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Béla Réthy zu RB Leipzig: „Andere leben auch nicht von Kirchensteuer“

Über anhaltende Kritik Béla Réthy zu RB Leipzig: „Andere leben auch nicht von Kirchensteuer“

Béla Réthy gehört zu den bekanntesten und umstrittensten Fernsehreportern Deutschlands – häufig kritisiert wie gelobt. Bei der Fußball-EM wird der 59-Jährige am 10. Juni das Eröffnungsspiel kommentieren. Im Rahmen des „Leipziger Journalistik-Forums“ besuchte der ZDF-Mann die Messestadt und stellte sich den Fragen der LVZ.

Die Fans vom RB Leipzig freuen sich über den Aufstieg - im Fußballldeutschland schlägt den Bullen Kritik entgegen. Das sei auch Teil der deutschen Neiddebatte, findet ZDF-Moderator Béla Réthy.

Quelle: Christian Modla / dpa

Leipzig. LVZ: Wie intensiv haben Sie den Aufstieg von RB Leipzig verfolgt?

Béla Réthy: Ich habe mir den letzten Spieltag angeschaut – mit einem sehr wachen Auge. Schließlich kommt da mit RB ein ganz neuer Bundesligist auf uns zu. Danach habe ich auch schon mal geguckt, wann die Flieger gehen und wie weit die Entfernung von Wiesbaden, wo ich wohne, nach Leipzig ist. 410 Kilometer, übrigens exakt genauso weit wie nach München.

Kennen Sie einige Verantwortliche bei RB?

Ja, mit Ralf Rangnick hatte ich schon bei Stuttgart, Schalke und Hoffenheim zu tun. Ralph Hasenhüttl kenne ich auch. Einen guten Trainer habt ihr euch geholt.

Wie bewerten Sie den Aufstieg?

Der war abzusehen, denn die Mittel sind ja da. Ich finde die Kritik auch etwas heuchlerisch, weil die anderen Vereine so tun, als ob sie von Spendengeldern leben würden oder von der Kirchensteuer. Man hat hier einfach einen guten Job gemacht.

Was ist mit der Kritik an den kostspieligen Transfers?

Als ich den Kader für die zweite Liga vor knapp zwei Jahren sah, dachte ich mir: „Da kennst du keinen einzigen Spieler.“ Die haben hier keinen Ibrahimovic oder Messi geholt, sondern Leute mit Perspektive.

Sie gehören also nicht zu den Fußball-Romantikern?

Doch, aber man kann die Zeit ja nicht zurückdrehen. Und wenn die Traditionsvereine nicht ordentlich wirtschaften, ist das möglicherweise ein neuer Weg. Zudem wird RB in der Region angenommen, wie man sieht – im Gegensatz zu manch anderem Verein, der mit fremdem Geld arbeitet.

Sehen Sie den Club eher als Ostverein oder als Ableger aus dem Red-Bull-Imperium?

Beides. RB ist einerseits ein Wirtschaftsprojekt von Dietrich Mateschitz, das aber im Osten angesiedelt ist.

Können Sie die Kritik aus Kaiserslautern oder Karlsruhe verstehen, dass der Aufstieg durch RB noch schwerer wird?

Ich gehe noch einen Schritt weiter und denke an Clubs wie Oberhausen, Essen, Offenbach oder Saarbrücken, die inzwischen in den Niederungen des deutschen Fußballs angekommen sind. Diese Vereine sind mir schon sympathischer. Aber bei RB wurde sauber gearbeitet, die Satzungen wurden erfüllt, also ist alles in Ordnung.

An der Vereinsstruktur entzündet sich Kritik.

Die bewegt sich hart am Rande der Legalität, aber offenbar immer innerhalb. Das ist wie beim allgegenwärtigen Suchen nach Steuerschlupflöchern. Eine andere Frage ist dabei natürlich die der Moral.

Waren Sie schon mal bei einer RB-Partie?

Ja, in der 3. Liga in Wiesbaden. Ich wohne ja nicht weit entfernt vom Stadion.

Dort haben Sie ja mit Wehen Wiesbaden ein ähnliches Produkt wie in Leipzig vor der Haustür. Nur nicht ganz so erfolgreich.

Wiesbaden ist einfach keine Fußballstadt. Wir hoffen immer auf eine ähnliche Entwicklung wie in Mainz. Da hieß es in den 80ern: „Aus dem Club wird nie was.“ Dann kam Christian Heidel, der große Träume hatte und mittlerweile ist aus dem Verein ein etablierter Bundesligist geworden. Zu den Zeiten von Guido Schäfer war das nicht unbedingt zu erwarten gewesen.

Ist Wehen Wiesbaden Ihr Herzensverein?

Nein, das ist die Frankfurter Eintracht. Ich bin in den großen Zeiten von Hölzenbein und Grabowski aufgewachsen. Dann kamen die Mainzer mit der beschriebenen Entwicklung. Inzwischen leiste ich mir den Luxus, zwei Vereine in meinem Herzen zu tragen.

Gerade von diesen beiden Clubs kommt großer Widerstand gegen RB.

Die sagen eben, dass sie sich im Gegensatz zu den Leipzigern jeden Euro hart erarbeiten müssen. Das ist einerseits verständlich, andererseits typisch für die deutsche Neiddebatte.

Interview: Christian Dittmar

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