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Wasserspringer Patrick Hausding: „Ich gehe öfter in Schmerzbereiche“

Olympia in Rio Wasserspringer Patrick Hausding: „Ich gehe öfter in Schmerzbereiche“

Er ist Olympiazweiter, Weltmeister, 13-facher Europameister. Gemeinsam mit Sascha Klein aus Dresden greift Wasserspringer Patrick Hausding am Montag (21 Uhr) im Synchronwettbewerb vom Zehn-Meter-Turm nach einer Medaille. Der 27 Jahre alte Berliner spricht über Dauerschmerzen, Vor- und Nachteile des Leistungssports und die Rolle seines Kumpels Robert Harting im Antidopingkampf.

Der Wasserspringer Patrick Hausding. (Archivfoto)

Quelle: dpa

Rio de Janeiro. Er ist Olympiazweiter, Weltmeister, 13-facher Europameister. Gemeinsam mit Sascha Klein aus Dresden greift Wasserspringer Patrick Hausding am Montag (21 Uhr) im Synchronwettbewerb vom Zehn-Meter-Turm nach einer Medaille. Der 27 Jahre alte Berliner spricht vorab mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, dem auch diese Zeitung angehört, über Dauerschmerzen, Vor- und Nachteile des Leistungssports und die Rolle seines Kumpels Robert Harting im Antidopingkampf.

Haben Sie nach der Knie- und Schulterverletzung Ihren Körper und die Form für Rio hinbekommen?

Patrick Hausding : Das war eine Gratwanderung. Zwei Wochen Pause nach der EM im Mai hatten nichts gebracht, ich hatte eine extreme Schleimbeutelentzündung in der Schulter, habe sogar Kortison bekommen. Und ich wusste: Wenn ich es übertreibe im Training, werde ich zurückgeworfen.

Wie zeigen sich die Schmerzen?

Patrick Hausding : Mental. Wenn du schon weißt, dass es gleich schmerzhaft wird, dann gehst du in eine Schutzhaltung und schaffst den Sprung nicht.

Haben Sie es bei der EM mit zwei Wettbewerben an einem Tag übertrieben?

Patrick Hausding : Ich gehe öfter in Schmerzbereiche, wo andere nicht reingehen, aber in London habe ich es wirklich übertrieben. Das war ein Horrortag. Wenn du gespritzt wirst, fünf Tabletten nimmst und der Schmerz trotzdem extrem präsent ist, dann herrscht höchste Alarmstufe. Es war aber gut zu wissen, dass wir auch ohne Bestform in Europa vorn sind.

Ausgerechnet vor Olympia erwischt es Sie derart. Ein Fluch?

Patrick Hausding : Das gehört zum Drama wohl dazu. Bis Februar war alles gut, dann kam der körperliche Zusammenfall. Vielleicht war es zu viel Training. Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu den vielen Trainingssprüngen. Mit den Jahren wird die körperliche Präsenz wichtiger. Wenn du mental und körperlich gut drauf bist, dann ist alles gut. Bei den Sprüngen hilft dir die Erfahrung.

Haben die Springer anderer Nationen ähnliche Probleme?

Patrick Hausding : Die Mexikaner sind ziemlich fertig gerührt, sie sind klein und dünn, haben keine Stabilität, sind zugekleistert mit Tapes. Die Russen sind viel zu hart, würden sich nie etwas anmerken lassen. Das betrifft viele Nationen. Erst nach dem Wettkampf sagen alle: Mann, sind wir alle im Arsch.

Denken Sie ans Aufhören?

Patrick Hausding : Das ist kein Thema. Ich bekomme einen neuen Trainer, da mein Coach in Rente geht. Der Neue ist 32 Jahre alt, wir freuen uns auf die Herausforderung.

Sind Sie in der Athletik einer der Weltbesten?

Patrick Hausding : In der Sprungkraft auf jeden Fall. Ich schaffe 90 Zentimeter aus dem Stand, die Hüfte ist bei mir nach dem Absprung 2,40 Meter über dem Brett, da kommen nicht viele ran. Ich habe immer noch Kraftzuwachs und schaffe jetzt zwei Sprünge, an die 2012 noch nicht zu denken war.

Warum geht die Entwicklung weiter?

Patrick Hausding : Einer fängt an, springt den viereinhalbfachen Salto, auf einmal können das zehn Mann. Frühere Generationen hätten das auch geschafft, aber da hat es sich keiner zugetraut.

Empfinden Sie den Leistungssport eher als schön oder entbehrungsreich?

Patrick Hausding : Beides. In der Jugend bist du weniger mit Freunden unterwegs, dafür bereisen wir die halbe Welt. Ich finde den Sport gut für die persönliche Entwicklung, Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, Teamfähigkeit zeichnen uns Sportler besonders aus. Das ist für Arbeitgeber später mal ein gewinnbringender Punkt.

Und der Nachteil?

Patrick Hausding : Der körperliche Verschleiß. Ich hoffe, der wirkt sich perspektivisch gar nicht so schlimm aus. Vielleicht bin ich ja mit 50 fitter als die Leute, die immer nur am Schreibtisch gesessen haben. Der Mensch ist ein Tier. Und Tiere müssen sich bewegen, sonst ist es nicht natürlich.

Haben Sie neben Ihrem Ausrüster eigene regionale Sponsoren?

Patrick Hausding : Das ist schwierig in Berlin. Ich habe mir schon manchmal gedacht: Diese Erfolge in einer kleineren Stadt, dann hätte ich mehr profitieren können. Mittlerweile können viele mit meinem Namen was anfangen, aber das Gesicht dazu merken sich wenige. Ich bin äußerlich eine Durchschnittsperson, habe keine Tätowierungen im Gesicht und bin kein Schrank von 2,02 Meter. Aber alles ist gut. Ich habe nicht mit sechs Jahren angefangen, um reich zu werden.

Ihr Kumpel Robert Harting war auch viel verletzt ...

Patrick Hausding : Wir lagen beide auf der Couch und haben uns gegenseitig bemitleidet. Aber Robert ist mental stark und auf einem guten Weg.

Wie sehen Sie seine Rolle als Frontmann im Antidopingkampf?

Patrick Hausding : Robert ist eine Stimme, auf die man hört, das hat er sich über Jahre aufgebaut. Ich hätte die Russen auch komplett ausgeschlossen. Aber ich bin froh, dass der Antidopingkampf Früchte trägt, das nicht nur erzählt, sondern auch gehandelt wird. Dennoch ist die Diskussion schade für den Sport. Denn die Anerkennung sinkt, das strahlt gleich auf alle aus. Und der normale Bürger sagt: Die anderen dopen auch.

Interview: Frank Schober

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