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Burkhard Jung zum Aufstieg: „Es macht Spaß bei RB, ist friedlich, familiär“

Interview Burkhard Jung zum Aufstieg: „Es macht Spaß bei RB, ist friedlich, familiär“

Oberbürgermeister Burkhard Jung ist bekennender Fan des neuen Fußball-Bundesligisten RB Leipzig. Im Aufstiegsinterview spricht er über Tradition vs. Kommerz, Anfeindungen, seinen Draht zu Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz und Chancen durch den Gang in Liga eins.

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung feierte den Aufstieg von RB Leipzig im Stadion mit.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Herr Jung, der Aufstieg ist vollbracht. Was war Ihr erster Gedanke?

In unserer Stadt habe ich seit Jahren eine Sehnsucht gespürt nach Spitzenfußball, nach einer Atmosphäre, wo ich mit meiner Familie, mit meinen Kindern hingehen kann. Daher freue ich mich riesig. Unsere Botschaft ist klar: Endlich sind wir auch im Fußball erstklassig! Wir sind die am schnellsten wachsende Großstadt, sind zu den dynamischsten und attraktivsten Städten Deutschlands aufgestiegen.

Wenn Sie das noch oft betonen, steigen die Mieten immer weiter...

Dieser Herausforderung werden wir uns stellen müssen. Aber zu unserer Stadt gehört doch Erstliga-Fußball. Wir hatten nur eine Chance: Die WM 2006 zu nutzen, um Standort zu werden und Infrastruktur zu entwickeln. Immer in der Hoffnung, einen großen Investor zu finden, der in den Leipziger Fußball investiert. Das hat geklappt. Geld schießt keine Tore – aber ohne Geld schießt du erst recht keine Tore im Profifußball.

Ging es nur mit einem neuen Verein?

Ja – und dies ist ein sehr erfolgreiches Modell. Ich ertrage nicht mehr dieses dumme Geschwätz von der Kommerzialisierung des Fußballs, die angeblich durch einen gekauften Klub und einen Unternehmer aus Österreich vorexerziert wird. Es ist scheinheilig, wenn man sich überall in Deutschland abhängig macht von Wirtschaftsunternehmen und meint, nur weil man 50, 80 oder 100 Jahre älter ist, sei das etwas anderes als hier. Ich sehe keinen Unterschied in der Finanzierung von Bayern München, VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen und RB Leipzig. Alle, die das anders sehen, wissen nicht, wie heute Spitzenfußball finanziert wird.

Viele stören sich an der Struktur bei RB.

Natürlich wäre es schön, wenn wir mit einem ehrenamtlich geführten Verein spitze wären und trotzdem Inter Mailand und Arsenal London schlagen würden. Aber so ist die Welt nicht. Die Frage ist doch: Was wollen die Menschen? Sie wollen erstklassigen Fußball sehen, unterhalten werden, mitfiebern. Ich glaube nicht, dass es ihnen wichtig ist, Vereinsmitglied zu sein und zu entscheiden, wer Trainer ist und wer aufgestellt wird. Das wird doch sowieso tagtäglich am Frühstückstisch diskutiert.

Braucht der Fußball Tradition?

Zu dem Thema zitiere ich gern Herrn Mateschitz. Als wir uns kennenlernten, sagte er zu mir: Herr Jung, in 20 Jahren sind wir auch Tradition.

Funktioniert der Aufstieg im Profibereich nicht mit der klassischen Vereinsstruktur?

Es ist deutlich schwerer, denn die ist von Stimmungen abhängig und kann sich alle paar Jahre ändern. Das haben wir doch erlebt beim VfB und FC Sachsen. Die Geldgeber kamen und gingen, wurden verschlissen, führten sich auf wie Fürsten aus mittelalterlichen Strukturen. Das hat unsere Stadt nicht verdient.

Ist das Stadion nach der Halbierung der Zuschauerplätze vor 15 Jahren zu klein?

Ich bin überzeugt, dass wir mit den vorhandenen Möglichkeiten plus Ausbau auf 55 000 ein sehr gutes Stadion haben. Ich glaube, innerstädtische Stadien sind ein Zukunftsmodell. Wenn ich ein Stadion außerhalb auf die grüne Wiese baue, kommen damit verbundene Effekte nur noch sehr gering in der Stadt an. Ich spreche von Gastronomie, Hotellerie, Dienstleistungen. Es ist auch eine Chance, Verkehr anders zu organisieren. Bei der WM war es selbstverständlich, zu Fuß vom Hauptbahnhof ins Stadion zu gehen.

Ist die Belastung im Waldstraßenviertel zu groß?

Sie ist groß, ich verstehe die Sorgen. Wir arbeiten an einem deutlich besseren Verkehrskonzept gerade zum Schutz des Waldstraßenviertels. Aber ein Großkonzert belastet mehr als Fußball.

Welche wirtschaftlichen Effekte bringt Liga eins?

Als wir das Stadion gebaut haben, war von 2000 bis 7000 Arbeitsplätzen die Rede – in dem Bereich bewegt sich Erstliga-Fußball.

Wie ist Ihr persönlicher Draht zu Dietrich Mateschitz?

Ich habe ihn gleich am Anfang besucht, denn ich wollte ihn kennenlernen um einschätzen zu können, wie nachhaltig das Engagement ist. Wir haben einen persönlichen Draht und Sympathie gefunden, vor allem habe ich die Ernsthaftigkeit erkannt. Als Stadt hatten wir ja einiges zu entscheiden: Bekommen wir eine Mehrheit im Stadtrat zur Umbenennung des Stadions? Genehmigen wir den Bau eines Trainingszentrum am Rande des Naturschutzgebietes? Die eindeutige Aussage von Herrn Mateschitz lautete: Ich möchte willkommen sein, möchte nicht erleben, dass man mir Knüppel zwischen die Beine wirft – dann müssen wir das Projekt woanders angehen. Hätte er nicht den Eindruck gewonnen, da ist eine fußballhungrige Stadt, dann wäre es schwer geworden.

Werden Sie als RB-Fan noch angefeindet?

Die Anfeindungen von Legida sind größer. Die Hardcore-Fans von Lok äußern sich noch. Als ich während des Spiels in Nürnberg die 1:0-Führung von RB auf Facebook gepostet hatte, ging es sofort los: Das seien doch keine Fußballer, sondern „Dosenöffner“. Aber über 30 .000 Zuschauer sprechen eine deutliche Sprache: Es macht Spaß bei RB, ist friedlich, familiär. Die Fankultur hat sich großartig entwickelt. Und ich sage Ihnen eines: Wenn Bayern München zum ersten Mal bei uns eins auf die Mütze bekommt, dann steht die Stadt kopf.

Sehen Sie auch etwas kritisch bei RB?

Nein, selbst die Kritik, die hätten zu viel Geld, kann man schnell entkräften, weil RB sehr sorgsam damit umgeht. Manche sagen, sie hätten Zeit verschlafen, es habe zu lange gedauert. Ich finde, sie haben es behutsam angepackt und schon in den ersten Jahren eine Fankultur und eine hervorragende Jugendarbeit entwickelt. Unsicher bin ich, ob das Trainingszentrum einen Tick kleiner gegangen wäre. Aber es wurde auf Zukunft gebaut.

RB steigt auf. Befürchten Sie, dass andere Aushängeschilder wie der HCL oder Volleyball wegbrechen könnten?

Volleyball macht mir Sorgen, da tut mir das Herz weh. Das liegt aber nicht an RB, denn RB hat niemandem auch nur einen Sponsor weggenommen. Der HCL spielt weiter oben mit, hat ein gutes Management und wird seinen Etat schaffen. Ich freue mich sehr, sehr über die Handballer des SC DHfK, da bin ich absolut überrascht. Ich habe nirgendwo einen Rückschritt wahrgenommen, denken Sie an die Ringer, Judoka und weitere olympische Sportarten. Auch Lok und Chemie partizipieren von der Top-Ausbildung bei RB. Die Nachwuchsarbeit von Lok wird durch RB befruchtet.

Frank Schober, Sebastian Harfst

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