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Was für eine große Familie - Das Eröffnungskonzert des Wave-Gotik-Treffens

Was für eine große Familie - Das Eröffnungskonzert des Wave-Gotik-Treffens

Novize wird genannt, wer erstmals das Wave-Gotik-Treffen besucht.

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Die Band DAS ICH in der Agra in Aktion.

Quelle: André Kempner

Leipig. In der Bezeichnung schwingt bereits mit, dass es dort viel zu lernen gibt. Glücklich können sich Novizen schätzen, die das Auftaktkonzert am Donnerstagabend in der großen Agra-Halle besucht haben. Denn dort stand ein Crash-Kurs in WGT-Geschichte auf dem Acht-Stundenplan. Die 20. Familienfeier der Schwarzen Szene durften sechs der acht Bands eröffnen, aus denen sich 1992 auch das erste Leipziger Festival zusammengesetzt hatte.

 

"Was machen denn die nächsten für Musik?", fragt also ein Novize unter seinem roten Iro den zufälligen Nachbarn in einer Konzertpause. Gerade noch hat Oswald Henke umjubelt die Lyrik seiner pausierenden Band Goethes Erben zur Musik seiner jetzigen Gruppe rezitiert, die einfach Henke heißt. Wie vergnüglich es für ihn sei, auf die WGT-Anfänge zu blicken, hat er gerufen und auf der Bühne eine alte Kiste ausgepackt, die "viele Erinnerungen" berge: weiße Gewänder, eine Uniform, eine Krone, derlei.

Ein Meer aus Kerzen hat Henke entzündet und wieder gelöscht und dazu das Leid der Zinnsoldaten und den Tod der Märchenprinzen beklagt. Vor der Brut hat er gewarnt und das schwarze Wesen beschworen. "Die Stille ist abstrakt", hat er gefühlte 100 Mal in die Halle und das Areal davor gerufen, wo sich mit ungefähr 8000 Besuchern allein am ersten Abend vier Mal so viele Menschen gestapelt haben dürften wie vor 19 Jahren überhaupt zur WGT-Premiere gepilgert waren, zu den Konzerten im damaligen Eiskeller, dem heutigen Conne Island.

"Was für Musik also?" Aber der zufällige Nachbar weiß von der Gruppe Age of Heaven, die als nächste dran ist, auch nur, dass sie aus Leipzig stammt. Zum Glück besteigt Moderator Oliver Klein die Bühne, schwärmt, "was für eine große Familie" er doch habe und erklärt, dass nun "echter Goth-Rock" auf die Zusammenkunft warte. Von nicht irgendeiner Band, nein, sondern von derjenigen, die das allererste WGT-Konzert überhaupt in ihren Lebenslauf schreiben darf. Da hat es sich im Nachhinein als Glücksfall erwiesen, damals nur Vorgruppe gewesen zu sein.

Schon den Soundcheck nutzen die Musiker, um die Erinnerung zu konservieren. Sie fotografieren sich gegenseitig und die wartende Menge. Das Licht erlischt, und Sänger JU Age stürmt auf die Bühne. Wie 1992 warnt er vorm drohenden Armageddon und in "Providence" vor der Vorsehung, die Babys an Hunger und Kälte sterben lasse. Oh, Graus. Damals, wenige Jahre nach dem Mauerfall, bestand der Wahnsinn für eine junge Band wie Age of Heaven darin, plötzlich mit Kollegen eine Bühne zu teilen, die sie zuvor allenfalls aus der Ferne bewundert hatte.

Aber auch jetzt weiß JU Age nach dem Konzert von einem "äußerst guten Gefühl" zu berichten, wieder Teil der Familie zu sein. Age of Heaven hatten Ende der 90er noch einmal auf dem WGT gespielt, danach war es jedoch still um die Gruppe geworden. Jetzt kennt dafür selbst der jungen Mann mit dem roten Iro ihre düsteren Klagelieder.

Für Bruno Kramm, Chef der Band Das Ich, glich das WGT seinerzeit "einem Jungbrunnen", nicht nur für ihn persönlich, sondern für die übersättigte West-Szene überhaupt, hat er kürzlich in einem Aufsatz geschrieben. Der langjährige Band-Kumpan, Sänger Stefan Ackermann, musste indes vor wenigen Wochen den Strapazen seit damals Tribut zollen, er liegt im Krankenhaus. "Spielt für mich", habe er ihm mit auf den Weg gegeben, hat Kramm dem riesigen Publikum berichtet, als Das Ich das diesjährige Treffen am frühen Abend eröffnet haben. Gemeinsam hätten sie die Gastsänger ausgesucht, die in Klassikern wie "Gottes Tod", "Destillat" oder "Kain und Abel" in Ackermanns Rolle schlüpfen.

Außer die Kerpener Band Sweet William sowie The Eternal Afflict aus Essen zu buchen, ist es den Organisatoren sogar gelungen, eine Gruppe von damals aufs Neue nach Leipzig zu bewegen, die eigentlich längst nicht mehr existiert. Mit einem betörenden allerletzten Konzert - zugleich dem ersten seit zwölf Jahren - verabschieden die Geislinger Gothic-Metaler Love Like Blood die Schar gegen zwei Uhr in die Schlafsäcke. Die Wiedervereinigungen der übrigen beiden Bands von 1992 - Ghosting und Templa - sind zwar gescheitert, aber so schlimm ist das nicht: Bis Pfingstmontag folgen ja noch 270 weitere Künstler.

Mathias Wöbking

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Besuch nur mit Festivalticket möglich.

Vereinzelt Veranstaltungen für Individualbesuch (Mittelaltermärkte u.ä.)

Infos zum Ticketververkauf und zum WGT-Programm gibt es unter www.wave-gotik-treffen.de

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