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Viele Emotionen: Das verrückte Stab-Finale

Leichtathletik Viele Emotionen: Das verrückte Stab-Finale

Mit Silber bei der WM war Raphael Holzdeppe am Ende sehr zufrieden. Mit Blick auf die Olympischen Spiele im kommenden Jahr gibt ihm das viel Selbstvertrauen. Außerdem war der deutsche Stabhochspringer Teil eines denkwürdigen und emotionalen Wettbewerbs.

Peking. Da saßen sie nun zusammen bei der Pressekonferenz zu einem völlig verrückten Stabhochsprung-Finale. Ganz links der Deutsche, der gerade seinen WM-Titel verloren, aber Silber gewonnen hatte.

Daneben der neue Weltmeister, den bislang kaum jemand kannte. Und ganz rechts auch noch der große Favorit, der in seiner Karriere schon Olympiasieger und Europameister geworden ist, aber seit Jahren bei jeder Weltmeisterschaft scheitert.

55 000 Zuschauer konnten im "Vogelnest" von Peking noch einmal bestaunen, was für eine unberechenbare Disziplin dieser Stabhochsprung ist. Was dieser Wettkampf jetzt für die Olympischen Spiele in Rio bedeuten würde, wurde der entthronte Weltmeister Raphael Holzdeppe gefragt. Und er sagte: "Ich kann Olympiasieger werden mit 5,90 oder nur Dritter werden mit 6,00 Metern." In diesem Sport sei "immer alles möglich".

Holzdeppe war bei dieser Leichtathletik-WM der einzige unter den Top-Springern, der am Ende genau dort landete, wo er hinwollte. Von der Titelverteidigung auszugehen, wäre immer etwas vermessen gewesen nach seinen großen Form- und Verletzungsproblemen im vergangenen Jahr. So legte er sich in Peking eine Deutschland-Fahne über die Schulter, ging völlig erschöpft eine Ehrenrunde und sagte dann: "Ich gebe diesem Jahr eine glatte Eins. Ich habe im Juli eine persönliche Bestleistung geschafft und jetzt die Silbermedaille gewonnen. Alles, was in diesem Jahr gut gelaufen ist, kann ich jetzt als Schwung mitnehmen in das nächste."

Neben ihm saß der neue Weltmeister und wirkte nicht einmal halb so euphorisiert. Der erst 21 Jahre alte Shawnacy Barber aus Kanada war schon während des Wettkampfs der mit Abstand coolste Springer gewesen, als einziger leistete er sich bis zur Siegeshöhe von 5,90 Metern keinen Fehlversuch. Doch spätestens bei der Pressekonferenz schien ihm langsam zu dämmern, was er gerade erreicht hatte. "Ich bin Student", sagte Barber. "Ich werde in den nächsten Wochen mal drüber nachdenken, wie es jetzt mit der Uni weitergeht."

Barber ist in den USA aufgewachsen. Für Kanada springt er nur, weil das sein Vater und Trainer früher schon tat. Der nahm als Stabhochspringer 1983 an der ersten Leichtathletik-WM teil. Sein Sohn hatte sich in den vergangenen Monaten stetig gesteigert und durch Siege bei kleineren Meetings wie in Leverkusen oder Jockgrim auch immer mehr Selbstvertrauen geholt. Trotzdem war Barber von seinem großen Erfolg genauso "überrascht" wie alle anderen. "Jetzt kommt es darauf an, gesund zu bleiben, mich weiter zu verbessern und vor allem weiter Spaß zu haben", sagte er. Der neue Weltmeister ist vorgewarnt: Die Titelträger von 2009 (Steve Hooker) und 2011 (Pawel Wojciechowski) waren danach nie wieder so gut wie am Abend ihres Triumphs.

Für Renaud Lavillenie muss das alles wie Hohn klingen. Der Olympiasieger aus Frankreich ist seit Jahren der mit Abstand beste und konstanteste Springer - aber er schafft es einfach nicht, den noch fehlenden WM-Titel zu holen. "Dann muss ich eben noch mal zwei Jahre warten", sagte er tief enttäuscht. Was diesmal schief lief? "Er hat souverän angefangen, aber irgendwann beginnt dann der Kopf einzusetzen", meinte Holzdeppe. Diesmal waren sich sogar seine Konkurrenten sicher, dass es Lavillenie schaffen würde. "Er ist der Beste, den es in unserem Sport jemals gegeben hat", sagte der Siebtplatzierte Tobias Scherbarth.

In der kommenden Woche wird Lavillenie das nächste Mal springen. Dann steht am 4. September ein Benefizspringen für Kira Grünberg in Salzburg an. Die junge Österreicherin hatte drei Wochen vor der WM einen schweren Trainingsunfall, seitdem ist sie querschnittsgelähmt. Lavillenie hat seine Teilnahme von sich aus angeboten. Es gibt sehr viel Schlimmeres, als niemals Weltmeister zu werden.

dpa

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