Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Fall Boom: "MPCC-Regeln ohne rechtlichen Wert

Radsport Fall Boom: "MPCC-Regeln ohne rechtlichen Wert

Dreistigkeit siegt. Als es für Astana um die Lizenz ging, hat sich Alexander Winokurow den Regeln der Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport verpflichtet. Davon will der umstrittene Teamchef der Kasachen nichts mehr wissen und lässt Lars Boom bei der Tour de France starten.

Zeeland. Winokurow war sich nun wirklich keiner Schuld bewusst. "Wir respektieren die Regeln der UCI und die besagen, dass Lars Boom fahren darf. Es ist kein Dopingfall. Der Fahrer ist gesund", sagte der höchst umstrittene Teamchef des Skandal-Rennstalls Astana, nachdem er die Tour de France mit einer Mischung aus Dreistigkeit und Skrupellosigkeit ein weiteres Mal brüskiert hatte. Winokurow, in seiner Karriere als Hochleistungsdoper enttarnt, schickte Boom ungeachtet dessen zu niedriger Cortisol-Werte am Samstag auf die 3360 Kilometer lange Reise nach und durch Frankreich.

Die selbst auferlegten Regeln der Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport (MPCC) interessierten den Kasachen im Ernstfall herzlich wenig. "Sie haben keinen rechtlichen Wert", betonte Winokurow, den der bevorstehende Ausschluss aus der MPCC kalt lässt. Dass der zwielichtige Rennstall überhaupt der Vereinigung angehörte, kam einem Treppenwitz gleich. Denn jegliche Glaubwürdigkeit hatte Astana schon im Vorjahr nach fünf Dopingfällen verspielt.

Rechtlich ist Winokurow tatsächlich auf der sicheren Seite, der Weltverband UCI ist in diesem Fall machtlos. "Lars Boom hat keine UCI- oder WADA-Regeln gebrochen. Von unserer Seite aus spricht nichts gegen seine Teilnahme", sagte UCI-Chef Brian Cookson der Deutschen Presse-Agentur. Aber die Mannschaft stehe unter genauer Beobachtung, ergänzte Cookson und verwies darauf, dass inzwischen auch nächtliche Dopingkontrollen möglich sind.

Boom war beim Gesundheitscheck vor dem Auftakt in Utrecht mit einem zu niedrigen Cortisol-Spiegel aufgefallen, was nicht zwingend ein Indiz für ein Dopingvergehen ist. Im WADA-Code ist dafür keine Sperre vorgesehen. Die MPCC, der insgesamt 13 weitere Teams angehören, hat sich aber strengere Regeln auferlegt. Demnach wäre eine achttägige Schutzsperre fällig gewesen.

Boom beteuerte indes seine Unschuld. "Ich habe keine verrückten Dinge getan. Ich war immer zu 100 Prozent gegen Doping", sagte Boom. Er benutze seit zehn Jahren ein Asthma-Spray und habe dafür auch ein Attest. "Nach der Dauphiné-Rundfahrt war ich krank. Ich musste das Spray häufiger nehmen."

Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel hat an der Version seine Zweifel. "Die MPCC hat seit 2009 rund 1300 Kontrollen gemacht. Nur sieben waren davon auffällig. Vieles weist daraufhin, dass die medizinische Seite unvorsichtig hantiert hat und an die Grenzen gegangen ist", sagte Sörgel der dpa.

Kritik für den umstrittenen kasachischen Rennstall gab es auch von Giant-Alpecin-Teamchef Iwan Spekenbrink: "Wenn man sich verpflichtet, muss man auch die Konsequenzen akzeptieren. Sie werden jetzt zum MPCC-Board kommen und das erklären, aber die Erklärung wird nicht genügend sein."

Noch im Frühjahr hatte sich Winokurow zu den MPCC-Regeln bekannt, als die Lizenz am seidenen Faden hing. Die UCI hatte nach den Dopingfällen ein Fahrverbot gefordert. Dazu hatte die italienische Polizei vermeintliche Indizien über eine illegale Zusammenarbeit zwischen Winokurow und dem lebenslang gesperrten Mediziner Michele Ferrari vorgelegt. Die Lizenzkommission entschied aber anders.

Die Cortisol-Regelung der MPCC war in der Vergangenheit schon häufig ein Streitpunkt. Aus diesem Grund waren zuletzt schon Lotto-NL, Lampre sowie der zweitklassige Rennstall Bardiani-CSF aus der Vereinigung ausgetreten. Die MPCC war 2007 pikanterweise wenige Tage nach dem Blutdopingskandal von Winokurow gegründet worden. Dass er die neuerliche Zerreißprobe in Kauf nimmt, hat seinen Grund. Boom gilt als wichtiger Helfer von Vorjahressieger Vincenzo Nibali.

Astana will Boom in den nächsten Tagen selbst testen - natürlich der Gesundheit wegen. Zu befürchten hat er nichts - wohl auch nicht von den Kontrolleuren. Denn die proklamierten Nachtkontrollen wird es wohl bei der Tour noch nicht geben. Da die Regelung ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte ist, muss dies erst in der Gesetzgebung verankert werden. Dies ist in Frankreich wie auch in Belgien und den Niederlanden noch nicht der Fall. Winokurow wird gut schlafen können.

dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Radsport

Jede Woche im LVZ-Tippspiel zur Saison 2016/17 regionale Partien tippen und tolle Preise gewinnen! mehr