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Fünf Tage Alltags-Moratorium: Ein Erlebnisbericht vom WGT 2011 in Leipzig

Fünf Tage Alltags-Moratorium: Ein Erlebnisbericht vom WGT 2011 in Leipzig

Jetzt, endgültig, hat es sich umgekehrt: Im Clara-Zetkin-Park gehört man nicht wie in den Vorjahren zu denen, die begeistert die Abgesandten der Dunkelheit fotografieren, sondern ist selbst Objekt.

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In eine andere Haut geschlüpft: Alessandra Luna, Esther Cornu und Alessandro Scriba wollen wissen, wie es ist, als Grufti das WGT in Leipzig zu besuchen.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Vor der Parkbühne schnellen gleich vier Normalos mit Kameras auf uns zu und bitten um Pose. Amüsiert, geschmeichelt und irritiert lassen sie es geschehen: die neunjährige Esther Cornu, Alessandra Luna und Alessandro Scriba. So nennen wir uns seit dem Entschluss, einmal beim WGT Gothics statt Beobachtende zu sein, die Haut zu wechseln, Reaktionen zu provozieren, einer Haltung und einem Phänomen nachzuspüren.

Eingekleidet vor allem im Underground-Fashion-Outlet, sind besonders Esther und Alessandra Blickfänge: das Mädchen in schwarzem Kleid, kunstvoll geschminkt und mit Fledermausflügeln; die eigene Braut langbeinig in Netzstrumpf, mit Perücke und schwarzer Lackmütze; Alessandro in Netzhemd, Nietenweste, wuchtigen Absatz-Plateaus und mit Punkerkamm, der viel Zeit und Betonhärte-Gel kostete. Wir sind eine Behauptung, aber damit sicher nicht die einzigen.

Esther kennt die Aufmerksamkeit vom Opernbesuch am Vorabend. Eine Südafrikanerin, die bereits zum vierten Mal hier ist, fragt nach einem Foto. "Habt ihr ein Glück, in dieser Kulturstadt zu leben", schwärmt sie. Wichtiges Studienfeld am Samstag: der Wochenendmarkt am Cottaweg, als einzige Gruftis in voller Montur zwischen Nylonbeuteln und Sandalen. Äußerst reserviert und wortkarg verhält sich der Obst- und-Gemüsehändler aus Sachsen-Anhalt, sonst immer für ein Schwätzchen zu haben; die Damen am Stand für geräucherten Fisch hingegen sind locker und interessiert: "Kann man in den Schuhen lange laufen?" Kann man, wenn es sein muss.

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Leipzig erwartet die Welt: Ab Freitag residieren Besucher aus ganz Deutschland und von allen Kontinenten in Leipzig, um das 21. Wave Gotik Treffen zu feiern. Auf sie wartet ein riesiges Programm mit über 200 Künstlern. Für die LVZ hat WGT-Sprecher Cornelius Brach Höhepunkte mit wichtigen Hintergrund-Informationen zusammengestellt.

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Beim Besichtigen des Heidnischen Dorfs verregnet das Wetter die Jungfrauen-Versteigerung, doch das Aussehen der Mit-Gruftis entschädigt. Unglaublich gestylte Gestalten zwischen chromartigem Cyber, ausladender Mittelalter-Spitze und komplett rot eingefärbter Teufelsbraut. Nirgendwo übrigens Patchouli, der dominierende Duft vergangener WGTs.

Auffällig ist der nicht allzu große Kommunikations-Wille von fremd zu fremd, man bleibt gern im schon bekannten Kreis. Trotz aller Verästelungen der Szene gilt für jeden ein Kodex: Pöbeln und Rumoren gehört sich nicht beim Flanieren auf dem stadtweiten Laufsteg der Eitelkeiten.

Was Alessandra, Alessandro und Esther fehlt: eine Gothic-Biografie, das Hineinwachsen in ein Lebensgefühl, das in Äußerlichkeit Ausdruck bekommt. Die in der Gothic-Kultur ursprünglich wohnende Faszination an Themen wie Tod und Vergänglichkeit aber spielt nur bei einem Bruchteil der Teilnehmer eine Rolle. "Ich mochte Wave schon immer und bin letztes Jahr einfach mal zum Treffen mitgekommen", erzählt ein Jüngling aus Senftenberg am Tisch des Sixtina-Freisitzes. "Das Ausscheren ins Abseitige macht halt Spaß." Das macht es.

Sonntagabend-Beschluss: ins Riquet-Café, Omis schocken. Weil das schon geschlossen hat, wird die Toleranz in Auerbachs Keller getestet. Obwohl der Große Keller fürs opulente Speisen gedacht ist, möchten wir nur etwas trinken. Der Chefkellner ist dennoch überaus freundlich und weist einen Platz in Blickweite zum Fassritt von Mephisto und Faust - volle Punktzahl!

Inzwischen hat man sich an neugierige Blicke gewöhnt, niemand reagiert angewidert, sondern wohlwollend bis angetan. Deutliches Schwächeln am letzten Tag der Reise durchs Schwarzsonnensystem kollektiver Selbstinszenierung: Esther ist ausgestiegen und geht früh ins Bett. Statt des aufwendigen Kamms klatscht Alessandro das Haar Guttenberg-mäßig zurück, die Plateau-Pein wird durch schwarze Adidas beendet. "Geht gar nicht", rügt Gothic-Kenner Peter. Auch Radfahren gilt als Sünde, es verhindert das Wandeln. Man ist aber schneller zu Hause, zum Abschminken nach dem Tanz im Dark Flower. Ein bereicherndes Alltags-Moratorium endet im Erschöpfungsschlaf. Bankangestellte tragen heute wieder Anzug statt Kutte. Und wir fahren Samstag zum Markt, ein Schwätzchen halten mit dem Händler.

Mark Daniel

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2. bis 5. Juni 2017

Besuch nur mit Festivalticket möglich.

Vereinzelt Veranstaltungen für Individualbesuch (Mittelaltermärkte u.ä.)

Infos zum Ticketververkauf und zum WGT-Programm gibt es unter www.wave-gotik-treffen.de

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