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Erst Frust, dann Genuss: Kerber freundet sich mit Silber an

Olympia Erst Frust, dann Genuss: Kerber freundet sich mit Silber an

Angelique Kerber nimmt Silber und unvergessliche Momente aus Rio de Janeiro mit. Einige Stunden nach dem verlorenen Endspiel gegen Außenseiterin Monica Puig kann die deutsche Tennisspielerin schon wieder lachen. Der Tour-Alltag geht für sie direkt weiter.

Angelique Kerber in einer Runde voller Journalisten.

Quelle: Felix Kaestle

Rio de Janeiro. Mit der Silbermedaille neben sich wachte Angelique Kerber am Morgen nach dem verlorenen Olympia-Finale auf. Direkt neben ihrem Bett auf dem Nachttisch hatte die Plakette einen Ehrenplatz bekommen.

"Als ich aufgewacht bin, lag sie immer noch da. Das Gefühl kann man gar nicht beschreiben", sagte Deutschlands Tennis-Liebling der Deutschen Presse-Agentur. "Gegen zwei, halb drei" war die 28-Jährige "mit einem guten Gefühl" eingeschlafen. Zuvor hatte sie mit dem Edelmetall um den Hals noch mit Bundestrainerin Barbara Rittner im Deutschen Haus angestoßen.

Erst mit Abstand freundete sich Kerber mit Silber an. Am Tag nach dem bitteren 4:6, 6:4, 1:6 gegen Sensations-Olympiasiegerin Monica Puig aus Puerto Rico war die Traurigkeit darüber verflogen, den ersten Einzel-Triumph bei Olympia seit Steffi Graf verpasst zu haben. "Wenn ich ihn zehn oder 20 Jahren mal zurückblicke, bin ich mir sicher, dass die Silbermedaille einen sehr speziellen Stellenwert in meiner Karriere haben wird", sagte die Kielerin mit leuchtenden Augen. "Die Medaille ist das i-Tüpfelchen. Das Schönste ist, dass ich sie nie wieder hergeben muss."

Mit einem Ausflug zur Christus-Statue genoss die Wimbledon-Finalistin die verbleibenden Stunden in Rio. Schon am Abend stand die Weiterreise zum nächsten Turnier in Cincinnati an.

Direkt nach dem letzten gespielten Punkt auf dem Centre Court hatte der Frust noch tief gesessen. Emotionslos trottete Kerber zum Netz. Lediglich mit einem schlichten Händedruck gratulierte die Australian-Open-Siegerin der 22-jährigen Puig, die sich als erste Goldmedaillen-Gewinnerin in Puerto Ricos Olympia-Historie verewigte.

Sie zeigte keine Geste wie die amerikanische Weltklassespielerin Serena Williams, die im Stile eines Champions nach dem unterlegenen Melbourne-Finale direkt auf Kerbers Seite ging und sie umarmte.

Im 2:09 Stunden dauernden Endspiel trumpfte Puig auf und spielte vielleicht das Match ihres Lebens. Kerber wirkte nicht ganz fit und ließ sich nach dem ersten Satz am unteren Rücken und Gesäßmuskel behandeln. "Sie hat ihr Herz auf dem Platz gelassen", sagte Fed-Cup-Chefin Rittner. "Die goldene Krönung sollte nicht sein", erklärte die frühere Weggefährtin von Steffi Graf. Aber Kerber sei nach dem Wimbledon-Finale "noch mal ein Stück reifer geworden".

1988 hatte Graf als bisher einzige deutsche Einzel-Spielerin Olympia-Gold gefeiert. 1992 holte sie noch einmal Silber, ebenso wie Tommy Haas 2000 sowie das Doppel Rainer Schüttler und Nicolas Kiefer 2004. Boris Becker war 1992 in Barcelona mit Michael Stich Olympiasieger im Doppel geworden. "Glückwunsch an Kerber, Silbermedaille ! Du kannst stolz auf deine Leistung sein !!!", schrieb Tennis-Ikone Becker auf Twitter.

Die Spiele wird die Weltranglisten-Zweite in positiver Erinnerung behalten, weil sie anders sind als der immer gleiche Tour-Alltag der verwöhnten Tennisprofis. "Wenn man ins olympische Dorf fährt und nicht ins Hotel, einsam, sondern mit dem Team zusammen ist, zusammen essen geht und während der Matches in die Box schaut, und das Team viel größer ist: Das ist ein ganz anderes Gefühl als normal", schilderte die bodenständige Norddeutsche.

Die Einsamkeit hat Kerber in Cincinnati unmittelbar wieder. Beim Vorbereitungsturnier auf die US Open könnte die Linkshänderin theoretisch Serena Williams als Nummer eins der Welt ablösen, wenn sie den Titel gewinnt und es ihre Konkurrentin aus den USA nicht ins Viertelfinale schafft. Williams hat nach ihrem Achtelfinal-Aus in Rio eine Wildcard in Anspruch genommen. "Ich weiß nicht, ob sie Angst hat", sagte Kerber. "Aber ein bisschen Angst - warum nicht?"

Mit den US Open beginnt schon in zwei Wochen das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres - und Kerber wird wieder als vielbeachtete Mitfavoritin antreten. Finalsieg in Melbourne, Finalniederlagen in London und Rio. Ob sie zu den Endspielen der Saison-Höhepunkte nun einfach dazugehöre, wurde Kerber trotz ihrer Erstrunden-Pleite bei den French Open in Paris gefragt. "So soll es sein", lautete ihre schmunzelnde Antwort.

dpa

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