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Ein Plätzchen im Schatten: Warum sich die ersten Gäste so früh am Agra-Park anstellen

Wave-Gotik-Treffen Ein Plätzchen im Schatten: Warum sich die ersten Gäste so früh am Agra-Park anstellen

Lange bevor das 26. Wave-Gotik-Treffen am Freitagabend offiziell beginnt, harren die ersten Gäste vor dem Agra-Park aus. Für einige bedeutet der Beginn des Gruft-Festivals, nach Hause zu kommen.

„Beim Wave-Gotik-Treffen falle ich fünf Tage lang nicht auf“: Wolf Escheid, 50, in seinem Kleinbus.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Sie nennen ihn den Grillmeister. Offiziell wird das Wave-Gotik-Treffen (WGT) mit den ersten Konzerten erst 52 Stunden später beginnen, als Felix Volkmann auf dem staubigen Parkplatz vor dem Agra-Gelände die Kohle anfeuert. „Wer was dabei hat, packt’s auf den Rost“, sagt der 28-Jährige aus dem bayerischen Erding, „so halten wir das immer hier“.

10 000 Schlafstätten im Agra-Park verteilen die Organisatoren unter den stets mehr als 20 000 Besuchern dieses weltweit größten jährlichen Familientreffens der Gothic-Szene, das Leipzig jetzt über Pfingsten bereits zum 26. Mal schwarz einfärbt. Am Mittwoch, 14 Uhr, durften die ersten Besucher ihre Autos unmittelbar vor die Tore des Zeltplatzes stellen. Am Donnerstag um die Mittagszeit, 30 Stunden vor dem ersten Konzert, öffneten sich dann die Pforten. Wer auf die Idee gekommen war, sich erst fünf oder sechs Stunden zuvor in die Autoschlange zu stellen, wartete hunderte Meter entfernt.

In aller Welt: wieso? „Es ist kompliziert, die perfekte Stelle fürs Zelt zu finden“, erklärt Gertjan Debie, ein 34-jähriger Bibliothekar aus dem belgischen Leuven. „Nah an den Wasseranschlüssen, aber nicht zu nah, damit es nicht zu laut ist. Nah an den Toiletten, aber nicht zu nah, sonst stinkt’s.“ Der Mann hat Erfahrung: Zum zwölften Mal besucht er das WGT. Am Mittwochnachmittag haben sie sich zu dritt in Leuven auf den Weg nach Leipzig gemacht.

„Wir sind hier, um neue Bands kennenzulernen“, sagt Debie. Sein Reisegenosse Klaas-Jaap van der Meijden ist als erklärter Bach-Anhänger sogar angereist, um den Pfingstgottesdienst der Thomaskirche zu erleben. „Leipzig ist eine tolle Stadt“, findet die Dritte im Bunde, die 26-jährige Saskia Creten. „Aber ohne das Treffen wäre ich bestimmt nie hierher gekommen.“

Hier sind die Normalos die Exoten

Rund 230 Künstler treten von Freitag bis Montag auf, viel zu entdecken für die drei Belgier. Aber die Musik steht nicht für die Mehrzahl der Besucher im Vordergrund. Marc Bunge, ein 44-jähriger Sportartikel-Verkäufer aus Hamburg, fläzt sich auf eine improvisierte Matratze aus Reisetaschen vor dem Agra-Eingang für Fußgänger, der ebenfalls noch versperrt ist. Seit 7 Uhr in der Früh liege er hier, um das Zelt später an derselben Stelle wie immer aufzubauen, sagt er. Zum 18. Mal ist er beim WGT. „Zelten, grillen, dummes Zeug labern – deshalb bin ich hier. Klar, ein paar Bands schau ich mir auch an, doch früher war mir das wichtiger.“

Für Benjamin Seitz aus Kassel bedeutet das Treffen, „nach Hause zu kommen“, formuliert er. 13 Jahre ist es her, dass er das pfingstliche Leipzig erstmals als Heimat identifizierte. „Als Schwarzgekleideter wird man anderswo schief angeguckt. Hier passiert das nicht.“ Dabei wird sich die Agra-Hauptroute erst noch aufs Neue zum berüchtigten Laufsteg für Gruftis und andere Schattenwesen entwickeln. Die Münchner Friseurmeisterin Denise Starzner, 38, trägt Netzstrumpfhose und hohe Absätze, aber stellt klar: „Das ist das Reise-Outfit. Aufgebrezelt wird später.“

Von einer „Lebenseinstellung“ spricht Wolf Escheid. Drei Zentimeter lang ragen die schwarzlackierten Fingernägel des 50-Jährigen hervor, seine Eckzähne sind geschliffen wie bei einem Vampir. Friedhofskerzen beleuchten seinen zum Wohnwagen ausgebauten Kleinbus, ein Totenschädel hängt von der Decke. „Beim Wave-Gotik-Treffen falle ich fünf Tage lang nicht auf“, sagt er. „Hier wirken eher die Normalos mit T-Shirt und Jeans wie die Exoten.“

Eine Jugendbewegung ist erwachsen geworden

Zu Hause in Bielefeld betreibt Escheid einen Antik- und Trödelmarkt, restauriert Oldtimer und hat zudem „sein Hobby zum Beruf“ gemacht, wie er es nennt: als Teilzeit-Bestatter. Auf dem Parkplatz harrt er einen Tag und eine Nacht aus, um später ein Plätzchen im Schatten zu ergattern. Sonnenlicht bekommt einem Vampir nicht. „Außerdem muss der Wagen geradestehen, sonst gibt der Kühlschrank den Geist auf.“ Eine Jugendbewegung ist erwachsen geworden.

Für Andreas Preller erfüllt das Schlangestehen hingegen einen Selbstzweck. „Parkplatzparty!“, ruft er, und aus allen Himmelsrichtungen schallt ihm das Echo entgegen. „Wir sind 40, 50 Leute, die sich jedes Jahr schon beim Warten wiedersehen“, erklärt er. Dabei könnte Preller die Nächte gemütlich in seinem Bett verbringen: Er ist Leipziger. Mit seinen 47 Jahren hat er 25 der 26 bisherigen Treffen miterlebt, erzählt er. „Meine Tochter ist 20 und war 19 Mal beim WGT, mein Enkel ist drei und zum zweiten Mal dabei.“

Grillmeister Felix Volkmann nickt anerkennend und legt ein paar kleinere Würstchen auf den Rost. „So halten wir das immer hier.“

Von Mathias Wöbking

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26. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig
2. bis 5. Juni 2017

Besuch nur mit Festivalticket möglich.

Vereinzelt Veranstaltungen für Individualbesuch (Mittelaltermärkte u.ä.)

Infos zum Ticketververkauf und zum WGT-Programm gibt es unter www.wave-gotik-treffen.de

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