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Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz: Der Oberbulle

Porträt Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz: Der Oberbulle

Dietrich Mateschitz hat mit Red Bull ein Brause-Imperium geschaffen. Sein liebstes Marketinginstrument ist der Sport. Wer ist der Mann, der hinter dem aktuellen Leipziger Fußballwunder steckt?

Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz

Quelle: dpa

Salzburg. Der Rücken will nicht mehr so ganz. Und ein wenig Brustfett lagert sich auch auf dem coolsten, drahtigsten, sportlichsten Typen an. Aber Dietrich Mateschitz ist auch schon 72 Jahre alt und hat immer gesagt, er wolle hinter sein Produkt zurücktreten. Stattdessen mit dem Trecker durch die Berge kurven, „Bacherln umleiten“, „Holzknecht“ sein: Das sei seine Zukunft, verriet der Brausekonzernchef, der Mann hinter dem Leipziger Fußballwunder. Der Meister verschwindet dahin, wo er hergekommen ist.

Was bleibt, ist sein Werk. Noch rangiert Mateschitz’ Energiegetränk Red Bull in der Liste der teuersten Marken der Welt weit hinter Coca-Cola. Aber als Leitprodukt eines neuen Jahrhunderts hat er dem Konkurrenten den Rang abgelaufen. Beide Erfrischungsgetränke markieren Epochen. „I’d like to teach the world to sing“, besangen im 20. Jahrhundert die Hillside Singers in bunten Trachten das Lebensgefühl von Coca-Cola („Ich möchte der Welt das Singen beibringen“). Der rote Bulle singt nicht. Er springt von Hochhäusern oder aus der Stratosphäre, rast Runden über den Formel-1-Ring, wird Weltmeister, neuerdings führt er mit seinem Klub RB Leipzig die Tabelle der Fußball-Bundesliga an. Nicht bunt und fröhlich gibt er sich, sondern clean, stylish, cool, stark. Und grenzenlos.

Legendär jener Dialog, den der heutige Sportdirektor Ralf Rangnick im Mai 2012 mit Mateschitz am Telefon geführt haben soll. Mateschitz: „Wo sind Sie gerade?“ Rangnick: „In Backnang, auf meiner Terrasse.“ Mateschitz: „Haben Sie einen Hubschrauberlandeplatz?“ Rangnick: „Daran habe ich bei der Planung meines Gartens nicht gedacht.“ Mateschitz landet trotzdem drei Stunden später mit seinem Hubschrauber – den er selbst geflogen hat – auf einem benachbarten Sportplatz. Rangnick lässt sich bei Kaffee und Kuchen von einem Engagement überzeugen. Viereinhalb Jahre später ist RB Leipzig Tabellenführer der Bundesliga. Alle feiern das Duo Ralf (Rangnick) und Ralph (Hasenhüttl, Trainer).

Doch der Mythos gehört Mateschitz, dem Mann hinter Ralf und Ralph. Einem, der sich selbst inszeniert wie ein Produkt. Auf den Fotos, deren Verbreitung er kontrolliert, zeigt der Konzernchef sich mit Skilehrer-Appeal – Haifischgrinsen, strahlender Zahnreihe, tiefen Lachfalten auf der Wange und um die Augen, in Jeans und offenem Hemd. Als er jünger war, fuhr der Junggeselle einen schnellen Ski, flog Loopings, zog auf dem Mountainbike durch die Alpen.

Krach machen und sich nach Stille sehnen: Das ist das Gefühl von Red Bull.

Er war Marketingchef der Zahnpastafirma Blendax, als er 1982 an einer Hotelbar in Hongkong sein erstes „Kratingdaeng“ trank, Thai für „Red Bull“. Mateschitz kam mit den Thais ins Geschäft, kaufte sich in die Lizenz ein, veränderte leicht die Rezeptur. Fünf Jahre später kamen die ersten Dosen auf den Markt. Die Produktion des Getränks überlässt der Konzern, der bis heute zu 51 Prozent der thailändischen Familie Yoovidhya gehört, einer Fruchtsäftefirma in Vorarlberg. Red Bull, der Konzern, belastet sich nicht mit Materie. Er ist Zeitgeistlabor.

Der Mann, der die Brause zum Zeitgeist gemacht hat, kommt aus St. Marein im Mürztal, einem Ort mit heute 2700 Einwohnern. Mit seiner Schwester wuchs der Junge, Jahrgang 1944, in einem Einfamilienhaus bei der Mutter auf, der „sehr resoluten“ Volksschullehrerin, wie Franz Trieb sich erinnert, der um die Ecke ein kleines Café betreibt. Der Vater sei als Jagdflieger im Krieg geblieben, erzählt man sich. Aber auf der Ehrentafel für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs findet sein Name sich nicht. So wird herumgeheimnisst. Aus einer „kroatischen Familie“ kämen die Mateschitz’, glaubt man in Kroatien zu wissen. Aber kroatisch ist nur der Name. Klar ist: Dietrich Mateschitz wurzelt in St. Marein.

Ein Zentrum des Zeitgeistes war das steirische Mürztal in der Kindheit und Jugend des Dietrich Mateschitz gewiss nicht. Die Welt war weit weg. Der junge Dietrich besuchte das Realgymnasium in Bruck, der nahe gelegenen Kleinstadt, ging nach Wien studieren. Gern kokettiert Mateschitz damit, dass er sich durch sein Studium der Betriebswirtschaft bummelte – was in seinem Jahrgang üblich war.

Sich nicht einfach unterwerfen, stets ein wenig daneben stehen. Nicht strebern, sondern gelassen auf den richtigen Moment warten – das ist zwar nicht die Wirklichkeit, aber das Ideal. Bereit sein, sich in aller Stille zu optimieren. Erzwingen kann man eh nichts: Das ist auch das Motto der Red-Bull-Generation.

Der extreme Individualsport, den Mateschitz liebt und mit dem Red Bull wirbt, ist streng, elitär und manchmal grausam. Nicht nur gegen den, der ihn betreibt: Als Anfang Mai bei ServusTV, seinem Wiener Privatsender, die Gründung eines Betriebsrats geplant war, schloss Mateschitz über Nacht die Firma und machte seine Entscheidung erst rückgängig, als die Belegschaft allen einschlägigen Plänen abschwor. Ein Betriebsrat stört nicht nur den Chef, er beschädigt das Image.

Red Bull steht für das Spiel mit der Gefahr, das einsame, stille Heldentum. Entsprechend unpassend wurde in den Anfangsjahren das Engagement des Konzerns im proletarischen Fußball empfunden. Sollte er das Kicken nicht besser den Bierbrauern überlassen? Wer das Coca-Cola des 21. Jahrhunderts werden will, darf sich dem Volkssport Nummer eins in der Tat nicht unterwerfen. Er kann ihn aber kapern. Der „moderne Fußball“, von dem Mateschitz spricht, braucht keinen Traditionsdünkel, keine „Jungs“, die sich in den Armen liegen. Die Retortenklubs in Sachsen und Österreich, in Brasilien und den USA, die Red Bull erschaffen hat, stehen „für fusselfreies, cleanes Entertainment für die ganze Familie, planbar und überraschungsarm wie ein Museumsbesuch“, formuliert das Fußballmagazin „11 Freunde“.

In der kalten Welt der einsamen Helden, in der „dünnen Luft da oben“, wie Mateschitz seine Welt genannt hat, ist niemand zu Hause; auch er selbst nicht. Als angehender „Holzknecht“ nähert sich der alternde Marketingmann Zug um Zug wieder seinem Heimatort an – freilich ohne ihn zu erreichen.

In der Steiermark gilt er als Wohltäter, weil er die Formel 1 (zum Red-Bull-Ring nach Spielberg) zurückgebracht hat. Zu seinem siebzigsten Geburtstag kam die Talschaft zusammen und huldigte „DM“ mit Blasmusik und Volkstanz. Aber Mateschitz ließ sich nicht blicken. Um sein Heimatstädtchen macht er einen Bogen. „Da muss etwas vorgefallen sein, dass er nie hier herkommt“, heißt es im Café Trieb. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. So richtig weiß das keiner.

In den Alpen hat er sich ein einsames Anwesen geschaffen und die hochbetagte Mutter zu sich geholt. Sein Unternehmen, so scheint es, holt gerade erst zum ganz großen Rundumschlag aus.

Von Norbert Mappes-Niediek

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