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"Publikum ist immer ein Risiko" - Goethes-Erben-Sänger Oswald Henke im Interview

Wave-Gotik-Treffen "Publikum ist immer ein Risiko" - Goethes-Erben-Sänger Oswald Henke im Interview

Szene Ikone Oswald Henke (Goethes Erben) ist in diesem Jahr mit verschiedenen Einzelaktionen auf dem WGT unterwegs und erzählt im großen Interview von aktuellen Goethes Erben Projekten, seiner Sicht auf das WGT, Politik und leidenden Gruftis.

Oswald Henke (r.) und Thomas Rainer vor dem Grassimuseum in Leipzig zu ihrer Weinprobe am Rande des WGT 2017.

Quelle: André Kempner

Leipzig. LVZ: Du warst mit Goethes Erben Teil des ersten WGT, später habt ihr oft in prominenter Position dort gespielt. Nun ist es ruhiger um die Band geworden und du bist mit kleineren Aktionen solo auf dem WGT unterwegs: Kannst du auch ohne Goethes Erben nicht vom WGT lassen?

Oswald Henke: Ich bin ja immer sehr gerne auf dem WGT und habe auch mit allen meinen Site-Projekten hier gespielt, sei es fetisch: Mensch, Erblast, Artwork oder Henke, auch Lesungen gab es in der Vergangenheit. In diesem Jahr bin ich eben mit etwas Besonderem da, ein kleines Goethes Erben Konzert sozusagen, nur Stimme und Klavier. Ich suche immer die Abwechslung und will Neues probieren, als immer nur den gleichen Trott.

Bist du ein WGT-Besucher, auch wenn du keine Künstlerischen Termine hast?

Ja klar. Ich bin schon am Donnerstag nach Leipzig gereist, um da möglichst viel mitzunehmen.

Bei Goethes Erben stand oder steht ja immer die Inszenierung sehr im Mittelpunkt, das Theatrale an der Musik. Jetzt gibt es Henke pur?

Es wird dadurch noch intensiver. Ich habe dieses Programm zusammen mit meinem Pianisten Sebastian Boettcher erarbeitet. Wir haben die Lieder um arrangiert, weil die meisten Stücke ja nicht auf Klavier basieren. Man ist viel freier bei so einer Zweier-Konstellation. Am Anfang war das noch sehr strukturiert und wir haben uns an die Vorgaben gehalten, inzwischen fangen wir an, mit den Liedern zu spielen. Wir gehen aufeinander ein, da kann man zu zweit allein schon fühlen oder mit Blickkontakt steuern, wie lang z.B. ein Lied dauert oder ob man das Tempo anzieht oder nicht. Das kann man bei einer Band, besonders wenn sie noch mit vorproduzierten Sequenzen spielt, nur sehr eingeschränkt. Im Herbst habe ich dann als Kontrastprogramm eine 8-köpfige Band auf der Bühne, das ist ein ganz anderes Arbeiten.

Liegt der Grund auch im Publikum? Du hast ja in so einer Konstellation auch die Chance, ganz anders zu interagieren.

Natürlich. Ein Musiktheaterstück hat ja eine ganz stringente Dramaturgie. Da gibt es keine Ansagen zum Publikum und keinen Dialog, außer, es ist von vornherein reingeschrieben in ein Stück und das macht man nur ganz selten. Publikum ist immer ein Risiko im Theater und das möchte ich gerne ausschließen. Ein Konzert ist immer auch Kommunikation, da wendet man sich als Künstler an das Publikum. Bei Festivals tickt allerdings die Uhr, da hat man seine 60 Minuten und verzichtet auf viele Ansagen, sondern versucht, so viel Stücke wie möglich rein zu packen.

Am Pfingstsonntag geht das WGT 2017 in Leipzig zu Ende. Rund 21.000 Besucher feierten eine Szene-Festival, dass für viele schon eine Art Familientreffen ist. Stammpublikum kommt unter anderem aus Peru, Australien oder Argentinien. Kreativ, offen, originell - so zeigtenpräsentierten sich die Anhänger unserem Fotografen André Kempner.

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Wie es jetzt hier wird, mal sehen. Wir spielen ja auch ganz alte Sachen, "Ich liebe Schmerzen.", zum Beispiel und das nur mit Klavier, das hat eine ganz andere Intensität. Wir reduzieren sonst sehr epische Sachen, wie etwa "Der Weg". Goethes Erben Lieder funktionieren ganz groß oder ganz klein. Das spricht dafür, dass die Substanz da ist.

Wie ist die Idee mit der Weinprobe entstanden?

Thomas Rainer und ich sind ja beide Weintrinker und finden das auch ein sehr kulturelles Ereignis. Wir haben das vor vier Jahren damals für einen ganz kleinen Kreis begonnen als wir zur Präsentation des Henke-Albums Pressevertreter zu einer Weinprobe und Anhörung des Albums eingeladen haben. Und dann dachten wir, warum sollen wir das so exklusiv halten und haben eine öffentliche Sache daraus gemacht. Die Idee dahinter ist, dass jeder sich beteiligen kann, man braucht kein Bändchen, wir legen nur das Zeitfenster fest, wo wir uns dort einfinden. Jeder bringt ein bis zwei Flaschen von seinem Lieblingswein oder zwei unterschiedliche mit, ein Glas und eine Flasche Wasser. Man trinkt dann nicht seinen eigenen Wein, sondern man geht durch die Leute, bietet anderen den Wein an, kommt ins Gespräch und lernt dadurch die Welt kennen: israelische Gruftis, portugiesische, russische.

Die Fantasie kennt keine Grenzen, wenn Wave-Gotik-Anhänger sich für das große Pfingst-Festival in Leipzig ausstaffieren. Unser Fotograf André Kempner hat internationale Gäste mit fantastischen Outfits getroffen.

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Du unterhältst dich plötzlich mit Leuten, mit denen du sonst, wenn du über die agra gehen würdest oder auf einem Konzert in der Reihe stehst, niemals unterhalten würdest. Aber durch den Kontakt über den Wein entsteht Kommunikation. Da sind sicher kaum Weinkenner dabei, wir sind auch keine, aber über den Wein fängt man an, über alle möglichen Dinge zu reden. Das ist das eigentlich Spannende an diesem Konzept. Sich gegenseitig Weine vorstellen und gleichzeitig sich selbst.

Darum auch eine Veranstaltung, die nicht offiziell Bestandteil des WGT ist?

Es sind ja nochmal genau so viele Leute in der Stadt, wie Tickets verkauft sind. Weil es eben ein Treffen ist, das ist ja das Besondere am WGT, es ist kein Festival im herkömmlichen Sinne, wie etwas M'era Luna oder Amphi, wo alles sehr zentral ist. In Leipzig ist die ganze Stadt Bestandteil des WGT, das macht es aus.

Wie ist dein Blick auf’s WGT? Wie hat sich das Festival in deinen Augen mit der Zeit entwickelt?

Es gibt ja immer Veränderungen. Die Altersstruktur ist sehr nach oben gegangen, für mein Empfinden kommen wenig Junge Leute dazu. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass die Szene ein wenig an Popularität verloren hat. Vielleicht hat sie die auch gar nicht mehr verdient, weil sie sich in den letzten Jahren sehr ausgeruht hat. Die großen Headliner wechseln sich Jahr für Jahr unter den großen Festivals ab und es kommt relativ wenig nach. Weil die, die an der Szene an den Schalthebeln sitzen, es versäumt haben, dem Nachwuchs eine Chance zu gaben. Bands aufzubauen über eine längere Zeit.

Das Wave Gotik Treffen ist auch ein Who ist Who der Szene-Musik. Am Samstag begeisterten die faröische Band Hamferð im Schauspiel Leipzig, Sylvaine aus Norwegen im Alten Landratsamt und The Breath of Life aus Belgien im Felsenkeller die Gotik-Gemeinde. Fotos: André Kempner

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Klar, bei den Musikmagazinen gilt: Anzeigen gegen Berichterstattung. Hast du das nicht, dann wird man relativ klein nur am Rande beobachtet. Und wenn eine nichtssagende Band, die nur Gebrauchsgothic macht, ein hohes Werbebudget hat, wird sie gepusht obwohl da keine Substanz da ist. Und das verpufft nach drei oder vier Jahren.

Was sagt das über die schwarze Szene heute aus?

Die Szene wollte irgendwann die Mechanismen der Popindustrie nutzen und ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich Musik mache, dann mache ich das aus einem inhaltlichen Antrieb heraus, nicht, weil ich möglichst viele Leute erreichen will. Für mich war immer klar, das Goethes Erben ein Randphänomen ist und anders nicht funktioniert: Ich spreche. Ich rappe nicht und singe ganz selten. Das kann man nicht im Radio hören, es ist keine Easy-Listening-Musik, die man nebenbei hören kann. Und natürlich behandeln wir textlich recht düstere Themen, das soll auch so sein. Es war immer mein Anliegen, düstere Musik zu machen. Die muss wehtun und wehtun dürfen. Darauf muss man sich einlassen und der Grufti von heute möchte eben nicht mehr leiden. Das ist auch ein Problem, wenn man nur Party will und vielleicht ein bisschen oberflächlich schwarz herum zappeln. Das ist schade.

Berücksichtigst du solche Sachen, wenn du als DJ auflegst? Nimmst du dann automatisch Sachen, die du für wichtig hältst für die Szene?

Klar. Die Musik, die ich spiele ist relativ alt. Und alles, was neu ist, kommt nicht von der Gothic-Szene, ich spiele Kite, spiele Björk, spiele Sachen, die düster sind und für mich das Lebensgefühl verkörpern, dass ich transportiert haben möchte. Der leidende Grufti (lacht). Humor gehört trotzdem dazu, gerade z.B. bei Lesungen von mir.

Ihr habt euch als Band immer klar gegen rechts ausgesprochen, du selbst, warst du nie verlegen dich, wenn auch in künstlerischer Art, so doch klar politisch zu äußern. Gleichzeitig wird der Gothic-Szene wird ja immer mal wieder vorgeworfen, politisch zu indifferent zu sein. Wie siehst du das?

Ich unterstelle manchen Künstlern einfach, sie wollen ihre Fans nicht verprellen, die aus dem rechten Lager kommen und beziehen leider deshalb keine klare politische Position. Da denken sie kommerziell und das finde ich ziemlich verachtenswert. Entweder ich stehe zu etwas und nehme da auch die Risiken und Nebenwirkungen in Kauf. Ich möchte keine Fans haben, die rechts denken und wenn ich die verprelle ist das auch gut so, denn ich möchte nicht, dass solche Leute meine Musik hören. Natürlich wäre es schön, wenn sie auch über bestimmte Dinge nachdenken würden, aber bei manchen ist es einfach wie mit der Taube und dem Schachspielen.

Sind da auch Veranstalter zu inkonsequent?

Man muss schon differenzieren. Es gibt ja Bands, die sind eindeutig rechtsradikale Tendenzen haben und manche spielen nur mit Optik und Ästhetik. Laibach zum Beispiel, eine Dauerdiskussion. Da steht für mich aber der Kunstaspekt im Vordergrund. Die haben noch nie zu Gewalt aufgerufen und die angeblich bösesten Lieder sind Cover-Versionen von Queen und Opus. Es ist sehr leicht mit irgendeinem Stempel herum zu laufen und zu sagen das darf man nicht machen und das ist rechts. Das komm auf den Kunstaspekt an. Das ist auch eine Diskussion, die ich mit Thomas Rainer des Öfteren habe, da er mit Nachtmahr sehr zwiespältige Ästhetik nutzt, die ich am Ende aber als Kabarett ansehe. Das erschreckende ist, dass es da Leute gibt, die Sachen für bare Münze nehmen. Und da muss man sich bewusst machen, wie weit man Massen aufhetzen kann. Das erinnert mich an den Film, "Die Welle", wo im Endeffekt die Mechanismen des Faschismus verwendet werden. Ich unterstelle das Nachtmahr und Thomas Rainer nicht, aber es wirkt ein bisschen wie Pandoras Box, die man nie wieder zu kriegt.

Wo steht Goethes Erben momentan? Wie geht es weiter?

Menschenstille, mein letztes Musiktheaterstück war der Grund, warum ich Goethes Erben wieder reaktiviert habe. Weil ich nach vielen Jahren mal wieder etwas zu sagen hatte. Das Schöne an meiner Position ist ja, dass ich nichts mehr machen muss. Ich muss keine Verträge erfüllen, ich kann Musik machen, ich kann veröffentlichen, ich kann auf die Bühne gehen. Aber ich bin in keinem Mechanismus des typischen Musikbusiness gefangen. Ich kann, wenn ich will. Im Moment will ich wieder. Durch die Jubiläumskonzerte hatte ich wieder Lust Musik zu machen. Dann hat sich in meinem Privatleben jemand umgebracht und ich hatte den Drang, mich mit dem Thema auseinander zu setzen. Dann habe ich ein ganzes Musiktheaterstück darum geschrieben.

Und aufgrund der politischen Situation in Deutschland habe ich jetzt eine neue Maxi gemacht, die sich mit Flucht und Vertreibung auseinandersetzt, vor allem mit unserer westlicher Ignoranz sich diesem Thema zu nähern: Lazarus. Eigentlich ist die Teil eines neuen Musiktheaterstücks, "Meinungsstörung", in dem es durch die Beeinflussung eines jeden durch seine Umwelt geht: Medien, Freunde, Fake News: Darum, dass man sich heute kaum noch eine verlässliche Meinung bilden kann, weil man keine 100%-ig verlässlichen Quellen mehr hat. Auch die alteingesessenen Medien berichten zum Teil viel zu schnell, weil das Tempo so hoch geworden ist. Da entstehen Sachen, die nur tendenziell richtig sind, zum Beispiel zum Amoklauf in München. Da wird Angst geschürt.

Leipzig gehört zu Pfingsten wieder den Wave-Gotik-Anhängern. In fantastischen Outfits beleben sie das Stadtbild, lassen sich oft auch gern fotografieren. Unsere Fotografin Regina Katzer wurde offen empfangen - hier sind ihre Eindrücke und Porträts.

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Weil mich das beschäftigt, habe ich mich künstlerisch damit auseinandergesetzt. Das Musiktheaterstück ist eigentlich fertig, wir bringen es nicht auf die Bühne, weil es momentan nicht finanzierbar ist, mit dem, was ich vorhätte. Deswegen jetzt erstmal nur die Maxi, die mir momentan wichtig erscheint. Wir könnten ein neues Album heraus bringen, wenn ich es will. Die Demo-Versionen sind da. Aber da muss ich mir im Moment auch die Frage stellen, warum? Es kostet mich sehr viel Geld und die Leute kaufen keine CDs mehr. Ich habe keine Lust als akustischer Bildschirmschoner zu enden. Deshalb erscheint Lazarus als Vinyl mit CD, ohne mp3-Code. Ich will, dass es ein körperlicher Tonträger ist, ich will, dass Musik einen Wert hat.
Auf den Konzerten dieses Jahr gibt es Goethes Erben pur. Mit ganz alten und ganz neuen Liedern.

Lieber Oswald, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast.

Ich danke auch!

Interview: Karsten Kriesel

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2. bis 5. Juni 2017

Besuch nur mit Festivalticket möglich.

Vereinzelt Veranstaltungen für Individualbesuch (Mittelaltermärkte u.ä.)

Infos zum Ticketververkauf und zum WGT-Programm gibt es unter www.wave-gotik-treffen.de

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