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Streit um Leipziger Fußball-Fanprojekt – Freistaat blockiert angedachten Trägerwechsel

Streit um Leipziger Fußball-Fanprojekt – Freistaat blockiert angedachten Trägerwechsel

Der schwelende Konflikt zwischen Kommune und Landesverwaltung hat einen neuen Schauplatz gefunden: das Leipziger Fußball-Fanprojekt. Anfang des Jahres beschloss der Jugendhilfe-Ausschuss der Stadt einen Trägerwechsel bei der Anlaufstelle für die bisweilen problembehafteten Fußballszenen von 1. FC Lok, FC Sachsen und BSG Chemie, erhielt dabei auch Unterstützung von Experten des Deutschen Fußball-Bundes, dem zweiten Geldgeber des Fanprojekts.

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Fans des FC Sachsen Leipzig beim Derby gegen den 1. FC Lok im März 2008.

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Kurz vor Inkrafttreten des Beschlusses hat nun das Sächsische Innenministerium, der dritte Financier, dem geschassten bisherigen Träger demonstrativ den Rücken gestärkt und droht mit Entzug der Fördermittel. Seitdem liegen die Geschäfte auf Eis, tendiert die Situation zur Farce.

Laut Mitteilung aus dem Jugendamt ist die Leipziger Sportjugend, der bisherige Träger, aufgrund fehlender Transparenz der sozialpädagogischen Angebote, Problemen bei der Abgrenzung des Fanprojektes von rechtsorientierten Fangruppierungen sowie Problemen bei Krisenmanagement und Öffentlichkeitsarbeit in die Kritik geraten. Deshalb wurde Ende 2009 die Trägerschaft des gerade in Leipzig mit seinen arg verfeindeten Fußball-Anhängerschaften wichtigen Fanprojekts neu ausgeschrieben.

Kritik an Leipziger Sportjugend - keine Antworten auf Problem des Rechtsextremismus

Auch die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit der Analyse der Konzepte beauftragte Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) in Frankfurt/Main stellte Defizite beim bisherigen Fanprojekt-Träger fest und begrüßte deshalb die Neuausschreibung durch die Kommune. „Die Arbeit der Leipziger Sportjugend ist unserer Meinung nach nicht transparent genug, taugt eher dazu, Gräben zu vertiefen, als Brücken zu bauen“, sagte KOS-Sprecher Michael Gabriel gegenüber LVZ-Online.

Das Konzept der Sportjugend nehme keinen Bezug auf Entwicklungen in der Fußball-Fanszene, beispielsweise hinsichtlich rechtsextremer Infiltrationsversuche und rechtsextremer Tendenzen im Umfeld des 1. FC Lok. „Es gibt keine Antworten darauf, wie mit dem Problem des Rechtsextremismus im Fußball umzugehen ist. Seit vielen Jahren existieren Vorwürfe, Neonazis wären im Fanprojekt ein- und ausgegangen, und es gab bisher keine ausreichenden Bemühungen des bisherigen Trägers, diese Vorwürfe öffentlich zu entkräften“, ergänzte Gabriel.

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Der bisherige Fanprojekt-Leiter Udo Ueberschär.

Quelle: André Kempner

Dem widerspricht Udo Ueberschär, seit elf Jahren Fanprojekt-Verantwortlicher der Sportjugend: „Nach der Kritik, unser Fanprojekt sei bis 2008 ein Treffpunkt der Neonazis gewesen, und wir würden uns zu wenig vom Rechtsextremismus distanzieren, haben wir mehrfach in den Medien dagegen Stellung genommen“. Auch die Bemängelung der Sportjugend-Methoden will er so nicht stehen lassen: „Unser Konzept beruht auf der Erfahrung der vergangenen Jahre und wurde zusammen mit Fachberatern des Jugendamtes auf Grundlage der Richtlinien des Nationalen Konzepts für Sport und Sicherheit erstellt“, erklärte Ueberschär.

In Richtung Stadtverwaltung ergänzte der bisherige Leiter des Fanprojekts: „Wir haben ja zugegeben, dass unsere Arbeit vor zwei, drei Jahren verbesserungswürdig war. Inzwischen sind die Defizite aber behoben.“ Seit der Etat vor zwei Jahren aufgestockt wurde und seitdem sechs Mitarbeiter im Fanprojekt angestellt werden konnten, sei man den geforderten Pflichten besser nachgekommen. „Wir arbeiten mit den Vereinen und der Polizei zusammen, sind beim Sport- und Ordnungsamt sowie dem Sächsischen Fußballverband akzeptiert und beim Kriminalpräventiven Rat dabei. Einzig Jugendamt und die Koordinationsstelle Fanprojekte mit DFB sind noch gegen uns“, sagte Ueberschär.

Innenministerium stärkt Sportjugend demonstrativ den Rücken

- Polizei bleibt aufgeschlossen

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Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU).

Quelle: André Kempner

Das sieht offenbar auch das Sächsische Innenministerium (SMI) so. Nachdem sich Minister Markus Ulbig (CDU) schon Anfang des Monats in einem Interview mit der LVZ an die Seite von Ueberschär gestellt hatte, gar den Entzug der Fördergelder androhte, bekräftigte sein Sprecher Frank Wend jetzt noch einmal die ablehnende Haltung gegenüber einem Wechsel: „Der bisherige Träger des Leipziger Fanprojektes ist aus Sicht des SMI ein verlässlicher Partner, der eine gute und erfolgreiche Arbeit macht.“ Ueberschär freut die mächtige Rückendeckung natürlich, allerdings weiß er auch, dass hier vielleicht noch andere Faktoren zum Tragen kommen: „Das ist wohl auch als Baustein im politischen Ränkespiel zwischen Stadt Leipzig und Land zu sehen“, sagte der Fanprojekt-Leiter.

Die Leipziger Polizei will sich am Ringen zwischen Elbe und Pleiße offenbar nicht beteiligen. Auf Anfrage von LVZ-Online stellte Sprecher Uwe Voigt fest: „Einem Trägerwechsel beim Fanprojekt stand und steht die Leipziger Polizei grundsätzlich nicht ablehnend gegenüber.“ Im Zusammenhang mit dem angedachten Wechsel habe die Polizeidirektion Leipzig lediglich angemahnt, dass es zu keinem Bruch der bislang erfolgreichen Fanarbeit kommen darf.

Neuer Träger zieht Notbremse - Finanzierung nicht gesichert

Die Kommune rätselt derweil, warum man sich nun gerade in Dresden so gegen einen neuen Verantwortlichen beim Leipziger Fanprojekt stemmt. „Die Gründe kennen wir nicht“, hieß es am Mittwoch aus dem Jugendamt. Ähnlich ratlos zeigt sich auch die Outlaw gGmbH aus Greven, die schon seit 1990 in Sachsen tätig ist. Die Gesellschaft für Kinder- und Jugendhilfe mit unter anderem mehreren Kitas in Leipzig und Erfahrungen im Fanprojekt-Metier bei Preußen Münster bekam im Januar 2011 den Zuschlag für eine Neuausrichtung des Leipziger Projekts. Die Kommune honorierte mit ihrer Entscheidung unter anderem den Themenschwerpunkt Antidiskriminierung und die klare Abgrenzung des Outlaw-Konzepts gegenüber der Arbeit mit Neonazis im Sinne von akzeptierender Jugendarbeit. Im April sei die entsprechende Projekt-Förderung beim Ministerium beantragt worden, sagte Geschäftsführer Theodor Boomgaarden gegenüber LVZ-Online. Eine Antwort sei bisher nicht gekommen. „Wir haben bisher noch nicht einmal eine Eingangsbestätigung des Antrags bekommen“, erklärte Boomgaarden.

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Fans des 1. FC Lokomotive beim Derby gegen den FC Sachsen im März 2008.

Quelle: Christian Nitsche

Mit Blick auf die inzwischen knappe Zeit bis zum angedachten Neubeginn des Fanprojekts am 1. Juli sei die Übernahme deshalb erst einmal gescheitert. „Ich musste die Notbremse ziehen“, erklärte der Outlaw-Geschäftsführer und fügte an: „Ich kann doch keine Arbeitsverträge unterschreiben, wenn die Finanzierung nicht gesichert ist. Wir brauchen für ein Projekt mit solch hohen Erwartungen schließlich auch eine entsprechende Grundlage. “ Im vergangenen Jahr lag die bei 240.000 Euro, zu gleichen Teilen von Stadt, Land und DFB bereitgestellt.

 

In Dresden glaubt man offenbar, dass sich der Trägerwechsel mit der Notbremsung erledigt habe. „Outlaw hat inzwischen mitgeteilt, dass sie für das Fanprojekt Leipzig nicht zur Verfügung stehen. Damit hat sich die Frage geklärt“, sagte SMI-Sprecher Frank Wend. Davon will Boomgaarden allerdings nichts wissen: „ Wir möchten das Projekt immer noch gerne realisieren, wenn die Voraussetzungen stimmen und haben das dem Ministerium auch mitgeteilt“, sagte der Geschäftsführer.

Stadt Leipzig will Trägerwechsel trotzdem realisieren - Unterstützung vom DFB

Trotz derzeitiger Hängepartie will die Stadt Leipzig nicht locker lassen und hält weiter an Outlaw fest: „Wir haben den Auftrag diesen Trägerwechsel zu realisieren“ hieß es aus dem Jugendamt. Die Gelder der Stadt in Höhe von 80.000 Euro stünden zur Verfügung. Die Hoffnung auf weitere 80.000 vom Freistaat ist noch nicht aufgegeben, der DFB ist mit seinen 80.000 Euro nach Ansicht der Kommune das Zünglein an der Waage: „Das Land Sachsen hat in seiner Förderrichtlinie zur Fußballfanarbeit formuliert, dass es eine positive Stellungnahme des Antrages des Trägers durch den DFB geben muss“, ließ Amtsleiter Siegfried Haller mitteilen.

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Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) des Deutschen Fußballbundes.

Quelle: dpa

Laut KOS-Sprecher Michael Gabriel ist der Antrag des neuen Trägers schon vor Wochen bei der Koordinierungstelle eingegangen  und wurde inhaltlich positiv beschieden. „Gegenüber der Leipziger Sportjugend halten wir das Konzept von Outlaw für deutlich geeigneter, Antworten bei der Problembewältigung zu geben. Wir haben dem DFB deshalb eine Empfehlung ausgesprochen. Allerdings haben wir auch erklärt, dass die Zustimmung des Landes zum Trägerwechsel noch aussteht“. sagte Gabriel. Und laut des KOS-Sprechers will der DFB seine Mittel für die Leipziger Fanarbeit nur frei geben, wenn auch der Freistaat mit im Boot sitzt. Eine klassische Pattsituation.

„Aus unserer Perspektive sollten alle Verantwortlichen bei Kommune, Land und Polizei nun an einen Tisch und mit der Outlaw gGmbH das konkrete Vorgehen besprechen. Für eine erfolgreiche Fanprojektarbeit ist eine weitgehende Einigkeit notwendig“, empfahl KOS-Sprecher Michael Gabriel deshalb. Die Zeit dafür drängt allerdings. Denn praktisch besteht nach der zwischenzeitlichen Notbremsung des neuen Trägers ab 1. Juli kein Leipziger Fanprojekt mehr. „Wir haben an das Jugendamt geschrieben, dass wir gern weiterarbeiten würden. Man hat uns aber signalisiert, dass es kein Geld mehr von der Stadt geben werde. Wir haben deshalb alle sechs Arbeitsverträge zum 30. Juni gekündigt“, sagte der bisherige Leiter des Projekts, Udo Ueberschär.

Matthias Puppe

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