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HCL-Insolvenzverwalter: „Weichen sind noch nicht gestellt“

Interview HCL-Insolvenzverwalter: „Weichen sind noch nicht gestellt“

Christoph Alexander Jacobi, vorläufiger Insolvenzverwalter des HCL, spricht im LVZ-Interview über die aktuelle Lage des HC Leipzig, was mit dem Geld des Rettungskontos passiert ist und die Eröffnung des Insolvenzverfahrens.

Der HC Leipzig steht vor einer entscheidenen Phase.

Quelle: dpa

Leipzig. Christoph Alexander Jacobi, 41,  aus der Kanzlei Stapper Insolvenz- und Zwangsverwaltung wurde am 19. Juli 2017 zum vorläufigen Insolvenzverwalter über das Vermögen der HC Leipzig Bundesliga GmbH bestellt. Der Leipziger hat mit seinem Team in den letzten zehn Jahren  über 1000 Insolvenzverfahren betreut. Im LVZ-Interview äußert sich der Rechtsanwalt zum Stand der Dinge im Fall HC Leipzig.

Wird ein Insolvenzverfahren überhaupt eröffnet?

Es ist mit einer Verfahrenseröffnung Anfang September zu rechnen.

Das bedeutet, dass Insolvenzmasse da ist...

So sieht es zumindest aus. Die Schuldensumme ist allerdings deutlich größer – ich rechne mit 500.000 bis 1,5 Millionen Euro. Mein Team und ich ermitteln aktuell die präzise Höhe von Vermögen und Schulden.

Wo hat der HCL Schulden?

Die Gläubigerstruktur ist durchwachsen. Ich stehe mit vielen Gläubigern im Kontakt.

Worin besteht das Vermögen?

Das Vermögen ist sehr überschaubar. Wir prüfen gerade, ob offene Forderungen im Zusammenhang mit Sponsorenverträgen bestehen und ob die Sicherheit für eine Bankbürgschaft in Höhe von 50 000 Euro zurückgefordert werden kann.

Die Insolvenz betrifft die GmbH eines Sportvereins. Gibt es Unterschiede zu einer GmbH eines Wirtschaftsunternehmens?

Im Grunde gibt es die nicht. Letztlich ist eine Profimannschaft auch ein Wirtschaftsunternehmen, das Einnahmen und Ausgaben im Blick behalten muss. Ebenso wie bei einem insolventen Wirtschaftsunternehmen besteht die Möglichkeit, die Gesellschaft zu retten und zu entschulden – etwa durch einen Insolvenzplan. Sinnvoll wäre das, wenn es die Bundesliga-Lizenz noch geben würde oder wenn sie wieder angestrebt wird. Diese Entscheidung wird man allerdings nicht seriös ohne das Präsidium des Vereins treffen können.

"Kann die GmbH durch Insolvenzplan nicht erhalten werden, wird sie aufgelöst"

Was geschieht, wenn das neu zu wählende Präsidium des Vereins keine entschuldete GmbH will?

Dann würde ich mich gemeinsam mit dem Präsidium stark machen, dass der Handballstandort Leipzig trotzdem erhalten bleibt. Es ist erklärtes Ziel des Vereins, weiter zu spielen und die Nachwuchsarbeit zu sichern. In dieser Situation muss abgesichert werden, dass die Insolvenz der GmbH keine Folgeeffekte hat.

Was passiert dann mit der GmbH?

Kann die GmbH durch Insolvenzplan nicht erhalten werden, wird sie aufgelöst. Vorhandenes Vermögen wird zuvor gesammelt und an die Gläubiger verteilt.

Ist dies das wahrscheinliche Szenario?

Das ist aus heutiger Sicht schwer zu prognostizieren. Eine seriöse Entscheidung kann letztlich nicht ohne das Vereinspräsidium getroffen werden. Am 17. August werden die Karten neu gemischt, da gibt es eine Mitgliederversammlung mit Neuwahlen. Da wird es ein neues Präsidium geben, möglicherweise mit ganz anderen Leuten als zuletzt.

Und wenn das neue Präsidium die GmbH nicht liquidieren, sondern doch entschulden will?

Dann stellt sich die Frage, wie der Plan finanziert wird. Gibt es Investoren oder Sponsoren, die Geld zur Entschuldung der GmbH zur Verfügung zu stellen, kann die Gesellschaft gerettet werden.

Was ist Ihr Ziel?

Die maximale Befriedigung der Gläubiger. Das ist momentan schwierig, weil sehr wenig da ist.

Mit welcher Insolvenzquote könnten die Gläubiger rechnen?

Das kann aktuell nicht seriös prognostiziert werden. Aus ähnlichen Fällen wissen wir aber, dass fünf Prozent schon gut wären. Wird ein Investor gefunden, sieht die Sache allerdings anders aus. Es gibt potenzielle Investoren, mit denen ich aktuell intensive Gespräche führe. Allerdings bestehen aktuell keine belastbaren Zusagen.

"Herr Hähner hat gesagt, dass er sich zurückziehen und aufhören will"

Wie steht es um die Kooperationsbereitschaft der Verantwortlichen, dem alten Präsidium, dem Manager?

Ich versuche, gemeinsam mit Herrn Hähner, Kontakte zu früheren Investoren aufrecht zu erhalten. Den operativem Betrieb organisiere ich mit Herrn Hennig, der kooptiertes Mitglied des Präsidiums ist.

Zuletzt schwelten Differenzen zwischen dem Verein und der GmbH, wie ist da der Stand der Dinge?

Das ist jetzt geklärt. Herr Hähner hat gesagt, dass er sich zurückziehen und aufhören will. Er scheidet auf jeden Fall aus. Aber er hat schon noch die Hoffnung, dass er etwas für die GmbH tun kann, weil er sich in der Verantwortung sieht.

Ist der Verein auch gefährdet?

Nach meinem Kenntnisstand aktuell nicht.

Was passiert mit dem Geld auf dem Rettungskonto?

Ich konnte kein Guthaben auf den Konten feststellen. So wie es heute aussieht, wurde das Geld für den Spielbetrieb verwendet.

Welche Konsequenzen hat die Insolvenz für den Geschäftsführer?

Ich muss vorwegschicken: Die Geschäftsführerhaftung ist in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten relativ strikt. Deswegen sehen sich Geschäftsführer insolventer Unternehmen nicht selten mit vier Agitatoren konfrontiert. Das ist der Insolvenzverwalter, der den Geschäftsführer in Haftung nimmt, dann der Staatsanwalt, weil es per se immer eine Insolvenzverschleppung zu prüfen gibt, die Krankenkassen und das Finanzamt. Ich prüfe zurzeit gemeinsam mit meinem Team Ansprüche eines Insolvenzverwalters gegen den Geschäftsführer. Die Ermittlungen sind komplex, da eine Vielzahl von Geschäftsvorfällen rekonstruiert werden muss.

Also hat der Fall juristische Folgen?

Auf jeden Fall.

Ist Insolvenzverschleppung ein Thema?

Dazu darf jeder seine eigene Meinung haben. Ich ermittle zurzeit mit meinem Team, ob und seit wann die Gesellschaft insolvent ist. Zu beachten ist dabei aber, dass es immer Verhandlungen mit Gläubigern gab und parallel dazu ein Sanierungskonzept entwickelt wurde.

Hat das alte Präsidium auch den Staatsanwalt zu fürchten?

Das ist nicht zu erwarten. Durch die Betriebsgesellschaft wurde das Insolvenzrisiko quasi ausgelagert.

"Momentan gibt es Verhandlungen mit einem Investor"

Wie sieht der Zeitplan aus?

Die Mitgliederversammlung ist am 17. August. Meine Ermittlungen zur Insolvenz werde ich im August abschließen, sodass im September das Amtsgericht Leipzig über die Eröffnung des Verfahrens entscheiden kann. Bis dahin sollten sich potenzielle Investoren positioniert haben, ob sie Geld für den Erhalt der GmbH zur Verfügung stellen wollen.

Ist das realistisch?

Momentan gibt es Verhandlungen mit einem Investor. Weitere Investoren haben Interesse signalisiert. Wir prüfen gerade, ob das Hand und Fuß hat. Wenn nicht, muss man den Gläubigern allerdings ehrlich sagen: Geld für eine Entschuldung ist nicht da.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit?

Viele Beteiligte glauben sehr fest daran.

Und Sie?

Ich bin seit zehn Jahren Insolvenzverwalter in Mitteldeutschland und deshalb Realist. Die Weichen sind aktuell noch nicht gestellt. Wenn alle Beteiligten wollen und dafür auch Geld in die Hand nehmen, kann es perspektivisch wieder Bundesligahandball in Leipzig geben.

Interview: Uwe Köster

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