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"Schwarze Szene ist mehr als Leute, die sich komisch anziehen und Gesichter anmalen"

Interview mit Kulturwissenschaftler und Buchautor Alexander Nym "Schwarze Szene ist mehr als Leute, die sich komisch anziehen und Gesichter anmalen"

Kulturwissenschaftler Alexander Nym war lange in der Schwarzen Szene aktiv. Im Gespräch erzählt er von den Anfangsjahren des WGT, erklärt die Bedeutung des Schwarz-Seins und räumt auf mit dem Klischee der deprimierten Teufelsanbeter. Apropos WGT: Haben Sie ein Lieblingsfoto vom Treffen? Dann machen Sie mit bei unserer Fotoaktion!

Von Alexander Nym ist 2010 das Buch "Schillerndes Dunkel" erschienen, seitdem nennen ihn viele "Professor Goth".

Quelle: Hendrik Schmidt / dpa

Alexander Nym, 1974 in Nürnberg geboren, ist Kulturwissenschaftler und Buchautor. Er war viele Jahre aktiv in der Schwarzen Szene unterwegs. Und obwohl er heute kein Grufti mehr ist, lässt ihn die Faszination der Schwarzen Kultur nicht los. In unserem Gespräch erzählt er von den Anfangsjahren des Wave-Gotik-Treffens, erklärt die Bedeutung des Schwarz-Seins und räumt auf mit dem Klischee der deprimierten Teufelsanbeter.

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Herr Nym, erinnern sie sich noch an ihre Anfänge in der Schwarzen Szene? Wann haben sie angefangen, schwarze Klamotten zu tragen?
Daran erinnere ich mich noch gut. Das war 1987. Ich war ein Teenager und habe gern Vincent-Price- und Christopher-Lee-Filme geschaut und Bücher von Edgar Allan Poe gelesen. Ich habe dann mitbekommen, dass es eine Szene gab, die sich der Buntheit der übrigen Menschheit entzog und sich stattdessen auf die Farbe Schwarz reduzierte. Das hat mich fasziniert. Ich hatte endlich einen Toleranzraum gefunden, der es mir ermöglichte, mit Styling, Klamotten und musikalisch zu experimentieren, ohne anzuecken.

Wie sahen sie damals aus?
Ich bin richtig archetypisch herumgerannt. Ich war leichenblass geschminkt, hatte hochtoupierte Haare, trug einen schwarzen Fledermausmantel und spitze Schuhe. Ich habe das volle Programm durchgezogen und sah richtig düster und gotisch aus.

Sie sind in Nürnberg aufgewachsen. Wie war das Leben dort als Grufti?
Die Schwarze Szene in Nürnberg war recht überschaubar. An meinem Gymnasium war ich zeitweise der einzige Grufti. Da gab es natürlich Anfeindungen und komische Blicke. Ich habe viel einstecken müssen.

Haben es die Gruftis heute einfacher?
Ich denke, in Deutschland werden Mitglieder der Schwarzen Szene heute eher anerkannt als noch in den achtziger Jahren. Anfang der Neunziger gab es ein richtiges Revival, als sich auf einmal unglaublich viele Leute für unsere Musik und unsere Kleidung interessierten. Da rückte die Szene ein gewaltiges Stück in Richtung Mainstream.

1992 trafen sich einige Anhänger der Schwarzen Szene zum ersten Wave-Gotik-Treffen. Wann waren sie zum ersten Mal beim WGT in Leipzig?
Ich war 1993 zum ersten Mal beim WGT. Das war schon nach meiner eigenen intensiven Szeneaktivität. Damals war es noch ein Treffen für ein paar Freaks. Es war wirr und chaotisch und zugleich beeindruckend und faszinierend.

Im Vergleich dazu ist das Treffen heute riesig...
Ja, ich war 1994 noch mal beim WGT und dann viele Jahre gar nicht. Ich hatte zwar mitbekommen, dass es über die Jahre gewachsen war, doch als ich 2007 wieder hingefahren bin, war ich baff, wie sich das WGT entwickelt hatte. Viele Besucher reisen extra aus dem Ausland an. Für die meisten Gruftis hat das Treffen einen ganz besonderen Stellenwert, es ist ihr Höhepunkt des Jahres.

Sie sagen selbst, dass sie schon viele Jahre nicht mehr aktiv in der Szene sind. Dennoch können sie anscheinend nicht loslassen. So haben sie 2010 das Buch „Schillerndes Dunkel“ herausgebracht, ein Nachschlagewerk zur Schwarzen Kultur.
Ich wurde damals mit den Worten „Du kennst Dich da doch aus, schreib mal ein Buch darüber!“ angesprochen. Also habe ich die Chance ergriffen und das, was ich weiß und was für mich selbstverständlich und normal ist, zu erklären und aufzuschreiben. Heute verfolgt mich dieses Buch. Jetzt bin ich „Professor Goth“, obwohl ich mich mit der gesamten Palette populärer Kultur seit dem 20. Jahrhundert analytisch befasse. Dieses Label werde ich wohl nicht mehr los. Aber ich will mich nicht beschweren, es ist ja nett gemeint.

Werden sie in diesem Jahr zu Pfingsten in Leipzig sein?
Ja, quasi beruflich. Ich hatte vor ein paar Jahren das Glück, die englische Industrial-Band Test Dept in ihrer Reaktivierungsphase kennenzulernen. Sie waren 20 Jahre als Gruppe inaktiv und jetzt spielen sie wieder als Test Dept: Redux. Ich habe den Kontakt zwischen der Band und den Organisatoren des WGT hergestellt und nun wird es eine groß inszenierte Show geben. Parallel dazu wird über Pfingsten in der Galerie KUB eine Ausstellung zu sehen sein, die in einer Retrospektive Archivmaterial wie Videos, Sounds, Poster und T-Shirts von Test Dept präsentiert. Bei dieser Ausstellung wirke ich ebenfalls mit. Es ist ein Brückenschlag von Vergangenheit und Gegenwart, ein Projekt, auf das ich sehr stolz bin.

Apropos Ausstellung. Im Stadtgeschichtlichen Museum läuft derzeit die Ausstellung „Leipzig in Schwarz“, die Geschichten aus 25 Jahren Wave-Gotik-Treffen erzählt. Auch dort haben sie mitgewirkt.
Ja, ich bin einer der Herausgeber des Begleitbuches zur Sonderausstellung „Leipzig in Schwarz“, das auch zugleich die Festschrift zum WGT-Jubiläum ist. Außerdem habe ich für die Ausstellung einige Dinge aus meiner persönlichen Sammlung als Exponate zur Verfügung gestellt. Aus meinem Archiv sind Bücher, Broschüren, Plattencover und Kleidungsstücke dabei. Durch die Ausstellung zu laufen und diese Sachen zu sehen, das ist irgendwie surreal. Da kommen viele Erinnerungen hoch.

Wenn man ihnen zuhört, klingen sie nach wie vor sehr enthusiastisch, wenn sie über die Schwarze Szene sprechen. Was bewundern sie an dieser Kultur?
Für mich war die Schwarze Szene schon immer mehr als nur ein paar Jugendliche, die sich komisch anziehen und sich die Gesichter anmalen. Die Gruftis hatten schon immer mit Vorurteilen und Klischees zu kämpfen. Zuerst hieß es, alle Anhänger sind satanistische Katzenschlächter, dann wurde gesagt, es sind alles runenwerfende Neonazis. Mittlerweile sehen viele, dass die Szene ihren Mitgliedern einen Freiraum bietet, sich als Individuum zu verwirklichen und zu entwickeln, ohne von den Anderen heruntergeputzt oder negativ gedämpft zu werden. Die Leute können sich kreativ entfalten. Sie werden akzeptiert und man lässt sie machen.

Was bedeutet es also, schwarz zu sein?
Zunächst einmal muss ich folgendes klarstellen: Diese Leute sind keine deprimierten Teufelsanbeter und Katzenschlächter, sondern freundliche, höfliche Menschen. Die Szene ist ja damals aus der Punk- und Industrial-Musik der 1970er Jahre entstanden. Heute jedoch spielt Musik nicht mehr die Hauptrolle. Vielmehr sind es auch Bereiche wie Literatur, Filme, Theater oder die Art, wie man seine Wohnung einrichtet. Die Schwarze Kultur erstreckt sich auf alle Lebensaspekte. Die schwarze Kleidung ist dabei nur der kleinste gemeinsame Nenner, sozusagen die universelle Gemeinsamkeit aller Anhänger. Es geht um Individualismus und darum, das eigene Leben zum Kunstwerk zu machen.

Wo sehen Sie sich selbst heute in der Szene?
Ich bin Beobachter und irgendwie auch Bestandteil der Szene. Oft sehe ich mich als Katalysator, wenn ich zum Beispiel durch meine Kontakte die Leute zusammenbringe und daraus etwas Neues entsteht. Diese Szene ist Leidenschaft und Faszination zugleich, der auch ich mich nicht entziehen kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

Anja Malek

Buchtipp:
Alexander Nym "Schillerndes Dunkel - Geschichte, Entwicklung und Themen der Gothic-Szene"
Araki Verlag, Hardcover, 432 Seiten, ISBN-13: 978-3941848160
Bestellbar über den Araki-Verlag.

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