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Schlachtenbummler in der Kreisklasse – die BSG Chemie Leipzig steigt wieder auf

Schlachtenbummler in der Kreisklasse – die BSG Chemie Leipzig steigt wieder auf

Es ist Mittwochabend auf einem kargen Fußballplatz vor den Toren der Messestadt.  Rings herum blüht der Raps, es gibt Bratwurst und Bier. Auf dem Feld mühen sich Freizeitkicker nach Kräften, rangeln, kämpfen, grätschen, schimpfen – echter Fußball, nur eben in der zehnten Liga.

Leipzig. Die Spieler der SG Räpitz 1948 sind bemüht, ihren Heimvorteil in wichtige Punkte gegen den Abstieg umzumünzen. Doch es will nicht recht gelingen.

Die Gäste führen schon zur Halbzeit, auch weil sie von etwa 200 mitgereisten Schlachtenbummlern angetrieben werden. Während der gesamten Spielzeit singen diese von Treue, schwenken Fahnen, rufen Parolen über das Spielfeld. Wäre da nicht der goldene Raps rings herum und die mitunter unbeholfenen Angriffsbemühungen der Kicker, man könnte die sportliche Niederung fast vergessen und sich in einer gut gefüllten Fußballarena wähnen.

Seit drei Jahren sorgt die Ballsportgemeinschaft Chemie Leipzig und ihr Anhang im unterklassigen Leipziger Fußball für Furore. Nach Aufnahme des Spielbetriebs in der zwölften Liga ging es jeden Sommer eine Etage höher. Inzwischen dominiert das Team mit sicherem Abstand die 1. Kreisklasse, schickt sich an, in die Stadtliga aufzusteigen. Zu Spitzenspielen, wie gegen die Kickers aus Markkleeberg, kommen auch mal 800 Zuschauer – in etwa soviel, wie beim Oberligisten FC Sachsen Leipzig derzeit in der Kurve stehen. Von hier haben sich die BSG-Anhänger einstmals nach Unstimmigkeiten mit der Sachsen-Chefetage losgesagt und im Fußballniemandsland den Neubeginn gewagt.

Seitdem gedeiht „Chemie“ als kleine Insel für „ehrlichen Fußballsport und aktive Fankultur“ – wie es im Leitbild des Vereins heißt. „Mit der sportlichen Entwicklung sind wir bisher sehr zufrieden“, erklärt Vorstandsmitglied Remo Hoffmann. Trotzdem sei nicht alles eitel Sonneschein: „Wir müssen den Verein noch stärker entwickeln“, schiebt Hoffmann hinterher. Vor allem die bisher fehlende echte Heimstätte dämpft die Euphorie bei Fans und Vorstand. Die Grün-Weißen sind Gast beim SV Leipzig Nordwest, tragen ihre Heimspiele im Willi-Kühn-Sportpark aus. „Die Situation hier ist nicht immer einfach, der Umgang mit den ‚Einheimischen’ oft problematisch“, sagt Hoffmann.

Nicht nur mit einem halben Auge blicken Fans und Verantwortliche deshalb in Richtung Alfred-Kunze-Sportpark (AKS), der legendären Heimstätte der früheren Betriebssportgemeinschaft Chemie Leipzig, in deren Tradition sich auch die heutige BSG begreift. Doch dort spielt bekanntlich der FC Sachsen und ist nicht gewillt, mit den Abtrünnigen zu teilen. Nach gescheiterten Verhandlungen über eine Fusion der beiden Clubs im vergangenen Jahr, sind die Fronten verhärtet. „Es gibt momentan keine zielorientierte Kommunikation untereinander“, sagt Hoffmann und man merkt dabei, wie unwahrscheinlich ein gütliches Miteinander geworden ist. Matthias Weiß, Vorstand beim FC Sachsen, erklärt zwar ein grundsätzliches Interesse an einem künftigen Zusammengehen beider Vereine. Momentan stünden hier aber andere Dinge auf der Agenda: „Wir müssen sportlich und finanziell erst einmal unsere Zukunft sichern“, sagt Weiß und erinnert an die schwelende Insolvenz und den kräftezehrenden Abstiegskampf des Oberligisten. Das weiß auch Remo Hoffmann: „Wir schauen weiterhin nach Leutzsch, denn falls der FC Sachsen seine Insolvenz nicht überstehen sollte, sind wir schließlich verpflichtet, den AKS für alle Grün-Weißen zu erhalten“, meint der Vorstandssprecher der BSG.

Zumindest stehe die Tür für alle Fans des Oberligisten weiterhin offen. „Aber wir entscheiden, wer rein darf“, betont Hoffmann. Denn rassistische, fremdenfeindliche, sexistische und homophobe Ansichten und Äußerungen werden im Verein und in der Fankurve  nicht geduldet. Der Kern der BSG-Fans, die Ultra-Gruppierung „Diablos“, wurde früher für ein solches Bekenntnis gegen Diskriminierung innerhalb der Anhängerschaft des FC Sachsen angefeindet. Gesellschaftliche Standards wurden hier als politische Einflussnahme missverstanden. Bei der BSG Chemie soll dies nun anders sein.

Inzwischen ist die Partie in Räpitz entschieden. Die Grün-Weißen gewinnen mit 3:0, laufen zu ihren Fans und lassen sich bejubeln. Kaum mehr als die notwendigen elf Spieler standen Trainer Radisa Radojicic – als Spieler einstmals Publikumsliebling beim FC Sachsen – an diesem Tag zur Verfügung. Die Personaldecke in der Mannschaft ist dünn, vor allem unter der Woche. „Da muss in der kommenden Saison nachgebessert werden“, sagt Remo Hoffmann. Entgegen der Praxis in anderen Vereinen, die sogar schon in der Kreisklasse mit Einzelprämien locken, ist die BSG Chemie auf das Wohlwollen der Mitspieler angewiesen. „Bisher ist es für uns nicht machbar, jedem Spieler etwas zu geben“, sagt Hoffmann. Durch die Schließung der kostspieligen Vereinsgeschäftsstelle am Alfred-Kunze-Sportpark seien zwar neue Kapazitäten entstanden, allerdings werde man künftig bestenfalls über eine Mannschaftsprämie am Ende des Jahres reden können.

Entsprechend könne die sportliche Perspektive des Vereins bisher bestenfalls Bezirksliga heißen, glaubt Remo Hoffmann. Allerdings will er genaue Prognosen erst nach der Strukturreform im Leipziger Fußball abgeben. „Die geplante Stadtoberliga wird sicher deutlich härter werden, als es die Bezirksklasse heute ist. Auch hier spielt Geld dann schon eine größere Rolle.“ Bis dahin ist es aber ohnehin noch ein weiter Weg.  Die Ballsportler wollen erst einmal den Aufstieg in die Stadtliga sichern, um nächstes Jahr statt in Räpitz bei der SG MoGoNo antreten zu können. Die spielen im Stadion des Friedens – einer für jeden Grün-Weißen nicht ganz unbedeutenden Spielstätte. Bis in die 1980er Jahre hinein wurden hier Stadtderbys zwischen 1. FC Lokomotive und der Betriebssportgemeinschaft Chemie ausgetragen und lockten dabei Zehntausende Fans nach Gohlis.

Internet: www.chemie-leipzig.de

Matthias Puppe

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