Startseite LVZ
Volltextsuche über das Angebot:

Google+ Instagram YouTube
Diese Athleten führten ihr Land bei der Eröffnungsfeier an – was wurde aus den Exoten?

Sie trugen die Fahne Diese Athleten führten ihr Land bei der Eröffnungsfeier an – was wurde aus den Exoten?

Wie verliefen die Spiele für die Fahnenträger von Nationen, die kaum einer kennt? Wir haben die Exoten getroffen und sie nach dem Ausgang ihrer Spiele gefragt.

Nicole van der Velden (21, Seglerin aus Aruba) trägt die Fahne bei der Olympia-Eröffnungsfeier

Quelle: dpa

Rio de Janeiro. „Unheimlich stolz“ sei er, sprach von einem „Wahnsinns-Gefühl“. Als klar war, dass Timo Boll der deutsche Fahnenträger bei den Olympischen Spielen in Rio ist, war für den Tischtennisspieler schon vor dem ersten Wettkampf klar: „Das ist der Höhepunkt meiner Karriere.“ Bronze mit der Mannschaft war dann das Happy End für den Fahnenträger, auf dessen Abschneiden das Land immer ganz besonders schaut. Michael Phelps beschrieb seine Gefühle vor dem Anführen der US-amerikanischen Mannschaft bei der Eröffnungsfeier mit der Fahne in der Hand gar als „demütig angesichts der Bedeutung“. Anschließend holte er fünf Goldmedaillen, eine silberne und ist der erfolgreichste Fahnenträger der Geschichte. Doch wie verliefen die Spiele für die Fahnenträger von Nationen, die kaum einer kennt? Wir haben die Exoten getroffen und sie nach dem Ausgang ihrer Spiele gefragt.

Nicole van der Velden (21, Seglerin aus Aruba): „Rio war ein super Erlebnis. Nicht nur das Tragen der Fahne“, sagt die 21-Jährige aus Aruba, einer Insel, die geografisch zu Südamerika gehört und Teil der Kleinen Antillen in der südlichen Karibik ist. Geboren in Madrid, wohnt die Nacra-17-Seglerin in Noord (Aruba). Trotz zweier Tagessiege ist sie mit ihrem Partner This Visser in Rio nur auf Platz 16 gelandet. An die Eröffnungsfeier denkt die Seglerin noch immer gerne zurück. „Beim Einmarsch hatte ich eine Gänsehaut. Und: Ich war die einzige Fahnenträgerin, die beim Einmarsch getanzt hat. Das war ziemlich cool, denn hinterher wurde das überall auf Facebook gepostet. Unser halbes Land hat das wohl gesehen.“ Und das sind immerhin mehr als 50 000 Menschen.

Mary Opeloge (24, Gewichtheberin aus Samoa): Für Opeloge war allein der Start ein Erfolg. „Ich habe einen Meniskusanriss im Knie“, sagt die Gewichtheberin aus Samoa, dem Inselstaat in Polynesien, der seit 1962 unabhängig von Neuseeland ist. Vierte wurde sie in der Klasse bis 75 Kilogramm in der B-Gruppe. Aufgrund der Verletzung durchaus ein Erfolg. Die 24-Jährige ist in Samoa geboren, lebt und trainiert in dem 190 000-Einwohner-Land. „Insgesamt haben wir 25 leistungsorientierte Gewichtheber. Ich bin quasi Profi, trainiere täglich zweimal“, sagt sie. Die Regierung zahlt. Bei der Eröffnungsfeier das Land zu repräsentieren, „da war ich total aufgeregt“.

Jennifer Chieng (30, Boxerin aus Mikronesien): „Ich bin die erste olympische Boxerin meines Landes. Ein Privileg!“, sagt Chieng stolz. Sie kommt aus Mikronesien, dem 100 000-Einwohner-Inselstaat im westlichen Pazifik. Umso stolzer war sie, als sie die Landesfahne ins Stadion tragen durfte. Chieng, die in den USA geboren ist, wohnt inzwischen in New York. Sie wollte Ringerin werden, erzählt sie, „doch ich habe mich beim Surfen verletzt“. So wurde sie Boxerin. „Ich liebe den Sport.“ Seit 2011 ist sie „Vollzeit-Mutter und Vollzeit-Kämpferin“. Für Rio hat sie sich per Wildcard qualifiziert. „Die Spiele sind für mich ein großes Erlebnis. Ich habe hier nicht nur für meine Freunde und Familie gekämpft, sondern hatte ein ganzes Land hinter mir. Das ist eine große Ehre.“ Half aber nichts. Bei ihrem Olympia-Debüt verlor sie gleich den ersten Kampf.

Mohamed Andhumdine Nazlati (18, Schwimmerin von den Komoren): „Dass ich die Fahne tragen durfte? Ein tolles Gefühl“, sagt Nazlati. Auch wenn sie nur zu viert von den Komoren – ein Inselstaat im Indischen Ozean – nach Rio gereist sind. Ihr Land, seit 1995 unabhängig von Frankreich, ist erst seit 1996 bei den Spielen dabei. Nazlati zum ersten Mal. Über 50 Meter Freistil wurde sie in einem Vorlauf der Exoten mit Schwimmerinnen aus Tadschikistan, Benin, Zentralafrika oder Guinea-Bissau Vorletzte. 37,66 Sekunden benötigte sie für die eine Bahn. „Das war nicht meine schnellste Zeit“, bekannte sie nach dem Rennen. Aber das Erlebnis olympische Spiele, das Schwimmen in diesem riesigen Schwimmstadion, das hat sie begeistert. In Japan hofft sie, dass sie noch einmal ins olympische Wasser springen kann. „Dann bin ich auch schneller.“

Jens Kürbis, Manuel Becker und Andreas Kling

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Olympia-News