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Ronny Moorings und der Clan of Xymox: „Wir haben uns in Leipzig verliebt“

Ronny Moorings und der Clan of Xymox: „Wir haben uns in Leipzig verliebt“

Wie jährlich zu Pfingsten pilgert ab Freitag eine schwarze Kolonne durch die Stadt. 20.000 Besucher werden zum 20. Wave-Gotik-Treffen erwartet.

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Die Band "Clan of Xymox" zieht immer wieder die Fans des WGT in ihren Bann

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die meisten Dark-Waver, Gruftis, Gothics und Cyber-Punks ziehen vorüber, zwei aber sind geblieben: Ronny Moorings, Chef der niederländischen Band Clan of Xymox, und seine Lebensgefährtin, Bassistin Mojca Zugna, leben seit 2006 in Leipzig. Am Samstag legt Moorings im Club Darkflower auf.

Frage:

Bedauern Sie, dieses Jahr kein reguläres Konzert beim WGT zu spielen?

Ronny Moorings:

Ja. Leider kann man sich nicht selber einladen (lacht). Andernfalls würden alle Bands jährlich spielen! Zuletzt waren wir ja 2009 dran, auf der Parkbühne, das habe ich sehr gut in Erinnerung. Wir hatten immer tolle Erlebnisse beim WGT, und ich hege keinen Zweifel daran, dass wir wieder dort auftreten werden. Ich verstehe die Organisatoren aber gut: Sie können nicht jedes Jahr dieselben Bands buchen, das wäre langweilig für das Publikum. Dass ich zum WGT immerhin im Darkflower auflege, liegt einfach daran, dass mich der Club-Betreiber direkt gefragt hat.

Schauen Sie sich einige Künstler an?

Ja, Freunde von mir aus England spielen: The March Violets. Ihr Gitarrist gehörte mal auf einer Amerika-Tour zu meiner Band. Da sie noch nie beim WGT waren, zeige ich ihnen, wie es so läuft - und auch ein wenig von Leipzig.

Sie betätigen sich als Stadtführer?

Ich mache immer und überall Werbung für Leipzig. Ich mag die Architektur und die frische Luft, die Parks, die sich wie eine grüne Lunge durch die Stadt ziehen. Überraschenderweise bleibt Leipzigs Schönheit gerade vielen Westdeutschen noch immer verborgen. Sie pflegen ihre Vorurteile, vielleicht liegt es an diesem Ossi-Wessi-Ding. Die Wessis haben anscheinend nach wie vor die DDR in ihren Köpfen. Ich dagegen bin noch immer ein Holländer: Ich fahre viel Rad, und weil Leipzig ungefähr so steil ist wie die Niederlande, geht das gut hier.

Sie sind vor fünf Jahren hierher gezogen. Wie kam das?

Komischerweise taten mir die Leipziger leid, als ich 1997 erstmals wegen des Wave-Gotik-Treffens in die Stadt kam. Die Stadt erschien mir so deprimierend und trostlos. Erst Jahre später merkte ich, dass sich mein Eindruck auf die Agra-Umgebung und unseren Weg dorthin beschränkt hatte, der uns aus mysteriösen Gründen nur an Industrie und Ruinen vorbei geführt hatte. Durch weitere WGT-Auftritte lernten wir die Stadt langsam besser kennen. Auf die Idee, hierher zu ziehen, kamen Mojca und ich aber erst 2004. Wir wollten uns ein Haus kaufen und merkten, dass das in den Niederlanden einfach zu teuer ist. Im Internet fand Mojca hingegen in Leipzig einige preiswerte Angebote. Wir fuhren zum ersten Mal außerhalb des WGTs her und blieben zehn Tage, um die Stadt besser kennenzulernen - und haben uns in sie verliebt. In Gohlis fanden wir auch recht schnell ein Haus, das uns gefiel.

Fühlen Sie sich zu Hause?

Leipzig ist meine Heimatstadt. Ich habe hier mehr das Gefühl, zu Hause zu sein, als in meinem Geburtsort oder in Amsterdam. Die einzige andere Stadt, in der ich gelebt habe und die ich wirklich mochte, war London. Aber dort ist das Leben auf Dauer zu teuer, und selbst wenn das nicht so wäre, würde ich Leipzig vorziehen. Groß genug, aber nicht zu klein, so dass man sich nicht provinziell fühlt. Für eine Band ist es von Vorteil, dass Leipzig heute als logistisches Zentrum in der Mitte Europas liegt - samt Flughafen, perfekt. Ich habe einige Freunde, die liebend gern hier leben würden. Aber es ist schwierig für sie, einen angemessenen Job zu finden. Als Musiker habe ich ja das Glück, dass ich überall arbeiten kann, wo es Strom für meine Instrumente gibt.

Ist das beschauliche Gohlis denn düster genug für Ihre schwermütige Musik? Ihr gerade erschienenes, 13. Studio-Album heißt „Darkest Hour“ ...

Tatsächlich arbeite ich meistens mitten in der Nacht. Ich halte den Tag eher für uninspirierend. Da gibt es einfach zu viele Dinge, die erledigt werden müssen. Einkaufen gehen, Zeitung lesen, Anrufe entgegennehmen, E-Mails beantworten. Erst wenn alle anderen schlafen, bin ich entspannt und kreativ. Das ist meine Zeit. Und das ist meistens die dunkelste Stunde, also ungefähr um drei Uhr. Gleichzeitig geht der Titel auf diesen Churchill-Ausspruch von 1940 zurück. Der Punkt ist: Er meinte damit, dass da wieder Licht ist, wenn die dunkelste Stunde vorüber geht. Auf dem Album habe ich ein Instrumentalstück „Darkest Hour“ getauft. So zwinge ich den Hörern keine Interpretation auf. Ja, es ist dunkel. Aber man kann in der Musik fühlen, dass darin auch ein Fünkchen Hoffnung verborgen ist.

Und wann schlafen Sie?

Meistens von fünf bis zwölf Uhr. Das hat sich seit langem als mein natürlicher Biorhythmus herausgestellt. Es ist wirklich seltsam: Wenn ich in Amerika bin und dort nicht schreibe, dann gehe ich gegen Mitternacht ins Bett und wache spätestens um neun Uhr auf. Dort habe ich also einen vollkommen normalen Rhythmus. Es ist bizarr, vielleicht auch ein glücklicher Effekt des Jetlags. Jedenfalls genieße ich den Luxus, dass es niemanden kümmert, wann ich arbeite.

Clan of Xymox existiert nun seit fast 30 Jahren ...

Darüber lässt sich streiten. Offiziell brachte ich das erste Mini-Album 1983 heraus. Ich weiß natürlich, dass ich davor schon musiziert hatte, also kann man auch von 30 Jahren sprechen, ich mag runde Zahlen. Viele sehen auch 1984 als Anfang. 1984 erzählte ich selbst allerdings, es gebe die Band seit 1981, um nicht so neu zu erscheinen. So oder so existieren wir nun fast ein Leben lang.

Fühlen Sie sich nach fünf Jahren hier als Teil der Leipziger Musikszene?

Hmm, ich kenne Daniel Myer von Haujobb. Aber er stammt aus Bielefeld. Und Erk Aicrag von Hocico. Doch er ist Mexikaner. Leipzig hat viele importierte Bands. Aber eine originäre Musikszene?

Die Art?

Klar, ich kenne die Band, aber leider nicht persönlich - obwohl sie sogar mal vor uns auf der Parkbühne gespielt hat. Zuvor hatte mir jemand „Obsession Is Sad Passion“ in die Hand gedrückt, und ich liebe diesen Song. Leider gefällt mir der Rest nicht so sehr, aber das Lied ist perfekt, und ich war überrascht, dass die Band aus Leipzig kommt. Dann kenne ich noch Steinkind, aber auch nicht persönlich. Auf einem Festival habe ich dafür mal jemanden von Love Is Colder Than Death getroffen.

Welche Rolle spielt Leipzig für die Gothic-Szene?

 Das WGT ist ziemlich repräsentativ dafür, wie sich diese heterogene Szene zusammensetzt. Hier treffen stets die Bands aufeinander, die in den Jahren zuvor wichtig für diese Subkultur waren. Und solche, die nach langer Pause wieder zusammenfinden. Eine Gruppe wie The March Violets gibt ihr Comeback-Konzert natürlich beim WGT. Leipzig ist für uns ähnlich bedeutend wie Roskilde für die Indie-Szene. Mir persönlich gefällt das WGT nach wie vor am besten, weil die gesamte Stadt involviert ist. Ich trete auch gern beim M’era Luna in Hildesheim oder zu Weihnachten beim Dark-storm in Chemnitz auf. Aber das sind eben typische Festivals in geschlossenen Terrains außerhalb, nicht mitten in der Stadt. Das macht das WGT einzigartig. In Utrecht versuchen sie, das Konzept zu kopieren, aber in einer kleinen Version.

Und wie ist es andersherum: Welche Folgen hat das WGT für Leipzig?

Die Leipziger zeichnen sich durch Toleranz aus, und ein bisschen liegt das vielleicht daran, dass sie seit fast 20 Jahren gewohnt sind, diese Schar an alternativen Leuten zu sehen. Sie glotzen einen nicht an. Wobei Leipzig ja eine Geschichte als Messestadt besitzt und seit langer Zeit alle möglichen unterschiedlichen Menschen anzieht. Amsterdam hat den Ruf, eine tolerante Stadt zu sein, aber im Vergleich zu Leipzig stimmt das überhaupt nicht. Wenn man etwas merkwürdig ausschaut, erntet man dort ständig verächtliche Kommentare. Hier nicht.

Viele WGT-Besucher nutzen die Stadt während des Treffens als Laufsteg. Brezeln Sie sich auf?

Dafür bin ich nicht der Typ. Im Vergleich zu anderen sehe ich sogar im Bühnen-Outfit geradezu normal aus. Aber ich mag es, wenn sich die Leute zurechtmachen. Auch viele Leipziger lieben das Spektakel. Die Stadt sieht für ein paar Tage anders aus, wenn ein sichtbarer Menschen-Strom sie bevölkert.

Die Gruftis nehmen Leipzig zum 20. Mal ein. Wird das WGT weitere 20 Jahren bestehen?

Das WGT hat sich als sehr gutes Konzept erwiesen. Für viele Menschen sind die Konzerte mittlerweile in erster Linie eine gute Entschuldigung, um nach Leipzig zu reisen und Leute zu treffen. Die Szene übt zudem eine kontinuierliche Anziehungskraft aus. Man kann fast von einer Cross-Kontamination sprechen. Viele Metal-Bands berühren Gothic,  Gothic-Bands berühren Metal, und dann kommen noch Elektro-Einflüsse dazu. Dadurch gewinnt die Szene ständig neue Anhänger. Wichtig ist der alternative Grundton. Er wird immer da sein. Viele Menschen mögen den Mainstream einfach nicht.

DJ Ronny M., Samstag, 21 Uhr, Darkflower (Hainstraße 12-14); Clan of Xymox spielen am 6. August in der Moritzbastei (Universitätsstraße 9). Das Album „Darkest Hour“ ist bei Trisol erschienen; www.clanofxymox.com.

Hintergrund: Ronny Moorings und Band

Ronny Moorings studierte Soziologie und Medienwissenschaften, als er auf einmal merkte, dass er auch von der Musik leben kann. Clan-of-Xymox-Platten verkauften sich in den 80ern 100000- bis 300000-fach. Moorings, der sein Alter nicht verrät, war immer der Bandchef, mittlerweile nimmt er die Studio-Alben ganz alleine auf. Vor wenigen Wochen ist die 13. Platte „Darkest Hour“ erschienen, die mit einem Retro-Elektro-Sound überrascht. „Vielleicht müssen sich die Leute zuerst daran gewöhnen, aber das war bei meinen Platten ja immer so“, sagt er. Wie gehabt verbindet „Darkest Hour“ ein Gespür für einnehmende Melodien mit opulenten Klängen und zuweilen treibender Tanzbarkeit.

Die übrigen Bandmitglieder, zu denen seit 1990 seine Lebensgefährtin Mojca Zugna gehört, schließen sich erst live an. Moorings versucht, lange Touren zu vermeiden, lieber gibt er einzelne Konzerte, „ungefähr 20 im Jahr“. Im Mai erst hat die Gruppe in Houston vor 1100 Zuschauern gespielt, vor ein paar Jahren waren es in Mexiko-Stadt mal 20000. Im August sind Clan of Xymox für die Leipziger Moritzbastei gebucht. Und für 2012 will ein chinesischer Künstler-Vermittler die Band für eine Tour durch sein Land gewinnen.

Ein holländischer Fan bietet seit kurzem Ronny-Moorings-Figuren als Sammlerstücke im Internet an. Moorings gab sein Okay unter der einzigen Voraussetzung, dass er auch eine Puppe bekommt. Sie spielt nun eine prominente Rolle im Videoclip der aktuellen Single „Delete“. Er sei sich sicher, „dass es genug Leute gibt, die mich wegen meiner Musik hassen und ein paar Nadeln in mich stecken“, sagt er und lacht. Da er aber nicht an Voodoo glaube, habe er davor keine Angst.

Mathias Wöbking

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Besuch nur mit Festivalticket möglich.

Vereinzelt Veranstaltungen für Individualbesuch (Mittelaltermärkte u.ä.)

Infos zum Ticketververkauf und zum WGT-Programm gibt es unter www.wave-gotik-treffen.de

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