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Fanforscher im Interview: RB Leipzig muss aktiv auf die Anhänger einwirken

Nach dem Aufstieg Fanforscher im Interview: RB Leipzig muss aktiv auf die Anhänger einwirken

Die Zuschauerzahlen von RB Leipzig werden nach dem Erstliga-Aufstieg noch einmal deutlich wachsen, so die Prognose. Fanforscher Robert Claus, 33, rechnet mit einer wachsenden Vielfalt auf den Rängen – und womöglich auch mit mehr Problemfans.

RB Fans in der Red-Bull-Arena: Noch funktionieren die Selbstreinigungskräfte in der Kurve, doch die Dynamik kann kippen. Verein und Fanbeauftragte müssen rechtzeitig entgegen wirken.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. LVZ: Die Fanszene von RB Leipzig gilt als sehr familienfreundlich. Ist das eigentlich ein Alleinstellungsmerkmal in der Bundesliga?

Robert Claus: In der gesamten Liga herrscht ja eine familienfreundliche Stadionatmosphäre. Das wirkliche Alleinstellungsmerkmal bei RB Leipzig ist das Fehlen von gewalttätigen Gruppierungen. Außerdem ist die Szene in Leipzig jünger, im Wachstum begriffen und sie verfügt noch nicht über gefestigte Strukturen wie andernorts. Auch das ist eine Besonderheit.

Gibt es ein Vorbild für eine solch schnell wachsende Szene?

Am ehesten ist das vergleichbar mit Hoffenheim, wo ähnliche Prozesse ein paar Nummern kleiner abgelaufen sind. Aber in einer Großstadt wie Leipzig ist es ein Novum, dass eine Fanszene bei Null anfängt und dann so schnell und so viel Zulauf bekommt. Das birgt für die Anhängerschaft große Chancen, sich selbst zu erfinden – aber auch Gefahren.

Fanforscher Robert Claus

Welche denn?

Das kommt auf die Perspektive an. Der Klub freut sich natürlich über jeden zahlenden Anhänger. Aus Sicht der ultraorientierten Gruppen, die ihre Mannschaft permanent anfeuern, gibt es allerdings die Sorge vor passiven Fans, die nur wegen attraktiver Paarungen ins Stadion kommen. Läuft es sportlich schlecht, sind die Ränge dann halb leer. Insgesamt wird es schwerer, den Überblick zu behalten. Wer kommt alles zum Spiel? Ist da schwierige Klientel dabei? Auch auf die Fanbetreuer, die sich unter anderem um neu gegründete Fanklubs kümmern und diese bestenfalls auf Herz und Nieren prüfen, kommt viel mehr Arbeit zu.

Das Wachstum muss begleitet werden?

Ja. Es ist wichtig, dass die Strukturen mit einer größer werdenden Szene Schritt halten.

Warum?

Die Verantwortlichen sollten die Entwicklung detailliert beobachten, um bei problematischen Aspekten rechtzeitig gegensteuern zu können. Prävention im Sinne demokratischer Fanarbeit muss im Fokus stehen. Doch wichtig sind auch Strukturen und Vereinbarungen, um gegen Gewalt oder Rechtsextremismus frühzeitig intervenieren zu können.

In der Spielzeit 2013/14 wurden RB Leipzig von der Polizei erstmals zehn Fans der Kategorie B (gewaltbereit, gewaltgeneigt) zugeordnet. Im Jahr darauf waren es 40, aktuell sind es zirka 60 Personen. Ist damit zu rechnen, dass die Bundesliga noch mehr erlebnisorientierte Anhänger anzieht?

In dem Maße, wie eine Fanszene wächst, in dem Maße wird sie sich auch ausdifferenzieren. Mehr völlig harmlose Durchschnittsfans werden in die Red-Bull-Arena strömen, aber womöglich auch blutjunge Anhänger, die gewaltinteressiert sind. Und wiederum andere, die vielleicht extrem rechte Meinungen vertreten. Große Teile der Gesellschaft spiegeln sich auf den Rängen wider.

Was kann ein Verein konkret tun?

Solche Entwicklungen können begleitet, in Bahnen gelenkt werden. Durch viel Kommunikation, durch Austausch über den Fanrat oder auch eigene Veranstaltungen und Projekte. Hinzu kommt die präventive Arbeit im Fanprojekt. Jeder Verein ist gut beraten, Fans zu unterstützen, die sich gegen Rassismus und andere Diskriminierungsformen aussprechen, wie das Leipziger Bündnis „Rasenball gegen Rassismus“, um überhaupt erst kein Vakuum für rechte Gruppen entstehen zu lassen.

Es sind bisher nur vereinzelt homophobe oder rassistische Äußerungen von RB-Fans dokumentiert, vor allem auf Auswärtsfahrten. Die aktive Fanszene zeigte in der Vergangenheit gegen solche Entgleisungen Flagge, die Selbstreinigungskräfte in der Kurve funktionieren offenbar. Es scheint, als habe RB hier doch gar kein großes Problem.

Das ist einerseits gut, doch andererseits bleibt stete Vorsicht angebracht.

Ist das nicht übertrieben?

Naja, in anderen Vereinen hat es manchmal nur ein halbes Jahr gebraucht, bis rechte Anhänger in einer Kurve deutlich präsent waren. Gerade im Leipziger Umland ist das Potenzial dafür sehr groß. Und ein Klub wie RB übt – erst recht nach dem Aufstieg – eine große Anziehungskraft aus. Junge Fangenerationen wachsen schnell nach und befinden sich im steten Wandel.

Aber RB pola risiert auch enorm. Rechnen Sie damit, dass die Proteste im Oberhaus noch einmal an Fahrt gewinnen?

Das wird davon abhängen, wie erfolgreich der Klub agiert. Wenn er im hinteren Tabellendrittel landet, werden die Proteste vermutlich weniger stark sein. Bei einer vorderen Platzierung wird es wohl deutlich mehr Widerstand geben.

In der aktiven RB-Fanszene wird mittlerweile eher eine Entspannung zu anderen Szenen wahrgenommen. Man arrangiert sich weitgehend miteinander. Wird Leipzig in ein paar Jahren tatsächlich ein Klub wie jeder andere sein?

Auch das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Welche Rolle wird RB sportlich spielen? Wie entwickelt sich die Fankultur weiter? Geht die Fanszene weiter mit viel Selbstironie mit den Protesten um? Und schließlich gibt es noch äußere Faktoren wie die Debatten um die 50+1-Regel oder um die TV-Rechte. Kritik an der Kommerzialisierung des Fußballs bekommt RB Leipzig schließlich in besonderem Maße zu spüren.

Interview: Thomas Fritz

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