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Tausende zahlende Besucher beim 23. Wave-Gotik-Treffen – und unzählige Zaungäste

Begegnungen von Gruftis und Normalos Tausende zahlende Besucher beim 23. Wave-Gotik-Treffen – und unzählige Zaungäste

Seit über 20 Jahren wird in Leipzig zu Pfingsten der dunkelromantische Geist über der Stadt ausgegossen. Alle Kulturhäuser ziehen inzwischen mit, in diesem Jahr auch fast alle Museen. Im Haus des Buches wird zu germanischer Magie gelesen, in der Peterskirche Szene-Gottesdienst gefeiert, auf der Automesse gibt’s Leichenwagen.

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Markttreiben im Heidnischen Dorf (Torhaus Dölitz) am 25. Mai 2012. Das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig ist eines der wichtigsten Events für die Stadt, neben Buchmesse und Bachfest.

Quelle: Regina Katzer

Leipzig. Der Fürstenhof lädt zur Ausstellung und über den „Stricknachmittag für Schwarzromantiker" des „Nächstenliebe e.V." lacht schon lange keiner mehr.

Angesichts der 59 in der Regel gut besuchten Veranstaltungsorte wirken 21 000 offizielle Besucher eigentlich wenig. Doch es kommen mehr und mehr Leute, die das Wave-Gotik-Treffen (das übrigens von Beginn an nach dem Baustil benannt ist, auch wenn die Leipziger konsequenter „Gottik-Treffen" sagen) in seiner eigentlichen Bedeutung nehmen: Sie kommen, sich zu treffen, sie wollen teilhaben am Geschehen. Die 99 Euro für das Eintrittsbändchen wollen sie aber nicht ausgeben.

Die Festivalleitung geht mit diesen Trittbrettfahrern entspannt um. Der Zeltplatz auf der Agra ist ohnehin an der Kapazitätsgrenze, einige Hallen bei den großen Bands auch. Im Heidnischen Dorf und beim Mittelaltermarkt „Wonnemond" auf dem Dach der Moritzbastei wird aus der Not eine Tugend gemacht: Ursprünglich gedacht, Begegnungen von Gruftis und Normalos zu ermöglichen (unter Mitnahme einiger Euro Eintrittsgeld) wurde besonders das Dorf am Torhaus Dölitz zur zentralen Schnittstelle von Treffengästen mit und ohne Bändchen. Hier ist ein Festival im Festival entstanden. Auf der großen Bühne spielen längst nicht mehr nur die sattsam bekannten Mittelalter-Dudelsack-Brigaden. Etwa zehn Bands finden hier an jedem Treffentag statt, darunter große Namen wie Inkubus Sukkubus oder Primordial. Angesichts dieses Programms sind die 10 Euro Eintritt ein echtes Schnäppchen. Der „Wonnemond" auf dem Dach der MB geriet in diesem Jahr in der drückenden Hitze allerdings zum Tanz auf dem heißen Stein für die Hitze-Resistenten.

Das sattsam bekannte Bild auch vor der Parkbühne. Hunderte kampieren auf der Wiese davor, sie picknicken auf mitgebrachten Decken, lauschen der Musik. Die meisten in Schwarz. Sie kommen gezielt zu einzelnen Bands – aber sie gehen nicht hinter die Absperrung, weil sie keinen Eintritt bezahlt haben. Die Beschaulichkeit der Stimmung im Park hängt natürlich immer ein wenig von der Musik ab. Wird am Sonnabend mit Ewigheim oder den Untoten noch schwarzromantische Konsens-Kost geboten, so gehört der Sonntag dem Düsterkrach – doch noch immer genießen viele entspannt und verträumt etwa den bitterbösen und knüppelharten Oldschool-Black-Metal der norwegischen Koldbrann.

Das ohnehin höchst unbefriedigende Müllmanagement im Park gerät dabei voraussehbar zur ekelhaften Katastrophe. Fast rührend, wie die reinlichen Gruftis ihren Abfall penibel zu den großen Haufen tragen, die andeuten, dass darunter ein übervoller Papierkorb steht. Wenigstens schaffen Scharen von Flaschensammlern vieles aus dem Park. Ein imageträchtiges Bild für Leipzig schaffen sie aber nicht.

Bestens besucht bis rammelvoll die Ausstellung mit Werken von H.R. Giger in der Galerie Sansvoix – Modern Art im Innenhof des A&O-Hotels. Das hat nicht nur damit zu tun, dass der Schweizer Künstler, der sein Kommen zum WGT bereits in Aussicht gestellt hatte, vor Kurzem gestorben ist. Gigers sinistrer, technoider Surrealismus machte ihn schon lange zum Kultkünstler für Schwarze, Gothics sehen in ihm eine Art Salvador Dalí der Finsternis. Offen ist diese Ausstellung für alle – doch hierher verirren sich nur wenige Zaungäste. Giger, der mit dem Artwork zu den „Alien"-Filmen Kunst- und Filmgeschichte geschrieben hat, ist breitem Volke nicht bekannt. Die Ausstellung von Grafiken, Gemälden und Skulpturen ist übrigens noch bis zum 13. Juni zu sehen.

Erstmals gab es gotische Straßenmusik. Aus Süddeutschland sind „Die Kammer" um den charismatischen Max Testory angereist. Testory war mit „Chamber" mal eine ziemlich große Nummer in der Szene. Mit seiner neuen Band ist er wieder auf dem Weg dorthin. Zu einem Platz auf dem Billing hat es diesmal noch nicht gereicht, also packen sie einfach Klampfen und Violinen vor der MB, im Agra- und im Clara-Park aus.

Abends eine Party zu finden, ist traditionell auch für Bändchenlose nicht schwer. Mit kommunikativer Unterstützung der WGT-Veranstalter organisiert zum Beispiel die Absintherie Sixtina seit Jahren ein eigenes Programm. Die Moritzbastei lässt ebenfalls alle rein, die wollen. Parallel zum Treffen ging dieses Jahr bereits das neunte Gothic-Pogo-Festival über die beiden Bühnen in der alten Damenhandschuhfabrik. Der Westen kommt also auch beim WGT, als neue Location wurde das Täubchenthal erschlossen.

Dafür blieb der Süden bunt: Lange Gesichter bei den Gastronomen um das Connewitzer Kreuz. Die Treffenleitung hat das Werk 2 aus dem Programm genommen. Es war der Veranstaltungsort mit der längsten Treffen-Tradition – viel Unverständnis bei Gästen, die dort seit Jahren hingingen. Über die Gründe wird viel spekuliert, benannt werden keine. Der Bruch ging jedenfalls nicht vom Werk 2 aus.

Trotzdem voll war die Release-Party des neuen Comics aus der Feder von Schwarwel, bezaubernd gereimt hat Szene-Literat Christian von Aster. Die Gäste im Werk-2-Keller tragen bunte Papierhütchen und feiern eine Art Gruftkarneval mit Luftballons und Papierschlangen, beides schwarz. Die schöne Ausstellung „Soulstrip" von Schwarwel und Incestum hat im pfingstverwaisten Werk freilich kaum Besucher gefunden.

Insgesamt aber dürfte die Zahl der Gäste zum Wave-Gotik-Treffen um mehrere Tausend höher sein als die 21.000, die sich eine Karte kauften.

Lars Schmidt

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