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Ex-Nationalspieler Dariusz Wosz: "Leipzig verträgt zwei Proficlubs"

Interview Ex-Nationalspieler Dariusz Wosz: "Leipzig verträgt zwei Proficlubs"

Dariusz Wosz ist keine kleine Nummer in der deutschen Fußball-Historie. Im Interview spricht der ehemalige Nationalspieler über die deutschen Auftritte bei der EM, ein ostdeutsches Fußball-Jahr vom Feinsten und Bundesliga-Fußball mit RB Leipzig.

Dariusz Wosz freut sich über die positive Entwicklung im Fußball-Osten in den vergangenen Monaten. Auch für RB Leipzig hat er lobende Worte.

Quelle: Imago

Leipzig. Über 500 Profispiele für den Halleschen FC, den VfL Bochum und Hertha BSC, sieben Länderspiele für die DDR, 17 fürs wiedervereinte Deutschland – Dariusz Wosz ist keine kleine Nummer in der deutschen Fußball-Historie. Wosz, 47, über das wenig weltmeisterliche 2:0 des Weltmeisters gegen die Ukraine, das EM-Spiel Deutschland gegen Polen (Donnerstag, 21 Uhr), ausbaufähige Infrastruktur seines Halleschen FC, ein ostdeutsches Fußball-Jahr vom Feinsten und Bundesliga-Fußball mit RB Leipzig.

Wer wird eigentlich Europameister, Herr Wosz?

Meine Favoriten sind Frankreich und Spanien.

Belgien ist mit einer goldenen Generation am Start, wird als Geheimfavorit gehandelt.

Dann muss man das denen auch mal sagen. Ich habe gegen Italien nicht viel gesehen von der goldenen Generation. Aber das kann ja noch kommen.

In der Vorrunde auszuscheiden, ist fast schwieriger, als weiterzukommen. Was sagen Sie zum aufgeblähten 24er Feld?

Acht Endrundenteams waren zu wenig, 24 sind zu viel. Man hätte beim 16er-Feld bleiben sollen.

Deutschland ist Weltmeister und von Amts wegen heißer Anwärter auf den Titel. Sie sehen das offenbar nicht ganz so.

Deutschland hat die Klasse, weit zu kommen. Für meinen Geschmack haben aber momentan etwas viele Spieler Probleme mit der Fitness. Bastian Schweinsteiger kann nicht bei 100 Prozent sein, Mats Hummels ebenso wenig. Benedikt Höwedes hat bei Schalke lange gefehlt, Sami Khedira sucht noch seinen Rhythmus. Mario Götze hat bei Bayern selten gespielt, Mario Gomez spielt in der Türkei. Die türkische Liga ist weit weg vom Niveau der europäischen Top-Ligen.

Gegen die Ukraine kam trotzdem ein Sieg zustande. Angenehm überrascht?

Ja, ich hatte auf ein Unentschieden getippt. Manuel Neuer und Jerome Boateng waren die entscheidenden Männer.

Wenn Deutschland gegen Polen gewinnt, ist das Achtelfinale erreicht.

Wenn Polen gegen Deutschland gewinnt, ist Polen weiter.

Sie sind in Polen geboren, kamen mit elf Jahren nach Halle. Wie intensiv sind die Kontakte nach Polen?

Das ist ganz einfach: Es gibt keine.

Also drücken Sie Deutschland die Daumen?

Wem sonst? Ich bin hier aufgewachsen, lebe hier, war 20 Jahre Fußball-Profi, habe Länderspiele für Ost und West gemacht.

In Polen spricht man immer noch vom 2:0-Sieg gegen Deutschland in der EM-Quali. Ist wieder eine Sensation drin?

Man darf sie nicht zu Kontern einladen, sonst wird es gegen schnelle Leute wie Lukasz Piszczek und Robert Lewandowski gefährlich und wir sind wieder auf Manuel Neuer angewiesen.

Das Spiel geht wie aus?

Unentschieden.

Sie standen bei der EM 2000 in Holland und der Schweiz im Kader...

Ja, leider.

Sie hatten keinen Einsatz, mussten sich das Elend von draußen anschauen. Weil Coach Erich Ribbeck vornehmlich auf betagte Herren baute?

Lothar Matthäus spielte Libero, war damals um die 40.

39. Deutschland blamierte sich bis auf die Knochen und flog in der Vorrunde raus.

Zu Recht. Wir hatten weder einen Plan noch eine EM-würdige Atmosphäre.

Mittendrin gab es Pläne, Ribbeck zu entmachten und Matthäus zum Chef zu machen.

Das habe ich nur am Rande mitbekommen. Als Ersatzmann steht man bei derartigen Dingen nicht in vorderster Front. Diese EM würde ich in jeder Hinsicht gerne aus meinem Gedächtnis streichen.

Lok Leipzig, der FSV Zwickau, Erzgebirge Aue, Dynamo Dresden und RB Leipzig sind aufgestiegen. Der Osten boomt auch zu Ihrer Freude?

Absolut. Ich hoffe, dass das mehr als eine Momentaufnahme ist und der Fußball-Osten langfristig wieder ein Wörtchen mitredet.

Lok ist in die vierte Liga aufgestiegen. Was kann da noch kommen?

Ich halte die zweite Liga für möglich, Leipzig kann zwei Proficlubs vertragen. Lok hat schon jetzt viel bessere Trainingsbedingungen als viele Drittligisten. Beim HFC hat man einen einzigen Trainingsplatz. Und wenn es Winter wird, sieht der irgendwann entsprechend aus.

Für RB wird nicht überall der rote Teppich ausgelegt. Zweifeln Sie an der Daseinsberechtigung der Roten Bullen?

Nein, ich finde es gut, dass sich ein derart potentes Unternehmen für den Fußball im Osten entschieden hat. Es werden Arbeitsplätze geschaffen, viele profitieren, an Spieltagen vibriert die ganze Stadt.

Was sagen Sie Männlein, Weiblein, die nix mit RB anfangen können?

Es kann nicht jeder über Nacht RB-Fan werden. Aber wenn die Bayern oder der BVB kommen, gehen bestimmt auch Fans ins Stadion, die sich sagen: Heute gucke ich mir Bayern/Dortmund an und muss nicht nach Berlin oder sonst wohin fahren.

Die Bayern peppen gerade mit Hilfe von Uli Hoeneß den lange Zeit unerfolgreichen Nachwuchsbereich auf. RB hat innerhalb kurzer Zeit 22 Jugendnationalspieler hervorgebracht. Geht es ohne Unterbau nicht mehr?

RB investiert viel in die Förderung des Nachwuchses, das ist der richtige und effektive Weg. Die Talente werden jetzt mehr und mehr im Osten gehalten, wandern nicht mehr in den Westen ab. Nicht jedes Talent wird es bei RB ganz nach oben schaffen, umliegende Clubs können also von einem Bundesligisten RB profitieren.

Stimmt es, dass ein Verwandter bei RB spielt?

Mein Neffe spielt in der U15.

Sie sind in der Fußball-Schule des VfL Bochum angestellt, leben lange im Pott. Wann kehren Sie zurück zu Ihren Ost-Wurzeln?

In Bochum fühle ich mich nach all den Jahren auch zu Hause. Aber man soll nie nie sagen.

Wenn ein Angebot von einem Club wie Lok oder dem HFC käme...

... würde ich natürlich darüber nachdenken. Aber nicht als Cheftrainer, eher als Co-Trainer. Das Trainergeschäft ist brutal und gnadenlos. Wenn sich deine Spieler nicht den Hintern aufreißen, bist du ganz schnell weg.

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