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Aus der Favela zu Gold: Brasiliens "Kriegerin" Silva

Olympia Aus der Favela zu Gold: Brasiliens "Kriegerin" Silva

Geboren wurde sie in der berüchtigten Favela Cidade de Deus, nun ist sie Brasiliens erste Olympiasiegerin in Rio: Die Judoka Rafaela Silva musste viel einstecken und kämpfte sich zum Erfolg. Ihre Geschichte könnte sogar helfen, die gespaltene Nation Brasilien etwas zu einen.

Rio de Janeiro. Auch im Moment ihres Gold-Triumphs auf der großen Sport-Bühne Olympia ist die Favela für Rafaela Silva ganz nah. Brasiliens erste Olympiasiegerin der Spiele in Rio ist nur gut zehn Kilometer vom Olympiapark entfernt geboren, in der Favela Cidade de Deus.

Einer ihrer ersten Gedanken nach dem Sieg gehörte den Menschen dort. "Ich denke, dass sie jetzt meine Angehörigen feiern werden, die nicht das Geld hatten, um hierher zu kommen", sagt die Judoka. Schon vor Beginn der Spiele hatte sie erklärt: "Ich bin sehr stolz, weil ich nicht nur mein Land repräsentiere, sondern auch die Favela."

Ausgerechnet in ihrer Heimatstadt Rio krönt sich Silva zur Olympiasiegerin und holt dieses für die Stimmung im Land so wichtige erste Gold. Die berüchtigte Favela, aus der sie stammt, wurde durch das Drama "City of God" über Freudschaft, Leben und Sterben berühmt.

Schon 2013 war Silva in Rio Judo-Weltmeisterin geworden, nun macht sie vor den Augen ihrer Familie und von Tausenden Brasilianern ihren Traum wahr. "Ich widme diese Medaille dem ganzen brasilianischen Volk, das mich unterstützt hat, meiner Familie und meinen Freunden", sagt sie. Nach dem Kampf klettert sie über den Zaun auf die Tribüne und jubelt weinend mit ihren Eltern, Freunden und Verwandten.

Für Silva ist der Sieg eine Genugtuung - denn es gab auch schwierige Phasen in ihrer Karriere. Nachdem sie 2012 in London disqualifiziert worden war, musste sie heftige und teils rassistische Anfeindungen ertragen. "Diese Medaille ist für alle, die mich kritisiert haben und gesagt haben, dass ich die Schande meiner Familie sei, dass ich nicht in der Lage sei, bei Olympia zu bestehen", verkündet sie trotzig.

Unter Tränen richtet die junge Frau mit der Zahnspange und den dunklen Locken dann noch einen Appell an die Menschen in der Favela: "Meine Botschaft für sie ist, dass man seine Träume verfolgen muss. Wenn man einen Traum hat und dafür kämpft, kann man es schaffen."

Es ist eine dieser Aufsteiger-Geschichten - vielleicht hilft dieser Triumph ja auch, eine durch die jüngsten politischen Turbulenzen um die Suspendierung der linken Präsidentin Dilma Rousseff gespaltene Nation etwas zu einen. Ausgerechnet eine Schwarze, sind doch in der neuen Mitte-Rechts-Regierung von Michel Temer nur weiße Männer.

"Sport hat mein ganzes Leben verändert", betont Silva. Noch so ein olympisches Thema, Sport als Vehikel, um Gewalt und Armut zu entfliehen. "Der Weg bis hierhin war hart, aber es hat sich gelohnt", sagt sie nach dem Triumph. Mit Willen könne man vieles besiegen. "Obrigada Brasil", "Danke Brasilien". In den sozialen Netzwerken überschlugen sich die Reaktionen. "Ich könnte sterben vor Stolz", "Du lässt ein ganzes Land vibrieren". Temer nennt sie eine "Kriegerin".

Mit acht Jahren hatte Silva mit dem Judo im Instituto Reação angefangen, ein Sozialprojekt in den Favelas, das heute an fünf Stützpunkten 1200 Kinder und Jugendliche fördert. "Mein Vater wollte nicht, dass ich auf der Straße rumhänge". Und damit womöglich in einem Teufelskreis von Drogen und Gewalt lande. Mit 16 wurde sie Junioren-Weltmeisterin. Gegründet wurde das Instituto Reação von dem Judo-Bronzemedaillengewinner von Athen, Flávio Canto. Und hier schließt sich der Kreis: Nach dem Sieg umarmten sich beide weinend.

dpa

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