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Wachstumsmotor RB Leipzig? „Der Fußball allein wird es nicht richten“

Expertenforum zum Bundesligisten Wachstumsmotor RB Leipzig? „Der Fußball allein wird es nicht richten“

Wie kann die Stadt Leipzig vom Erfolg von RB Leipzig profitieren? Wieviele der Bundesliga-Millionen kommen den Menschen vor Ort zu Gute? Diese Frage stellte sich eine Expertenrunde aus Wirtschaft und Politik: Mit dabei Oberbürgermeister Jung und Stadionbesitzer Kölmel.

RB Fans feiern ihr Team im Leipziger Stadion.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Das erinnerte an Journalisten auf Dienstreise. Taxifahrer-Storys kommen immer gut, dachten sich Burkhard Jung (SPD) und Michael Kölmel. Beide lockerten die Diskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung am Dienstagabend über Chancen und Herausforderungen für die Fußballstadt Leipzig gleich zu Beginn mit diesen Episoden auf. „Woher kommen Sie“, hätten die Taxifahrer in Tel Aviv und London den Oberbürgermeister kürzlich gefragt. Beim Stichwort Leipzig hätten die Männer am Lenkrad spontan ein begeistertes „Oh, erste Liga“ geantwortet. Kölmel wiederum wollte eigentlich neulich ins Büro laufen. „Da hielt ein Taxi mit Vollbremsung neben mir und der Fahrer sagte: ,Herr Kölmel, ich nehme Sie mit, da können wir über Fußball reden’“, so der Besitzer der Red-Bull-Arena, in der RB Leipzig spätestens seit dem Bundesliga-Aufstieg in diesem Jahr für Euphorie sorgt.

Burkhard Jung sieht Chancen, dass RB im Stadtmarketing künftig eine ähnliche Rolle wie das Gewandhausorchester einnehmen könnte. „Das Gewandhaus nutzen wir seit Jahren, um Türen zu öffnen und wirtschaftsfördernd aktiv zu sein.“ Dies könne künftig auch mit Fußballern passieren, „wenn sie sich mit Leipzig identifizieren und mehr sind als Saisonarbeiter“. Der SPD-Politiker dachte an die Internationalität eines Yussuf Poulsen: Der Stürmer habe enorme Ausstrahlung auf die Fans, da stecke dänisch, arabisch, deutsch und – natürlich – auch Leipzig drin.

RB Leipzig und der Bayern-München-Effekt

Medienunternehmer Kölmel meinte mit Blick auf RB: „Die Euphorie fängt ja erst an. Interessant ist: Wir haben den Bayern-München-Effekt, denn Leipzig polarisiert. Viele Leute sind gegen uns, nach und nach merken aber viele: Guten Fußball mit jungen Spielern finden wir ja gut.“

Kristian Kirpal, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Leipzig, ist als Ruhepol in der Defensive seiner Alt-Herren-Mannschaft bekannt. Zu RB als Zugpferd für Leipzig sagte der Unternehmer: „Es werden auf allen Ebenen Mehreinnahmen generiert. Leipzig wird bekannter, es können Kontakte geknüpft werden, die Begeisterung ist auch im Umland zu spüren. Der Verein strahlt weit über Leipzig hinaus aus.“ Dies bestätigte Kölmel. Er werde selbst in Halle häufig auf RB angesprochen. Und er erinnerte an die Anfangsjahre: „Experten haben gesagt: ,Mit dem Geld steigen sie auf, aber es interessiert niemanden.’ Dann war in der vierten Liga genau das Gegenteil der Fall.“

16 Millionen Euro Umsatz durch Erstligafußball in einer Stadt

Wie viel PS hat der Wachstumsmotor Bundesliga nun tatsächlich? Handelt es sich um einen Porsche oder Trabi – oder etwas dazwischen? Moderator Wolfgang Brinkschulte (MDR) zitierte eine Studie, wonach der Profifußball für 150. 000 Menschen in Deutschland die Existenzgrundlage bildet. Kirpal nannte diese Zahlen: Ein Erstligaklub habe einen Markt- und Marketingwert von 1,2 Millionen Euro, „den die Stadt nicht ausgeben muss“. 16 Millionen Euro würden in der Stadt pro Jahr durch Erstliga-Fußball zusätzlich umgesetzt.

Henning Vöpel, Direktor des Weltwirtschaftsinstitutes in Hamburg, dämpfte diese Euphorie ein wenig: „Am Beispiel des HSV haben wir berechnet, dass Profifußball 0,1 Prozent an Einkommen und Beschäftigung der Stadt ausmacht.“ Positiv und entscheidend sei aber „die identitätsstiftende Wirkung nach innen und außen“. Auch in Tokio werde über die Bundesliga berichtet, habe er kürzlich selbst erlebt. „Diese Reichweite ist erstaunlich.“ Der Wirtschaftsexperte aus der Hansestadt sympathisiere mit RB: „Der Verein hat ein außerordentlich interessantes Konzept mit jungen Spielern, RB kann wie der FC Bayern der beliebteste und unbeliebteste Verein zugleich sein.“
Laut Vöpel passe der Wachstumsmarkt Fußball zu Leipzig. „Die Stadt muss das Momentum nutzen und den nächsten Schritt gehen. Der Standort wächst rasant. Man braucht nun viele Hebel und flankierende Maßnahmen wie Austauschprogramme mit internationalen Universitäten. Der Fußball allein wird es nicht richten.“

Keine Kredite in Leipzig, und schlechte Perspektiven für junge Menschen

Michael Kölmel goss ein wenig Wasser in den Wein: „Leipzig hat die Pflicht perfekt abgearbeitet, jetzt muss die Kür folgen. Dabei kommen die emotionalen und innovativen Mittelständler ins Spiel. Sie müssen durch die Tür gehen, die unter anderem der Fußball geöffnet hat. Doch Leipzig hat Nachholbedarf, die Höhenflüge in vielen Bereichen zu nutzen.“ Zwei Beispiele nannte er: Viele Studenten würden Leipzig wegen fehlender Perspektive wieder verlassen – dieses Problem habe Barcelona laut Vöpel ebenfalls. Vor allem aber stört Kölmel: „Die Möglichkeit, in Leipzig Kredite zu bekommen, hat sich extrem verschlechtert.“ In dem Punkt stimmte ihm der OBM ausdrücklich zu.

Auch beim Thema Stadion waren sich alle im Podium einig: Bundesliga-Fußball in Leipzig favorisieren alle in der City. Die Diskussion, in ein neues, größeres Stadion zu investieren, komme nicht nur für Michael Kölmel nach drei Erstliga-Heimspielen viel zu früh.

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