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Joshua Kimmich: „Wegen des Geldes spielt hier keiner“

Interview Joshua Kimmich: „Wegen des Geldes spielt hier keiner“

Pep Guardiola spricht von einem „Wahnsinnstransfer für den FC Bayern“ und bringt die Nationalmannschaft ins Spiel. Vor einem halben Jahr stand der grundbescheidene Joshua Kimmich noch im Kader von RB Leipzig. Im Interview spricht er über den FC Bayern, hungrige Weltstars und Unterschiede zu Leipzig

Für seinen Auftritt im Champions-League-Spiel gegen Zagreb wurde Joshua Kimmich fast schon mit Lob überschüttet.

Quelle: dpa

München. Für Ralf Rangnick hat das Ganze märchenhafte Züge. Pep Guardiola spricht von einem „Wahnsinnstransfer für den FC Bayern“ und bringt die Nationalmannschaft ins Spiel. Joshua Kimmich, 20, selbst nimmt seinen kometenhaft Aufstieg vom Zweitliga-Fußballer zum Jungstar der Bayern gelassen hin, bleibt erdverbunden - und geht trotz Terminhatz ans Telefon, wenn die LVZ anruft. Ein Gespräch mit einem freundlichen jungen Mann, der seinen Traum lebt und nach dem 5:0 der Bayern gegen Zagreb von Guardiola in den Himmel gelobt wurde. Beim 5:1 gegen den BVB wurde Kimmich in der 76. Minute eingewechselt - für Weltstar Xabi Alonso.

Wann haben Sie von Ihrem ersten Starteinsatz in der Champions League erfahren?

In der Mannschaftssitzung zwei Stunden vorm Spiel.

Es gibt 20-jährige Fußballer, die die Zeit bis zum Anpfiff vor Aufregung auf der Toilette verbracht hätten. Wo waren Sie?

Jedenfalls nicht auf der Toilette. Ich arbeite ja jeden Tag dafür, dass ich vom Trainer aufgestellt werde. Dass man vor seinem ersten Champions-League-Spiel angespannt ist, ist klar. Aber bei mir war die Freude aufs Spiel und die volle Allianz-Arena größer. Und wenn die ersten Pässe ankommen, kann man so ein Spiel bei aller Ernsthaftigkeit und Konzentration auch genießen.

Bei Ihnen kamen die ersten Pässe an und nahezu alle anderen auch. Ihr Spiel hatte viel von der Selbstverständlichkeit eines Xabi Alonso. Sie scheinen schnell zu lernen.

Wir sind gut ins Spiel gekommen, schnell in Führung gegangen. Wenn es für die Mannschaft läuft, wird es auch für jeden Einzelnen einfacher. Es hat sich gut angefühlt auf dem Platz. Und vergleichen Sie mich bitte nicht mit Xabi Alonso. Das ist ein Weltstar, der alles gewonnen hat. Er ist perfekt am Ball, spielt sensationelle Diagonalpässe, hat ein Auge für Räume und Mitspieler.

Hat er Sie vorm Anpfiff zur Seite genommen?

Er hat mir viel Glück gewünscht, gibt mir im Training Tipps. Ein toller Typ.

Beim 5:1 gegen Dortmund sind Sie in der 76. Minute für Alonso eingewechselt worden. Besser spät als nie?

Ich bin für jede Minute dankbar.

Wie schafft man es in einem Ensemble aus Weltklassespielern als Ex-Zweitligaspieler nicht unterzugehen?

Indem man jeden Tag Vollgas gibt und zeigt, dass man lernen will und kicken kann. Akzeptanz hat vor allem mit Leistung zu tun.

Sie sind kein Lautsprecher. Ihre zurückhaltende Art dürfte in München gut ankommen.

Ich habe noch nichts Gegenteiliges gehört.

Ihr Coach Pep Guardiola hat Sie nach dem Zagreb-Spiel als Wahnsinnsspieler belobigt und eine Karriere als Nationalspieler als nahezu unausweichlich bezeichnet. Ist das zu viel der Ehre?

Wenn der Trainer das so sieht, freut es mich. Man muss sich im Profigeschäft jeden Tag neu beweisen, vor allem beim FC Bayern. Hier hebt keiner nach ein paar guten Spielen ab.

Bayern ist eine andere Welt, heißt es. Was ist alles anders?

Alles! Sie müssen sich nur mal ein Training anschauen. Da sind Weltmeister und Champions-League-Sieger, die jeden Tag an ihre Grenzen gehen. Die heiß sind, jedes Trainingsspiel zu gewinnen und Titel zu holen. Wegen des Geldes spielt hier keiner. Wer schon alles erreicht hat und trotzdem immer Gas gibt, ist ein wahrer Champion. Und von all diesen Spielern will ich jeden Tag lernen.

Im Ernstfall sieht man oft nur einen seriösen Ausschnitt aus dem Repertoire der Superstars. Wird im Training auch mal gezaubert? Wer kann Sachen, die sonst keiner kann? Wie sind sie, die Bayern-Stars?

Thiago ist am Ball unglaublich. Thomas Müller ist ein extrem ehrgeiziger und intelligenter Spieler. David Alaba ist komplett, kann alles. Über Robert Lewandowski muss man nichts sagen. Ich könnte jetzt jeden nennen. Wie gesagt: Eine andere Welt. Alles Weltklassespieler, alle haben Spaß am Beruf - und vor allem am Erfolg.

Wie stressig ist der Job im Vergleich zu Ihrer Leipziger Zeit?

Wir spielen alle drei Tage, sind ständig auf Achse. Das war in Leipzig natürlich anders.

RB hätte den Vertrag mit Ihnen gerne verlängert, dann kamen die Bayern. Ralf Rangnick nennt Ihren Weg ein Fußball-Märchen. Ist es eins?

Wenn man bedenkt, dass man mir vor zwei Jahren beim VfB Stuttgart nicht die Möglichkeit gegeben hat, dritte Liga zu spielen, ist es schon außergewöhnlich, was danach passiert ist.

Sie haben die dritte Liga in Leipzig einem Jahr bei den Stuttgarter A-Junioren vorgezogen.

Ich hatte das Glück, dass Ralf Rangnick und Alexander Zorniger auf mich bauen.

Von Stuttgart nach Leipzig und dann nach München. Alles richtig gemacht?

Alles.

Pep Guardiola fordert Körper und Geist.

Jedes Training ist in jeder Hinsicht extrem intensiv, die taktischen Anforderungen sind hoch. Man muss den Kopf immer eingeschaltet haben, mehrere Systeme beherrschen, richtig passen, laufen und verschieben. Ein ewiger Lernprozess. Gerade taktisch kann man sich immer verbessern.

Harte Arbeit als Grundlage für die Leichtigkeit des Seins?

Harte Arbeit ist Voraussetzung für alles.

Stimmt es, dass neue Spieler zum Einstand vor versammelter Mannschaft ein Liedlein darbieten müssen?

Ja, leider. Ich war im Trainingslager in China dran, habe ,Dieser Weg wird kein leichter sein’ von Xavier Naidoo gesungen. Der Titel passte zum Anlass. Das kostete echt Überwindung.

Können Sie aktuell noch unerkannt durch München gehen?

Ja, kann ich.

Wie intensiv sind die Kontakte nach Leipzig?

Ich telefoniere mit den Jungs, habe fast alle Spiele im Fernsehen gesehen, war gegen 1860 im Stadion. RB hat eine klasse Truppe, die spielen viel besser als wir vor ein paar Monaten. Effektivität und Punkte werden kommen, da bin ich mir sicher.

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