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"Jeder, wie er will": Gruftis feiern fünf Tage und Nächte lang das 20. Wave-Gotik-Treffen

"Jeder, wie er will": Gruftis feiern fünf Tage und Nächte lang das 20. Wave-Gotik-Treffen

Irgendetwas macht das Wave-Gotik-Treffen mit einem.

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Die ersten WGT Besucher trudeln kommen auf dem Campingplatz an.

Quelle: Regina Katzer

Leipzig. Egal, ob man zum ersten oder 20. Mal da ist. Ob man sich nur ein schwarzes T-Shirt der Lieblingsband überzieht oder an jedem der fünf Tage aufwendig anders kleidet. Ob man 365 Tage im Jahr als Goth lebt oder nur zu Pfingsten in Leipzig. Man verlässt diese größte Familienfeier der Schwarzen Szene anders, als man gekommen ist.

"Es ist wie ein Urlaub von dir selbst", erklärt Ines, 28 und Schuhmacherin aus Berlin. Sie reist in die unterschiedlichsten Ecken ihrer Seele. Am Freitag legt sie für das Viktorianische Frühstück im Clara-Park Faltenrock und Spitze an, am Samstag wandelt sie als Faun durch das heidnische Dorf am Torhaus Dölitz, am Sonntag als Bäuerin im Festtagsgewand über den Mittelaltermarkt auf dem Dach der Moritzbastei. "Mit meinem Alltag hat das nichts zu tun", sagt sie. Ganz anders Alex, 31 und Fernfahrer aus Augsburg. Gepierct, tätowiert, langes Haar, trägt er das ganze Jahr über schwarz. "Ich habe nichts anderes."

Anderswo würde man das Bedürfnis wittern, sich voneinander abzugrenzen. Doch die ständig beschworene Toleranz dieser vielfältigen Subkultur, die erst wieder eine Studie der Uni Leipzig als deren größten gemeinsamen Nenner destilliert hat, zeigt sich auch hier. "Sollen sie doch Fasching machen", findet Alex. "Jeder, wie er will. Nur weil ich immer schwarz trage, bin ich hier nicht wichtiger als andere."

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Leipzig erwartet die Welt: Ab Freitag residieren Besucher aus ganz Deutschland und von allen Kontinenten in Leipzig, um das 21. Wave Gotik Treffen zu feiern. Auf sie wartet ein riesiges Programm mit über 200 Künstlern. Für die LVZ hat WGT-Sprecher Cornelius Brach Höhepunkte mit wichtigen Hintergrund-Informationen zusammengestellt.

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Nicht einmal die Unheilig-Werbe-Plakate überall tragen Schaden davon, obwohl die Band, die noch vor drei Jahren beim WGT auftrat, mit Gastspielen bei Carmen Nebel und Oliver Geissen in der Szene Kredit verspielt hat. Celina steckt sogar im Unheilig-Shirt. "Na gut, mit fünf darf man das", sagt ihr Vater Marcel, 35 und Elektrotechniker aus Hoyerswerda. US-Hiphopper Usher dröhnt als Klingelton aus dem Mobiltelefon der Oberpfälzerin Melanie, 24. Trotzdem fühle sie sich erst in ihrem Steampunk-Outfit ganz bei sich. "Wenn ich könnte, würde ich immer so aussehen." Als Sicherheitstechnikerin kann sie das aber nicht.

Auf dem WGT, wo selbst Runen und Wehrmachtsuniformen akzeptiert werden, weil sie angeblich nie etwas mit deren nationalsozialistischem "Missbrauch" zu tun haben, endet die Toleranz erst am Einlass der Obsession-Bizarr-Party.

"Wegen meiner Stoffhose darf ich nicht rein", klagt der 19-jährige Fabse aus Naumburg Samstagnacht auf der Alten Messe. Wie es funktioniert hätte, erklären Fabses Zelt-Nachbarinnen Kittie, 30, aus Wien, und Josi, 20, aus Berlin am nächsten Morgen bei Kaffee und Brötchen: Kittie hat Josi an die Leine genommen. "Das war denen Fetisch genug", sagt Kittie und lacht.

Auf dem Agra-Rasen, wo mehr als 10.000 Besucher ihre Lager aufbauen, schlägt das Herz des Treffens. Fahnen senden über etlichen Zelten Botschaften aus: "Camp Siff", "Ich bin ein Schwarzfahrer", "Bestimmerin", "Amt für arschlöchrige Angelegenheiten", "Hansestadt Lübeck, Ortsteil Groß Steinrade". Darunter niederländisch-tschechisch-englisch-norwegisch-schwäbisches Sprachenwirrwarr. Und alle verstehen sich, ganz pfingstlich. Nur einer ruft auf die Frage, ob es in einer Pension nicht bequemer wäre, empört: "Wenn ich ins Hotel gehe, habe ich beim WGT nichts verloren!"

Die morgendlichen Schlangen vor den Waschräumen setzen sich ab Nachmittag vor den Häusern fort, in denen die Konzerte, Lesungen und Partys stattfinden. Vor dem Centraltheater müssen von Samstag bis Montag jeweils Hunderte unverrichteter Dinge abziehen, weil längst alle 700 Plätze besetzt sind. Kriminalbiologe Mark Benecke, ein prominenter WGT-Stammgast, erklärt drinnen, "warum ihr in Wirklichkeit gar keine reinen Menschen seid - und das hat nichts mit dem Grufti-Dasein zu tun".

5000 Arten tummelten sich in einem Körper und machten ihn zum "bakteriell-humanen Superorganismus", erklärt der Wissenschaftler mit dem Nasenring und verkündet noch eine Nachricht, die "auch nur ihr hier mit Freude quittiert": dass dieser Superorganismus, biologisch betrachtet, schon mit 25 "sehr langsam zu sterben" beginne. Dafür bedeute später der Tod nicht das Ende, sondern lediglich, dass "die Bakterien ganz übernehmen". Meistens knabbern sich zuvor ein paar Maden satt, und wenn - wie im Centraltheater - einige Goths die Mehlwürmer, die Benecke als Anschauungsobjekte mitgebracht hat, gleich verspeisen, ist der Kreislauf des Lebens also mal wieder komplett.

Nein, das WGT entlässt dich nicht so, wie es dich vorgefunden hat. Auf lange Sicht bleiben nicht einmal die Zaungäste unberührt, sogar die Boulevard-Medien hätten beschlossen, "dass Gruftis die Freundinnen und Freunde Leipzigs seien, weil sie so eine prima Pensions- und Hotel-Auslastung besorgten und am Bahnhof durch unerwartete Höflichkeit auffielen", hat Benecke beobachtet. Schneller vollzieht sich der Wandel im inneren Kreis, hinter den Absperrungen der rund 50 Orte, zu denen nur ein WGT-Bändchen Einlass gewährt. Dort kommen auf jeden Goth, den man in der Fußgängerzone, im Park, in der Straßenbahn erspäht hat, 50 oder 500 oder 5000 weitere. 23.000 Besucher plus 3000 Künstler im Umfeld von 278 Bands und Journalisten haben die Veranstalter gezählt.

Und dann torkelt man also, noch benommen von der Wucht des Goth-Rocks, aus der Agra-Halle und beobachtet, wie sich ein drei Meter großer Drache aufbäumt. Bald stellt sich heraus, dass sich in Wahrheit das Promo-Zelt für einen Gothic-Energy-Drink mit Markennamen "Relentless" ("Unbarmherzig" - ein Nischenprodukt der Coca-Cola-Company) aufbläst. Würde man derlei auch anderswo für ein Ungeheuer halten?

So etwas macht das Wave-Gotik-Treffen mit einem, hier ist eben mit allem zu rechnen. Auch mit einer Fee, die sich vor der Parkbühne kaum vor Entzücken einkriegt, nachdem Volker Zacharias auf dem Konzert zum 25. Geburtstag seiner Band Girls Under Glass angekündigt hat, dass nach Sven Friedrich von Zeraphine und Rascal Nikov von Rotersand nun Project-Pitchfork-Sänger Peter Spilles gratuliere. "So süß ist der!", brüllt die Fee, aber der Hüne, dem das Kompliment gilt, könnte einem in anderem Zusammenhang veritable Alpträume bereiten. Seine Stimme mit einem Reibeisen zu vergleichen, erweckt nicht die geringste Vorstellung dessen, wie sie klingt.

Anders als oft behauptet wird, handelt es sich beim WGT nicht in erster Linie um die Vollversammlung der "Traumatisierten, der Ausgestoßenen", die nicht Fußball spielen können, wie es Benecke formuliert. Das Treffen ist nicht einfach ein Auffangbecken für Freaks, die es genießen, wenigstens hier die Norm zu verkörpern. Aber immerhin bleibt unklar, ob - wie sonst - all die Schönlinge in ihren prächtigen Klamotten hier die Helden sind. Oder nicht doch die dürren Typen, die ihr lichtes Haar und die schiefen Zähne das ganze Jahr über tragen.

Die Studie der Uni Leipzig und ein Aufsatz Mark Beneckes über das WGT finden sich in Jennifer Hoffert, Alexander Nym (Hg): "Black Celebration", Plöttner Verlag 2011.

Mathias Wöbking

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26. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig
2. bis 5. Juni 2017

Besuch nur mit Festivalticket möglich.

Vereinzelt Veranstaltungen für Individualbesuch (Mittelaltermärkte u.ä.)

Infos zum Ticketververkauf und zum WGT-Programm gibt es unter www.wave-gotik-treffen.de

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