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Kulturprogramm für 21.000: Die Höhepunkte und Rohrkrepierer des WGT

Wave-Gotik-Treffen Kulturprogramm für 21.000: Die Höhepunkte und Rohrkrepierer des WGT

Unfassbar viel Kunst und Kultur bot das Wave-Gotik-Treffen bis zum Montag in Leipzig. Unmöglich, alles zu konsumieren – die LVZ hat Stichproben genommen, in Konzertsälen, Hallen und Galerien. Ein Resümee.

Geduld ist gefragt: Lage Warteschlangen vor dem Eingang ins Heidnische Dorf.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. Den Konzertreigen in der Agra-Halle eröffnen am Freitag jedoch Umbra Et Imago aus Karlsruhe. Die Texte und Inszenierungen der Band um den eigenwilligen Frontmann Mozart haben viel dazu beigetragen, den S/M-Fetisch in der Szene heimisch zu machen. Ihr Auftritt leidet unter dem unterirdischen Sound, der die Performance stark ausbremst. Wenigstens der Bühnencunnilingus kommt wie gewohnt. Mozart verabschiedet sich mit einem launigen: „Gothic First: Make Gothic Great Again!“. Nun ja, den meisten ist die Szene groß genug.

Der Technik-Teufel meldet sich viel später noch mal beim mitternächtlichen Auftritt des Duos Amanda Palmer und Edward Ka-Spel. Für viele ist die Kollaboration der amerikanischen Dresden-Dolls-Sängerin mit dem Mastermind der „Legendary Pinks Dots“ der Geheimtipp des Festivals. Aber das elektrische Klavier ist kaputt, die großen Stimmungsbögen wollen so nicht entstehen.

Am Pfingstsonntag geht das WGT 2017 in Leipzig zu Ende. Rund 21.000 Besucher feierten eine Szene-Festival, dass für viele schon eine Art Familientreffen ist. Stammpublikum kommt unter anderem aus Peru, Australien oder Argentinien. Kreativ, offen, originell - so zeigtenpräsentierten sich die Anhänger unserem Fotografen André Kempner.

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Im heidnischen Dorf ist es verbreitete männliche Mode, Trinkhörner mit sich zu führen und den Becher Met gleich dort hinein füllen zu lassen. Beim Warten auf „Tanzwut“ tritt an den Stand ein figürlich beneidenswert ausgestatteter Riese, spärlich bekleidet, die Blößen jedoch weitgehend mit Tattoos bedeckt. Er zückt ein Horn von ungefähr einem Meter Länge und lässt ungerührt zwei komplette Flaschen des schweren Honigweins hineinlaufen. Wenig später steht der Hüne, ein Russe wohl, am Rand des Gedränges vor der großen Bühne. Er macht große Schlucke und lässt sich willig mit Damen fotografieren, die ihn wohl gerne zu einer ganz privaten Session einladen würden. Der Rezensent wird nicht durch derartige Offerten von der Musik abgelenkt und stellt fest, dass Tanzwuts allzu großer Wille nach einem brachial-hymnischen Konsens zu plakativen Texten die Grenzen zum Schlager-Rock à la Santiano verblüffend schnell hinfällig werden lässt.

Einen wichtigen Raum im Gothic-Art-Mix nimmt die bildende Kunst ein. Nicht nur, dass alle größeren Museen der Stadt freien Eintritt für Bändchenträger anbieten, fast ein Dutzend Galerien locken mit speziellen Expositionen. Sehr schöne und originelle Arbeiten sind etwa in der „Galerie BeuteltierART“ auf der Könneritzstraße zu sehen, unter anderem Handabzüge der Schwarz-Weiß-Arbeiten des unübertroffenen Treffen-Fotografen Gerd Lehmann. Faszinierend-bizarre Steam-Punk-Objekte zeigt die Ausstellung „Machina Nostalgica“ im Hautbahnhof, bei „Popart trifft Surrealismus“ im Atelier Schreckenberger / Hermeling in den Brühlarkaden finden sich sehr geschmackvolle Angebote für den Goth mit Geld.

Die Erben der Wikinger

Eine gute Einstimmung zu „Klimt1918“ aus Rom im Alten Landratsamt. Die Band um die Brüder Marco und Paolo spielen einen fragilen Rock zwischen Joy Division und frühen Radiohead, der sich immer wieder in gewaltigen Post-Rock-Gewittern entlädt, bei denen sich die Akteure in bester Shoegaze-Manier völlig vergessen. Das Publikum ist begeistert, die Künstler sind sichtlich bewegt ob des Jubels. Der erste Anwärter für die tollste Band des Festivaljahrgangs.

Doch nicht lange: Hamferð kommen von den Färöer Inseln. Deren wenige windgezauste Bewohner betrachten sich als legitime Erben der Wikinger. Der Bandname ist das färöische Wort für die Geist-Erscheinung, in der sich ein verschollener Seefahrer seinen zu Hause harrenden Lieben offenbart. Ihren schwer schicksalsgetränkten Viking-Doom-Metal bringen sie auch in heimischer Mundart. Im Schauspielhaus rechnen die meisten mit einer akustischen Variante, zumal die Band in Schlips und Anzug die Bühne betritt. Tatsächlich stehen sie nahezu reglos. Doch sie bohren lautstark das ganz dicke Brett. Sänger Jón Aldará könnte mit seinem Tenor jederzeit ein Musical-Engagement annehmen, er kann aber ansatzlos in enthemmtes Metal-Gekreisch kippen und von da in tiefsten, bitterbösen Growl. Nur wenige Gruftis verlassen leicht überfordert das Haus, die anderen sind hörbar begeistert.

Große Verwunderung danach im Felsenkeller. Die belgische Ethereal-Wave-Legende „The Breath of Life“ um die magische Stimme von Isabelle Dekeyser – sie müssten in diesem Jahr wohl ihr 30-jähriges Bandjubiläum feiern – findet im großen Saal des Hauses vor höchstens 150 Leuten statt. Liegt es daran, dass zur gleichen Zeit im Täubchental die noch älteren „Sex Gang Children“ spielen? Egal. Der Klang ist perfekt, die Musik gewohnt hinreißend, Frau Dekeyser freut sich über die familiäre Atmosphäre, und die Gäste haben viel Platz zum Tanzen.

Genau in den Raum passen am Sonntag die beiden jungen Death-Rock-Post-Punk-Bands „Nox Interna“ (mit spanischen Wurzeln) und „Virgin in Veil“ aus Helsinki in der Moritzbastei. Beide gehen dahin, wo alles mal in einem dunklen Nebenarm des Punk angefangen hat. Das kommt rotzig geradeaus, der Iro steht trotz heftigster Kopfschüttelei, die Tonne tobt. Das Rennen machen „Nox Interna“, weil bei den Finnen jemand heimlich das Gesangsmikro weggemischt hat.

Dann aber zur Agra. Hier findet an diesem Abend ein dichtes Nacheinander von Szenegrößen statt. Gottlob ist die für ihre staubtrockene Hitze gefürchtete Halle durch den Regen der vergangenen Tage angenehm temperiert. Im Unterschied zum ersten Abend ist auch am Klang nichts auszusetzen. „The Mission“ um Wayne Hussey, vor mehr als drei Jahrzehnten aus den „Sisters Of Mercy“ ausgründet, sind im Grunde gar nicht goth.

Euphorie mit The Mission

Das ist eher Britpop (der ist auch immer ein bisschen traurig), Blur und Oasis sind ohne diese Pioniere nicht zu denken. Doch Hussey zieht sie alle auf seine Seite. Die Menge swingt sich ein, es entsteht eine gelöste, doch auch irgendwie weihevolle, eine euphorische und dabei absolut friedvolle Stimmung. Der Jubel will nicht enden, Hussey überzieht beträchtlich, was zu einiger Hektik hinter der Bühne führt. Doch das ist nicht schlimm, es folgen nur noch „Skinny Puppy“ aus Vancouver: Die Hohepriester des Industrial-Kults zelebrieren zum ersten Mal auf dem WGT selbst die Messe und versetzen die Gläubigen in Ekstase. Der Rezensent gönnt sich derweil ein Abschlussgetränk, er will sich die wunderbare Mission-Stimmung nicht durch technoides Gewummer aus der Seele hämmern lassen.

Die Gesamtbilanz fällt bestens aus, einmal mehr erlebten die treuen Gäste einen sehr guten Treffen-Jahrgang. Auch wenn in all dem schwarzbunten Trubel mal wieder vieles nicht geschafft wurde: Der Besuch beim „Hilfsverein Nächstenliebe“ und dessen seit Jahren angebotenem „Stricknachmittag für Schwarzromantiker“ (bei Kaffee und Kuchen!) wird erneut ins nächste Jahr verschoben. Nach dem Urlaub auf den Färöern.

Weitere Fotos und Berichte auf www.lvz.de

Von Lars Schmidt

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2. bis 5. Juni 2017

Besuch nur mit Festivalticket möglich.

Vereinzelt Veranstaltungen für Individualbesuch (Mittelaltermärkte u.ä.)

Infos zum Ticketververkauf und zum WGT-Programm gibt es unter www.wave-gotik-treffen.de

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