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Seine größte Niederlage – Diskuswerfer Robert Harting bei Olympia

Hexenschuss Seine größte Niederlage – Diskuswerfer Robert Harting bei Olympia

Gebürtiger Cottbusser erleidet Hexenschuss beim Lichtausmachen: Robert Harting verpasst das Olympiafinale mit dem Diskus. Das Sieger-Image des Doping-Gegners ist angekratzt.

Diskuswerfer Robert Harting

Quelle: dpa

Rio de Janeiro. Der Lautsprecher der Leichtathletik verabschiedet sich still und leise von der olympischen Bühne. „Ich habe mir gestern beim Lichtausmachen einen Hexenschuss geholt und Spritzen bekommen. Dennoch habe ich keine Erklärung. Ich dachte, ich kann heute 65 und im Finale 68 Meter werfen“, sagte der 31-jährige Diskuswerfer nach seinem 15. Platz in der gestrigen Qualifikation.

Nach zwei ungültigen Versuchen reichten 62,21 Meter im letzten Durchgang nicht, 48 Zentimeter fehlten fürs Finale, in dem Samstag ab 15.50 Uhr Bruder Christoph der deutsche Hoffnungsträger ist. Nach der heftigen Kritik im Vorfeld am IOC und dessen Präsidenten im Antidopingkampf („Ich schäme mich für Thomas Bach“), wollte Robert Harting trotz aller Verletzungsprobleme im Vorfeld mit sportlichen Taten überzeugen. „Das sieht sicher komisch aus. Meine Worte hätten mit einem weiteren Olympiasieg im Rücken mehr Gewicht als jetzt.“

Der gebürtige Cottbuser war fünf Jahre alt, als die Mauer fiel. An das Leben in der DDR hat er wenige Erinnerungen. Aber vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet der Ossi Harting die 1989 von seinen Landsleuten erkämpfte Meinungsfreiheit dermaßen lebt. Wo gibt es das in Sport und Gesellschaft noch, dass ein Mensch mit diesem Bekanntheitsgrad so vehement seinen Standpunkt äußert und verteidigt?

Jeder beklagt die weichgespülten und in zig Medienseminaren einstudierten Kommentare der Fußball-Profis. Umso erfrischender kommt der Diskus-Hüne rüber, wenngleich er mitunter übers Ziel hinausschießt. Andere Sportler bekommen wegen vereins- und verbandsschädigenden Verhaltens schnell Ärger. Als Schwimmer Nils Rudolph 1992 monierte, der deutsche Sport leide unter „machtgeilen Feierabendfunktionären“, wäre er fast aus dem Olympiateam geflogen. An einen Harting traut sich keiner ran, er hat sich die Rolle des Lautsprechers erarbeitet, wird als solcher gehört. Mündige Athleten sind in Sonntagsreden gewollt, im Alltag nerven sie die Funktionäre. Chef de Mission Michael Vesper sagte in Rio mit Blick auf Harting leicht zähneknirschend: „Ob sie es glauben oder nicht – wir haben Meinungsfreiheit im Team.“

Dass der Weltverband IAAF in seiner Dopingpolitik umgeschwenkt ist, hat auch mit dem Auftreten des Berliners zu tun. Harting kann nicht verstehen, dass sich die Schwimmer in ihrem Verband Fina kaum Gehör verschaffen, wenn es um den Ausschluss von Betrügern geht. Enttäuscht zeigt sich Harting auch von Usain Bolt. Der Gute-Laune-Sprinter aus Jamaika bringe sich mit seiner Popularität zu wenig im Antidopingkampf ein, kämpfe nicht für einen sauberen Sport.

Spielt Harting mit dem Gedanken, nach der Karriere in die Politik zu gehen? Dies verneint der 2,01 Meter große Modellathlet. „Dafür fehlt mir die diplomatische Ader.“ Vielleicht fehlt dem im Schwarz-Weiß-Schema denkenden Athleten auch die Fähigkeit, sich in die Situation eines Diplomaten wie Thomas Bach hineinzuversetzen, der von Amts wegen Grautöne finden muss. Kompromisslos agierte Harting in seiner Karriere, wenn er – im Stile eines Präsidenten im Fußballgeschäft – einen Wechsel auf der Trainerbank für angemessen hielt. In Rio konnte sein neuer Coach Torsten Schmidt das Debakel von der Tribüne aus nicht verhindern. Bis gestern zeichnete Robert Harting vor allem sein Sieger-Image aus. Dieses ist angekratzt. Doch er deutete an, so nicht abtreten zu wollen. „Ich muss mir eine Idee holen, wie es jetzt weitergeht, ist ja auch ein ermüdender Prozess. Ich wollte eigentlich mit einem schönen Moment aufhören bei Olympia“, sagte Harting. Daraus wurde nichts. Sicher ist hingegen: Auch in Zukunft wird er seinen Mund garantiert weiterhin aufmachen – auch ohne erneutes Gold.

Frank Schober

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