen, sondern wegen der ganzen Veranstaltung. Deswegen gibt es auch keine Tageskarten.

Trotzdem gibt es nicht nur positive Meinungen über das WGT. Einem Teil der Veranstaltungen wird beispielsweise vorgeworfen, ein rechtsextremes Publikum anzuziehen. Was sagen Sie als Veranstalter zu Gästen, die Uniformen tragen, die denen im dritten Reich sehr ähnlich sind?

Generell sehen wir uns als subkulturelle und nicht als politische Veranstaltung. Wir sind tolerant und nach allen Seiten offen, wollen aber nicht, dass politische Strömungen, weder in die eine, noch in die andere Richtung auf dem WGT explizit präsent sind und dort Propaganda machen. Das gilt auch für Bands, die politisch agitieren. Gleichzeitig verstehen wir uns nicht als Gesinnungs- oder Stilpolizei. Wir schließen Leute nicht wegen einem bestimmten Outfit aus. Solange keine verbotenen Symbole gezeigt werden, verbieten wir niemandem, in Uniform-ähnlicher-Kleidung dort hin zu gehen. Ein Teil der Szene findet es eben schick, solche Kleidung zu tragen. Das führt schnell zu Missverständnissen. Ich kenne einige, die Uniformen tragen, die an die NS-Zeit erinnern können. Bei den meisten von ihnen steht keinerlei politische Motivation dahinter. Statt dessen kann haben sie einen Fetisch für Uniformen oder sie sehen es als ein Mittel der Provokation.

Und wenn jemand doch politische Motive mit seiner Kleidung verfolgt?

In die Köpfe wollen wir nicht schauen, jeder kann auf dem WGT denken was er möchte, solange er nicht politisch aktiv ist und solange alles im erlaubten Rahmen abläuft. Ich würde aber empfehlen, mit den Leuten zu sprechen, wenn man sie im Verdacht hat, sie könnten ihr Outfit politisch meinen. In den allermeisten Fällen wird man dann feststellen, dass das nicht der Fall ist. Die immer wieder behauptete rechte Unterwanderung der Szene ist realitätsferne Phantasie der radikalen Linken.

Clemens Haug

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Besuch nur mit Festivalticket möglich.

Vereinzelt Veranstaltungen für Individualbesuch (Mittelaltermärkte u.ä.)

Infos zum Ticketververkauf und zum WGT-Programm gibt es unter www.wave-gotik-treffen.de

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