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HHL-Experte: „RB wirbt gratis für Leipzig“

Wirtschaftsentwicklung HHL-Experte: „RB wirbt gratis für Leipzig“

Was bedeutet der Sprung von RB Leipzig in die erste Bundesliga konkret für die wirtschaftliche Entwicklung der Region? Professor Henning Zülch (43) von der Handelshochschule Leipzig (HHL) hat es durchgerechnet.

Henning Zülch.

Quelle: HHL

Leipzig. HHL-Professor Henning Zülch (43) hat sich damit beschäftigt, wie sich Zuschauerentwicklung und Imagegewinn auf das wirtschaftliche Umfeld Leipzigs auswirken werden.
 
Welche Zuschauerentwicklung prognostizieren Sie für RB Leipzig?

RB Leipzig hat in der zweiten Liga durchschnittlich 27 800 Zuschauer pro Spiel ins Stadion gelockt hat. Betrachtet man die seit 2013 aufgestiegenen Vereine wie Frankfurt, Berlin, Köln, Ingolstadt und Darmstadt, so ist festzustellen, dass die Zuschauerzahlen dieser Vereine im Jahr nach dem Aufstieg um 26,8 % angestiegen sind. Wird dies auf RB Leipzig und die kommende Saison übertragen und unterstellt man eine Wachstumsrate von 35% aufgrund des besonderen Umfeldes und der bisherigen Erfahrung, so ist für die kommende Saison eine Steigerung der Zuschauerzahlen auf 165 500 Zuschauer zu kalkulieren. Das bedeutet, dass durchschnittlich 37 500 Zuschauer ein RB-Heimspiel besuchen werden.
 
Welche Rolle spielen die Gästefans?

Auch die Gästefans werden über kurz oder lang ihre Boykotthaltung aufgeben und zu weiter steigenden Zuschauerzahlen führen. Der Erfolg wird sich durchsetzen und die Erkenntnis, dass RB Leipzig nicht wirklich anders ist als Leverkusen und Bayern.

Wie viel Geld lassen Stadionbesucher in anderen Bundesliga-Orten?

Laut einschlägiger Studien lässt ein Stadionbesucher in Leverkusen ungefähr 25 Euro im Stadion selbst und zusätzliches Einkommen außerhalb des Stadion wird in Höhe von ebenso 25 Euro generiert. In Wolfsburg sieht dies ähnlich aus: 14 Euro im Stadion und 23 Euro außerhalb des Stadions. Hinzu kommt der Steuergewinn der Stadt.

 
Was heißt das konkret für Leipzig?

Übertragen auf Leipzig bedeutet dies, dass bei einem Zugewinn von 165 500 Zuschauern in der Saison 2016/2017 bei 25 Euro Ausgaben pro Besucher ca. 4,14 Millionen Euro zusätzliche Einnahmen außerhalb des Stadions generiert werden. In der Summe ergibt sich über alle 17 Heimspiele von RB Leipzig bei einer durchschnittlichen Zuschauerzahl von 37 500 Zuschauern pro Heimspiel eine Gesamtzuschauerzahl von 637 500 Zuschauern (Platz 12 der aktuellen Zuschauertabelle) für die kommende Saison, was Einnahmen in Höhe von ca. 16 Millionen Euro außerhalb des Stadions für die gesamte Saison bedeuten würde.
 
25 Euro pro Zuschauer klingt eher wenig...

Das stimmt, die angesetzten 25 Euro stellen eine eher konservative Schätzung pro Heimspiel dar. Vor allem Auswärtsfans sind durchaus bereit, mehr Geld in der Stadt und im Umfeld auszugeben. Erweitert man das Szenario auf 30 Euro pro Zuschauer, so würde ein Zugewinn für die kommende Saison von 4,95 Millionen Euro entstehen bei Gesamteinnahmen für die Saison 2016/2017 von 19,13 Millionen Euro.

Was bleibt davon in der Leipziger Stadtkasse hängen?

Von den Ausgaben der Stadionbesucher profitiert die Leipziger Stadtkasse durch Steuereinnahmen. Die zusätzlichen Zuschauer generieren jedoch auch Kosten für zusätzliche Transportmöglichkeiten und Sicherheitskonzepte. Zieht man von den Einnahmen in der Stadtkasse die zusätzlichen Ausgaben ab, so kommt man zum Beispiel in Leverkusen auf 7,65 Euro pro Stadionbesucher. Legt man diese Maßgröße der Leipziger Berechnung zugrunde, wären es ca. 1,27 Millionen Euro zusätzlich für die Stadtkasse durch den Zuschaueranstieg um 165 500 Besucher in Leipzig pro Jahr. Insgesamt würde die Stadtkasse Leipzig bei dieser Berechnung über die gesamte Saison bei einer Zuschauerzahl von 637 500 Zuschauern für die Saison 2016/2017 ein Ergebnis von 4,88 Millionen Euro verbuchen.
 
Welche ökonomische Rolle spielt der Imagegewinn durch einen Bundesligisten für Leipzig?

Hält sich RB Leipzig in der Bundesliga – wovon auszugehen ist , so macht der Verein unzweifelhaft Werbung für die Stadt Leipzig. In Leverkusen müsste die Stadt 2,2 Millionen Euro, in Wolfsburg 1,2 Millionen Euro  zusätzlich an Werbeausgaben tätigen, um denselben Effekt zu erzielen. Wird unterstellt, dass die mediale Aufmerksamkeit von RB Leipzig auf das Niveau vom VfL Wolfsburg steigt – auch oder gerade deshalb, weil Leipzig dann der einzige Ostdeutsche Verein der ersten Bundesliga ist, -  so ergäbe sich ein Äquivalent von 1,2 Mio. EUR Werbeausgaben im Jahr, die für die Stadt Leipzig gratis getätigt würden.
 
Leipzig wird ja  vor allem als Kulturhauptstadt wahrgenommen, gerade pilgerten übers verlängerte Wochenende tausende Wagner-Fans in die Stadt, um die komplette Aufführung des „Rings“ in der Oper zu erleben. Was bringt der RB-Aufstieg für das Tourismus-Geschäft?

Leipzig wird nun auch als Fußballstadt wahrgenommen werden. Das kurbelt den Tourismus zusätzlich an. Zwischen 2010 und 2014 ist die Zahl der Ankünfte in Leipzig jährlich um 7,7% gewachsen. Wenn man dieselbe Wachstumsrate für die Folgejahre ansetzt sowie von einem konservativ geschätzten RB-Sondereffekt von 5 Prozent ausgeht, würden sich zusätzliche Ankünfte, die nur auf den Aufstieg zurückzuführen sind, von 95 000 ergeben. Unterstellt man, dass diese zusätzlichen Besucher ebenfalls wie die restlichen Besucher durchschnittlich rund 50 Euro ausgeben, ergeben sich Zusatzerlöse von 4,75 Millionen Euro als indirekter Effekt der zusätzlichen Werbung für Leipzig durch RB pro Jahr.
 
Welche konkreten Auswirkungen wird es auf dem Arbeitsmarkt geben?

Das ist ganz schwierig, zu sagen. Zurzeit kursieren ja die wildesten Zahlen. Die zusätzlichen Zuschauerzahlen, die zusätzlichen Einnahmen der Stadtkasse Leipzig und die Werbewirkung für die Region Leipzig lassen mittel- bis langfristig vermuten, dass bis zu 1500 neue Arbeitsplätze in den flankierenden Sektoren wie Hotel- und Gastgewerbe, Sicherheitsgewerbe und Einzelhandel  geschaffen werden, um den gestiegenen Bedürfnissen gerecht zu werden. Dieser hohe Arbeitsplatzeffekt mag überraschen, beruht aber auf der Tatsache, dass Arbeitsplätze in den erwähnten Gewerben meist durch Teilzeit und relativ geringe Stundenlöhne charakterisiert sind.
 
Die Bundesliga belebt also Wirtschaft und Tourismus in der Region. Welche Hausaufgaben muss RB dabei erledigen?

RB Leipzig muss zunächst zusammen mit der Stadt Leipzig wichtige infrastrukturelle Fragen zu lösen, um die prognostizierten Zuschauermassen zu kanalisieren und Fankrawalle zu vermeiden – eine zunehmend logistische Herausforderung. Ferner muss der Verein beweisen, dass er kein Fremdkörper in der Region ist. Er muss aktiv Gemeinwohl stiften und zeigen, dass er über den Sport hinaus einen gesellschaftlichen Beitrag für die Region leistet, wie dies bereits andere Bundesligisten mit großem Erfolg tun. Seine unternehmerischen Wurzeln hat RB sicherlich in Österreich, der Sport wird aber in Leipzig betrieben – eine gesellschaftspolitische Herausforderung.  

Interview: André Böhmer

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