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Franziska van Almsick: „Diese Leichtigkeit hatte ich nie wieder im Leben“

Schwimmlegende im Interview Franziska van Almsick: „Diese Leichtigkeit hatte ich nie wieder im Leben“

1992 wird Franziska van Almsick mit nur 14 Jahren zum Olympiastar. Im Interview spricht sie über ihren Aufstieg zum Schwimmwunderkind, einen Weinkrampf auf der Toilette – und die drei prägendsten Sekunden ihres Lebens.

Franziska von Almsick (Archivfoto)

Quelle: dpa

Rio de Janeiro. Ihr Bruder ist spät dran an diesem Tag. Dabei muss er die kleine Schwester vom Kindergarten abholen. Weil die Zeit zum Nachhausebringen fehlt, nimmt er sie mit zum Schwimmtraining. „Als ich gesehen habe, was er da macht, habe ich gesagt: Das will ich auch“, sagt Franziska van Almsick 33 Jahre später. Ihr erster Sprung ins Wasser? „Liebe auf den ersten Moment. Jeder, der mich schwimmen gesehen hat, hat gesagt: Oh, mein Gott!“, sagt van Almsick. Alles begann bei Olympia 1992 in Barcelona.

Frau van Almsick, wie sieht man Olympische Spiele mit den Augen einer 14-Jährigen?

Mit großen staunenden Kinderaugen. Ich hatte die Tasche voller Glücksbringer, und es war wahrscheinlich noch wichtiger, dass ich alle Plüschtiere dabei hatte, als die passende Schwimmbrille und den passenden Badeanzug. Mich hatte niemand auf dem Zettel. Ich war ein Exot, eben die Süße mit den Locken. Diese Leichtigkeit, die ich bei den Spielen 1992 hatte, hatte ich nie wieder in meinem Leben.

Schon in ihrem ersten Rennen über 100 Meter Freistil gewinnt van Almsick Bronze. Dann die 200 Meter Freistil. Die 14-Jährige aus Ostberlin schwimmt ein Wahnsinnsrennen, holt Silber. Auf der letzten Bahn tuschiert sie leicht die Leine, ein Fehler der Gold kostet. Aber Silber, mit 14 Jahren? Van Almsick wird über Nacht der deutsche Olympia-Star. Ihr Lockenkopf, die dunklen Augen und die freche Berliner Art kommen an.

Haben Sie noch Erinnerungen an Ihr Silber-Finale?

Ich weiß noch, dass ich nach dem Rennen am ganzen Körper so extreme Schmerzen hatte. Ich bin das erste Mal in meinem Leben an die Grenze gegangen.

Ärgert es Sie, dass Sie ohne Leinenberührung Gold geholt hätten?

Schon mit meiner Zeit des Vorlaufs hätte ich im Finale Gold gewonnen. Da hat mich der Ehrgeiz im Nachhinein gefressen. Aber ich glaube, wenn ich dieses Rennen gewonnen hätte, wäre meine Karriere anders verlaufen. So hatte ich immer wieder diesen Ansporn, das ganz große Ding irgendwie zu schaffen. Das hat mich dazu getrieben, viermal an Olympischen Spielen teilzunehmen.

Nach dem Rennen war Deutschland in Sie verliebt. Wie haben Sie das mit 14 wahrgenommen?

Ich dachte, das ist das normale Leben. Ich bin eben zur Schule gegangen, habe meinen Sport gemacht, dann ein Interview, noch ein Interview. Ich hatte eben diese kindliche Leichtigkeit, vielleicht auch Naivität.

Sie waren drei Jahre nach der Wende auch der erste Gesamtdeutsche olympische Star.

Ich kam zwar aus dem Osten, das habe ich auch nie in meinem Leben vergessen, aber trotzdem war mir das schon so klar, dass wir Deutschland sind. Es war vielleicht auch ein bisschen versöhnlich. Der Mauerfall, ich mit 14, dann die Olympischen Spiele, das war einfach meine Zeit! Vielleicht hat Deutschland das auch gebraucht: die kleine freche Göre aus Berlin.

War Silber die Sekunde, die Ihr Leben verändert hat?

Wissen Sie, eigentlich hatte ich drei Sekunden: Barcelona, das dramatische WM-Rennen in Rom, die EM 2002. Bei mir war es immer irgendwie erst Tragik und am Ende Sonnenschein.

Die WM in Rom 1994. Sie starten als Goldhoffnung – und scheiden als Neunte im Vorlauf aus.

Ich bin heute noch der Überzeugung, dass ich alles gegeben hatte. Ich hatte eine Art Black-out. Nach dem Rennen habe ich mir so gewünscht, dass sich ein Loch auftut und ich verschwinden würde.

Doch dann verzichtet Dagmar Haase auf ihren Finalplatz, Sie rücken nach. Wie haben Sie von Ihrer zweiten Chance erfahren?

Ich hatte mich im Hotelzimmer im Bad eingesperrt und nur geheult. Ein 16-jähriges pubertierendes Mädchen auf dem Klo. Und ich habe geschrien: „Ich höre auf, die Schwimmhalle betrete ich nie wieder!“ Für mich war ein ganz entscheidender Moment, als meine Mutter kam. Sie hat sich vor die Toilettentür gesetzt und gesagt: „Wenn dir jemand eine zweite Chance gibt im Leben, dann hast du die zu nehmen. Das ist nicht deine Entscheidung, ob du sie nimmst oder nicht, du hast sie zu nehmen.“

Sie sind an den Start gegangen.

Am Ende war es ’ne Trotzreaktion: Dann gehe ich eben dahin, dann lachen mich eben alle aus, habe ich mir gesagt. Ich kann mich noch an den Einmarsch erinnern, wie sie gepfiffen haben. Das war mir peinlich, da einzulaufen. Und dann bin ich ins Wasser gesprungen. Die Art, wie ich da geschwommen bin, mit Trotz, auf Teufelkommraus, ich war so angriffslustig, so angepusht, einfach in einem anderen Zustand.

Es wurde: Weltrekord, Gold …

Das war unfassbar. Diesen Tag werde ich nicht vergessen. Dieses furchtbare Rennen am Morgen, die Heulerei. Und dann dreht sich dieses ganze Dilemma in 1:56,78 Minuten. Und alles wird wieder zum Happy End. Das war der Beginn für mich, dass Dinge irgendwie immer schlecht liefen, und ich dann immer in der Lage war, am Ende alles umzudrehen. So wie auch 1995 oder 2002.

Bei der EM 1995?

Da bin ich auch im Vorlauf rausgeflogen, durfte nur im B-Finale starten. Und da war ich die Schnellste. Ich bin schneller geschwommen als die Europameisterin im Finale, die drei Sekunden später angeschlagen hat. Und so stürzte sich keiner auf sie, es kamen alle zu mir. Ich war nicht Europameisterin – aber gefühlt. An einem bestimmten Punkt ging es für mich nicht mehr darum, die Medaillen zu sammeln, es ging darum, die Beste zu sein.

Sie haben die eine Sekunde bei der EM 2002 erwähnt, die für Sie so bedeutsam war. Bei den Spielen in Sydney 2000 waren Sie zwei Jahre zuvor nur Elfte geworden, anschließend als „Franzi van Speck“ verhöhnt worden.

Wissen Sie, es gibt heute noch Leute, die mich ansprechen, sagen, sie sind doch gar nicht so dick, wie alle sagen. Das war damals einfach extrem unter der Gürtellinie. Die Situation nach Sydney wünsche ich niemandem, das war zutiefst verletzend. Tiefer hätte es nicht gehen können. Bei der EM in Berlin ging es für mich darum, von einem gefallenen Sportstar wieder aufzustehen und zu sagen: So! Ihr habt mich alle runtergeredet und habt alle gedacht, ich sitze faul und Chips fressend zu Hause, aber ich habe euch immer gesagt, dass ich es noch mal schaffen kann – und jetzt habe ich es euch bewiesen.

Sie haben alles gewonnen, was es zu gewinnen gab – eine Jagd blieb erfolglos: die nach Olympia-Gold.

Heute sage ich, für meine Persönlichkeit ist es sehr gut, etwas nicht erreicht zu haben im Leben. Ich bin glücklich und dankbar für das Leben, das ich führen kann, ich habe eine tolle Familie, zwei gesunde Kinder, ich bin demütig im Leben – und das sicher auch, weil ich den bisher größten Traum in meinem Leben nicht erreicht habe.

Interview: Manuel Becker

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