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Nestwärme: RB Leipzig bringt Jugendspieler bei Gastfamilien unter

Auf dem Weg zum Profi Nestwärme: RB Leipzig bringt Jugendspieler bei Gastfamilien unter

Nachmittagsgedeck im gemütlichen Dachgeschoss einer Maisonette-Wohnung in der Südvorstadt: Gastgeberin Sandra Pohler schenkt Kaffee aus, verteilt dazu selbst gebackenen Marmorkuchen. Auf der Couch am Tisch sitzen ihre Kinder: Jaron (9 Jahre), Salomé (12) und der 14-jährige Paul Meseberg.

Paul Meseberg (rechts) beim Training / Sabine Schiefer, pädagogische Leiterin der Red Bull Akademie

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Nachmittagsgedeck im gemütlichen Dachgeschoss einer Maisonette-Wohnung in der Südvorstadt: Gastgeberin Sandra Pohler schenkt Kaffee aus, verteilt dazu selbst gebackenen Marmorkuchen. Auf der Couch am Tisch sitzen ihre Kinder: Jaron (9 Jahre), Salomé (12) und der 14-jährige Paul Meseberg. Sie wirken fidel, wie eine eingeschworene Bande. Und wenn man es nicht besser wüsste, würde man nicht glauben, dass Paul erst seit kurzem Teil dieser Familiengemeinschaft ist.

Nach einer Saison als Mannschaftskapitän in der U14 bei Holstein Kiel entschied sich Paul in diesem Sommer, den nächsten Schritt Richtung Profifußball zu wagen. Nachdem die Jugendabteilung von RB Leipzig auf ihn aufmerksam geworden war und Interesse signalisierte, stellte er sich Ende der letzten Saison am Cottaweg vor.

Da Spieler erst ab der U16 in die Sommer 2015 fertiggestellte Akademie am Cottaweg einchecken dürfen, haben jüngere Spieler, die den Schritt zu RB machen wollen, die Option, bei einer Gastfamilie unterzukommen. Im Mai kam es zu einem ersten Kennenlernen der Mesebergs mit den Pohlers aus der Südvorstadt. Schnell ergab sich Sympathie und im Sommer zog Paul nach Leipzig.

„Gerade Jaron blickt zu Paul auf“, verrät Gast-Mutter Sandra. Der 14-Jährige sei für ihren Sohn längst so etwas wie ein großer Bruder und Vorbild: „Mittlerweile gehen sie sogar zum gleichen Frisör.“ Nur die Vereinszugehörigkeit sei unvereinbar: Paul drückt neben RB den Bayern die Daumen, Jaron dem BVB. Ein Duell, das die beiden in regelmäßigen FIFA-Partien ausfechten.

Die Tendenz, Jugendliche immer früher zu verpflichten und höheren Anforderungen auszusetzen, sorgt häufig für Kritik. Für Mesebergs Jugendtrainer bei Holstein Kiel, Torben Hamann, ist fraglich, ob der so früh schon nötig sei. „Paul hat da jetzt sicher einen anderen Druck, ich weiß nicht ob der vor der B-Jugend unbedingt notwendig ist.“ Die sportlichen Anlagen und auch die mentale Festigkeit für den Schritt habe er, beschreibt ihn als „sehr ehrgeizig, wissbegierig, sehr fokussiert auf den Fußball“, aber: „Ein bis zwei Jahre in familiärer Atmosphäre wären sicher nicht verkehrt gewesen“, denn die ist seiner Ansicht nach gerade für junge Spieler wichtig.

Den Spagat aus dieser Nestwärme und Leistungssport-Anspruch will RB mit dem Gastfamilien-Programm leisten. Für Sabine Schiefer, die pädagogische Leiterin  der Akademie am Cottaweg, ein Erfolgsmodell. Die Resonanz der Eltern und Spieler sei bislang gut. „Alle genießen es sehr, die Jungs bei sich zu haben, insbesondere auch jüngere Geschwister.“ Das Modell betrifft vor allem die jungen Kicker von außerhalb. Wichtig sei vor allem, dass sich beide Seiten wohl miteinander fühlen. Erst nach einem ausführlichen Auswahlprozess potenzieller Gastfamilien kommt es zum Kennenlernen. Momentan sind 13 Jugendspieler bei Gastfamilien untergebracht. Werden das künftig mehr, wird das Konzept sicher noch ausgebaut.

Nach dem Kaffeekränzchen geht es für Paul und Jaron ein Stockwerk tiefer auf ein Duell an den Tischkicker, kommentiert und angefeuert von Schwester Salomé. Auch die Freizeit wird zumeist vom Sport dominiert. Pauls Gastbruder spielt bei Roter Stern in der Jugend, sein großer Fußballbruder trainiert immer wieder mit ihm. Dann verabschiedet sich Paul zum Abschlusstraining.

Ein enger Kontakt der Gasteltern mit seinen leiblichen Eltern ist für Sandra Pohler unabdingbar. „Ein Vertrauensverhältnis ist extrem wichtig“, erzählt die Gastmama, schließlich gäben die ihren Nachwuchs erzieherisch in fremde Hände. Gerade am Anfang habe man sich rege und regelmäßig über Erziehungsthemen ausgetauscht. Mittlerweile sind auch Pauls Eltern Fans von Stadt und Verein, fast jedes zweite Wochenende gastieren sie in der Pleißemetropole.

Ein Stadionbesuch bei RB sei da immer ein fester Termin. Bei den Pohlers, die Dauerkarten besitzen, sowieso. Den Sieg gegen Mainz genoss Paul daher im Kreise seiner Familie, die nun deutlich größer ist als zuvor. 

Max Fassbender

Interview mit Sabine Schiefer - Pädagogische Leiterin der Red Bull Akademie

Wie viele Jugendspieler sind derzeit bei Gastfamilien untergebracht?

Sabine Schiefer: Derzeit wohnen 13 Jugendspieler bei einer Gastfamilie. Ab dem Altersbereich U15 haben wir vermehrt Spieler, die zum Teil auch von weit herkommend. In der Altersstufe ist es uns wichtig, dass die Jungs sich in einem familiären Umfeld bewegen. Alle U15-Spieler, die nicht aus der näheren Umgebung kommen, sind bei uns in Gastfamilien untergebracht.

Wie kommt der Kontakt mit den Familien zustande?

Sabine Schiefer: Wir machen etwa in den Medien darauf aufmerksam. Wenn eine Familie Interesse bekundet, beginnt ein Auswahlprozess aus verschiedensten Terminen, die wir mit den Gasteltern durchführen, so dass sich wirklich alle Beteiligten ein umfassendes Bild machen können. Beispielsweise werden Fragebögen ausgefüllt, um ein objektives Bild zu bekommen. Darin werden etwa die räumlichen Bedingungen, die Einschätzung der momentanen Lebenssituation, oder die Beweggründe dafür erfragt, warum man als Gastfamilie fungieren möchte.

Das heißt zunächst wird ein umfangreiches Profil der Gastfamilie erstellt...

Sabine Schiefer: Genau. Erst wenn wir die Gastfamilie nach Verständigung im gesamten Team ausgewählt haben, besprechen wir, welcher Spieler in der einen oder anderen Familie besser aufgehoben wäre, da die Jungs oft bestimmte Vorlieben haben. Beispielswese der Wunsch nach Gastgeschwistern, etwa, weil sie selbst aus einer größeren Familie stammen. Dann machen wir eine grobe Zuteilung und stellen zunächst die Eltern einander vor.

Wie ist die Resonanz seitens der Beteiligten?

Sabine Schiefer: In der vergangenen Woche hatten wir erst wieder eine Zusammenkunft aller Gasteltern, da wir daran interessiert sind, dass der Austausch der Gasteltern zustande kommt. Die Rückmeldungen sind ausschließlich positiv. Natürlich, Familien, die keine eigenen Kinder im Leistungssport haben, sagen, dass es ein vollgepackter Alltag für die Jungs ist. Aber alle genießen es sehr, sie bei sich zu haben, insbesondere auch jüngere Geschwister, die dann ihren "Gastbruder" schon als Familienmitglied sehen. Die Eltern haben zum großen Teil eine gute Bindung zueinander, verständigen sich oft auf direktem Wege, so dass wir da auch nicht in jeden Prozess mit eingebunden sind. Ansonsten gibt es seitens der Jungs sehr gute Rückmeldungen, dass sie sich wohl fühlen, dass sie gut aufgenommen werden, sich zurechtfinden und seitens der Eltern auch eine enorme Einsatzbereitschaft vorhanden ist, was die Belange der Jungs anbelangt – seien es die Abholung vom Training abends oder das Wahrnehmen von Elternsprechterminen an Schulen, was dann gerne auch die Gasteltern mal mit übernehmen.

Erhalten die Eltern eine Aufwandsentschädigung? Gibt’s Freikarten fürs Stadion?

Sabine Schiefer: (lacht) Viele Gastfamilien haben Dauerkarten - aber nicht, weil sie diese von uns bekommen, sondern weil sie ohnehin Dauerkartenbesitzer sind. Es gibt natürlich eine Aufwandsentschädigung für die geleisteten Kosten, die als Gastfamilie anfallen.

Inwiefern geben Sie den Gastfamilien Maßgaben mit, damit diese die Spieler auf den nahenden Akademieaufenthalt vorbereiten?

Sabine Schiefer: Wir sind natürlich im engen Austausch mit den Gasteltern, was die Bedingungen hier an der Akademie betrifft. Neue Gasteltern bekommen die Akademie und ihre Bedingungen gezeigt. Aber natürlich sind wir aufgrund des ausführlichen Auswahlprozesses vollends davon überzeugt, dass die Gastfamilien ihre Strukturen so organisieren, dass es für die Entwicklung der Jungs zuträglich ist. Und alles was der Entwicklung zuträglich ist, ist auch für uns in Ordnung.

Info: Wer einen jungen Fußballer bei sich aufnehmen und Gastfamilie werden möchte, bitte einfach eine E-Mail mit Angaben zur Lebens-, Berufs- und Wohnsituation senden an: service.rbleipzig@redbulls.com

 

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