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Heidel im Interview: „Sie wollen Schalke 04 mit RB Leipzig vergleichen?“

Vor Gastspiel in der Messestadt Heidel im Interview: „Sie wollen Schalke 04 mit RB Leipzig vergleichen?“

Im Sommer wechselte Manager Christian Heidel vom FSV Mainz 05 zum FC Schalke 04. Vor dem Gastspiel bei RB Leipzig spricht er im Interview über einen Start zum Vergessen, Heimweh nach Mainz und den Unterschied zwischen Geld von Gazprom und Geld von Red Bull.

Christian Heidel wird mit dem FC Schalke 04 am Samstag bei RB Leipzig zu Gast sein.

Quelle: dpa

Gelsenkirchen/Leipzig. Christian Heidel, ewiger Manager von Mainz 05, ist im Sommer seiner großen Liebe untreu geworden. Blau-Weiß statt Rot-Weiß, Schalke 04 statt Mainz 05, zehn Zeitungen statt zwei, 65 .000 Zuschauer statt 30 .000, Schalker Kreisel statt Meenzer Fleischwurst. Der gebürtige Mainzer Heidel, 53, Manager und Sportvorstand beim Kult-Club, über das Duell der Serientäter bei RB Leipzig (Sonnabend, 18.30 Uhr, Red-Bull-Arena) einen Start zum Vergessen, Heimweh nach Mainz und den Unterschied zwischen Geld von Gazprom und Geld von Red Bull.

Ist eine neue Liebe wie ein neues Leben?

Dass Mainz 05 mein Baby ist und immer Teil meines Leben bleiben wird, kann jeder nachvollziehen. Jetzt bin ich Schalker und diesem Verein emotional sehr schnell sehr nahgekommen. Ich habe großartige Menschen kennengelernt, mir wurde viel Vertrauen entgegengebracht. Ich komme supergut klar mit der besonderen Mentalität auf Schalke.

Mainz hat die Fastnacht, den Dom. Auf Schalke kommt erst Fußball und dann sehr lange nix.

Fußball ist mein Leben. An Fastnacht fahre ich nach Mainz und bin beim Rosenmontagszug, wenn er am Dom vorbeifährt.

Heimweh nach Mainz, nach einem Schoppen in der Altstadt?

Wenn ich meine Freunde vermisse, fahre ich in die Heimat, aber auch hier im Pott habe ich schon tolle Menschen kennengelernt.

Ein guter Manager sucht – zumindest in Mainz am Rhein – seinen Nachfolger selbst aus. Siehe Rouven Schröder.

Es war mir extrem wichtig, ein bestelltes Feld zu hinterlassen. Sonst wäre ich nicht gegangen.

Sie haben Jörn Andersen wenige Wochen nach dem Bundesliga-Aufstieg 2009 vor die Tür gesetzt, A-Jugendtrainer Thomas Tuchel installiert. Typisch Mainz?

Dafür gab es zunächst bundesweit keinen Applaus und Mainz 05 wurde als Chaos-Club bezeichnet. Manchmal muss man unpopuläre Entscheidungen treffen. Jörn wollte die Philosophie von Mainz 05 verändern. Gespräche nur nach vorheriger Anmeldung und so weiter. Das Menschliche hat mir total gefehlt. Und nach der Gelben gab es die Rote Karte. Typisch Mainz. Stimmt!

Es gab im Laufe Ihrer Mainzer Zeit immer wieder Angebote für Sie...

.... stopp, zu konkreten Angeboten habe ich es nie kommen lassen, habe bei Anfragen immer das gleiche gesagt: Ich will es nicht hören, ich bleibe in Mainz.

Das hat sich irgendwann geändert.

Lange, bevor ich vom Schalker Interesse wusste, hatte ich für mich die Entscheidung getroffen, dass ich nach 24 Jahren etwas Neues mache. Das war keine Entscheidung gegen Mainz 05.

Und es wurde eine für Königsblau.

Ich kann nur bei einem Verein arbeiten, der mich emotional berührt und wo mir mein Gefühl sagt: Hier bin ich richtig. Das war und ist so bei Schalke 04. Ich habe keine Sekunde bereut, Schalker zu werden.

Der Start ging mit fünf Pleiten in die Hose und das aufgeregte Schalke blieb relativ unaufgeregt.

Sie können relativ streichen, es blieb total ruhig bei uns. Im Verein und bei den Fans. Ich muss den Menschen ein riesiges Kompliment machen. Die haben zu mir gesagt: Behalten Sie die Ruhe, Herr Heidel, wir gehen da gemeinsam durch.

Was lief falsch zu Beginn?

Unsere ersten Punktspiele hatten leider Gottes Testspiel-Charakter. Markus (Weinzierl, S04-Coach, Red.) musste viel ausprobieren, hatte zu spät seine neue Mannschaft zusammen.

Weil sich der Transfer von Leroy Sane wie Kaugummi zog.

Genau. Wenn wir Leroy früher verkauft hätten, hätten wir zehn Millionen Euro weniger bekommen. Ich musste warten.

Mit der 60-Millionen-Ablöse sind Sie dann einkaufen gegangen. Apropos. Wenn ein Manager auf Schalke den Hörer in die Hand nimmt, steht es am nächsten Tag in der Zeitung.

Ich erlebe es anders. Wir bereiten Transfers im stillen Kämmerlein vor, die Beteiligten sind verschwiegen, wir vermelden irgendwann Vollzug oder auch nicht. Wie in Mainz früher. So muss das sein.

Aufsichtsratschef Clemens Tönnies meldet sich selten bis nie öffentlich zu Wort. Part of the deal?

Wir sind uns einig, wie wir uns das Geschäft vorstellen. Es ist wichtig, dass wir alle in eine Richtung gehen und nicht an einem Tag drei verschiedene Statements zu einem Thema in der Zeitung stehen. Die Zusammenarbeit mit Clemens Tönnies ist klasse. Ich wurde gewarnt: Pass mal auf, wenn es schwierig wird, dann wird es auch mit deinem Aufsichtsratschef schwierig. Unser Start war mehr als schwierig und unser Verhältnis ist überragend geblieben. Er ist der perfekte Aufsichtsratchef.

Sie haben nach der vierten Niederlage eine Brandrede gehalten.

Nein, keine Brandrede. Ich habe nur in Frage gestellt, ob manches Verhalten mit der Situation korrespondiert.

Wenn ein Spieler kurz nach einer Niederlage mit Heißhunger über sein Fresspaket herfällt...

...das ist mir zu krass ausgedrückt. Ich habe nur in Frage gestellt, ob sich alle mit dieser Niederlage und den Folgen auseinandergesetzt haben. Ich hatte so schnell keinen Hunger.

Ein guter Manager ist besser informiert und schneller als ein durchschnittlicher. Wie schnell und informiert sind Sie?

Die Bewertung möchte ich anderen überlassen. Ich will immer up to date sein, bilde mich fort. Wenn ich vor einem Spiel in Krasnodar lieber im Hotel bleibe, als mir drei Stunden lang das Nachwuchszentrum anzuschauen, wird es Zeit, darüber nachzudenken sich zurückzuziehen. Ein Netzwerk ist die Basis, ohne geht nichts. Das habe ich nach 25 Jahren Mainz 05 und sechs Monaten Schalke.

Wie hat es Andre Breitenreiter aufgenommen, dass das letzte Spiel der Saison 2015/2016 für ihn das Ende bedeutet?

Absolut professionell. Er wusste vorm Auswärtsspiel gegen Hoffenheim, woran er ist. Das empfand ich als fair und geboten. Ich wollte einen kompletten Neustart.

Mit einem neuen Trainer, neuen Spielern und Vollgasfußball. Wann war das Erweckungserlebnis nach dem miesen Start?

Es gab zwei. Wir haben Nizza in Nizza totgepresst, waren haushoch überlegen, haben nur 1:0 gewonnen. Und mit dem 4:0 gegen Gladbach haben wir kein Spiel mehr verloren. Die Spieler wissen seitdem, was Markus Weinzierl will, dass sie mehr laufen müssen als früher, dass sich Schalke 04 nach Ballverlust nicht mehr zurückzieht, sondern vorne drauf geht.

Sie haben Jürgen Klopp und Thomas Tuchel entdeckt. Wie intensiv ist der Kontakt?

Kloppo war mein Spieler, mein Trainer und ist bis heute ein sehr enger Freund. So eine intensive Beziehung gab und gibt es zwischen Thomas und mir nicht. Die fünf Jahre mit ihm waren überragend, Bis auf die letzten beiden Tage. Aber das ist längst abgehakt

Wir haben Schalke abgehängt. Sagt BVB-Boss Aki Watzke.

Wir arbeiten jeden Tag hart, um Schalke weiterzuentwickeln. Dabei schauen wir nicht nach Dortmund, sondern auf uns.

Julian Draxler ist in Wolfsburg kreuzunglücklich. Wie wäre es mit einer Rückkehr?

Schalker Junge, super Spieler, wirtschaftlich nicht darstellbar.

Ihr Königstransfer Breel Embolo schien schon mit RB einig, die Ablöse von 22,5 Millionen war öffentlich. Was passierte dann? Haben Sie mit mehr Gehalt gedroht?

Wir haben Breel das gleiche Angebot unterbreitet wie RB.

Das können dann – Stichwort Salary Cap – „nur“ drei Millionen Euro im Jahr sein.

Über Gehälter spreche ich nicht. Breels Entscheidung für uns war rein emotional. Ich habe ihm Bilder und Filme von der Atmosphäre auf Schalke gezeigt.

Die Atmosphäre in Leipzig ist – fast – genau so toll.

Sie wollen Schalke 04 mit Rasenballsport Leipzig vergleichen? Emotional liegen da noch Welten dazwischen. Schalke gibt es seit 112 Jahren, Rasenballsport Leipzig seit 2009.

Sportlich ebenfalls, Herr Heidel. RB hat 30 Punkte, S04 17.

Das ist Fakt! RB macht das überragend gut, ist mit seinem Gegenpressing nah an der Perfektion. Wenn Leipzig am gegnerischen Strafraum den Ball verliert, gehen drei Mann drauf. Leipzig wird auf Jahre hinweg eine große Nummer in Deutschland. Ralf Rangnick hat jetzt mit Ralph Hasenhüttl auch noch den passenden Trainer gefunden. Hut ab.

An anderer Stelle lassen Sie den Hut auf. Ihr zentraler Kritikpunkt: RB muss Transferausgaben nicht durch selbst erwirtschaftete Einnahmen deckeln.

Auch das ist Fakt. Es wird nicht mehr mit gleichen Waffen gekämpft, das ist in meinen Augen nicht gut. Das ist überhaupt keine Kritik, denn RB hält sich an die von uns gemeinsam aufgestellten Regeln.

Wir werden polemisch: Ist Gazprom-Geld reiner als das von Dietrich Mateschitz?

Gazprom ist seit 2007 Trikot- und Hauptsponsor des FC Schalke 04 und hat sich nicht eine Sekunde in das operative Geschäft des Vereins eingemischt. Das ist ein sehr großer Unterschied zum Redbull-Engagement bei Rasenballsport Leipzig.

Sind sie wenigstens ein wenig neidisch auf die Kohle von Red Bull?

Nein, Neid ist mir fremd. Es ist völlig legitim, was RB macht. Sie sind nicht nur sportlich, sondern auch juristisch top aufgestellt. Das muss man akzeptieren und respektieren.

Ist Bayern noch die beste Mannschaft der Bundesliga?

Nein, das ist momentan RB Leipzig, sonst wäre Bayern Erster. Bayern hat nach wie vor den besten Kader, ist aber nicht mehr so souverän wie in den letzten Jahren, die Spitze ist umkämpft.

Wo landet Königsblau?

Wichtiger als Platz X oder Y ist, dass die Entwicklung, die wir eingeleitet haben, greift. Hier geht es um Kontinuität und Nachhaltigkeit.

Auf was dürfen sich die Fans am Sonnabend freuen?

Auf ein Spiel mit viel Tempo, auf Mannschaften mit Hingabe und Trainer mit ähnlicher Spielphilosophie. Wir haben die Aufgabe, Leipzig die erste Niederlage beizubringen. Es gibt ganz sicher leichtere Aufgaben, aber ich freue mich auf das Spiel.

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