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Als die großen Bayern wankten - Ex-Dresden-Kicker Siegmar Wätzlich erinnert sich

Als die großen Bayern wankten - Ex-Dresden-Kicker Siegmar Wätzlich erinnert sich

Als Siegmar Wätzlich noch mit Dynamo Dresden durch Europas Stadien tourte, begegnete man dem Sohn eines Oberlausitzer Fleischers mit größtem Respekt. "Wätzer", der eisenharte Linksverteidiger, wetzte auf dem Platz schon mal die Messer.

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7. November 1973 in Dresden - Siegmar Wätzlich wird von Johnny Hansen gefoult, doch der Elfmeterpfiff bleibt aus.

Quelle: Sven Simon

Doch am Abend des 7. November 1973 saß der Dorfbursche aus Rammenau bei Bischofswerda mit feuchten Augen in der Kabine des Dynamo-Stadions. "Da kamen Tränen, das ging uns nahe. Wir haben gedacht: Mist - so eine Chance kriegen wir nie wieder."

Während die SED-Genossen bis in allerhöchste Kreise hinein das Ausscheiden gegen Bayern München als verlorene Schlacht im Kampf der Systeme betrauerten, war es für Wätzlich einfach nur eine bittere Niederlage. Mit dem 3:3 im Rückspiel des ersten deutsch-deutschen Fußballvergleichs auf Europapokal-Ebene konnte die Mannschaft von Trainer Walter Fritzsch im Pokal der Landesmeister das 3:4 von München nicht mehr wettmachen. Dabei hatte sie einen 0:2-Rückstand aufgeholt und in der 56. Minute 3:2 in Front gelegen.

Viermal war ein gewisser Uli Hoeneß seinem Bewacher Eduard Geyer entwischt, schon nach 13 Minuten hatte es im Tor von Claus Boden zweimal eingeschlagen. ",Ede' war eigentlich nicht langsamer als Hoeneß, aber in dem Spiel schon, denn da war auch technisches Fehlverhalten dabei, was er als Trainer nicht gerne hören wird. Das 0:2 war ein Schock, denn wir hatten uns vorgenommen: Im Rückspiel hauen wir sie weg", erinnert sich Wätzlich, 66.

Der 40-köpfige Bayern-Tross hatte im grenznahen Hof und nicht wie geplant im Hotel Newa auf der Prager Straße übernachtet, um von der Stasi ja nichts ins Essen gemixt zu bekommen. Begründung: Akklimatisationsprobleme wegen des Höhenunterschieds zwischen München (ca. 500 m) und Dresden (106 m).

Vor 36 000 größtenteils handverlesenen Zuschauern hatte sich Coach Udo Lattek taktisch einiges überlegt, so Wätzlich: "Er hat Gerd Müller, meinen Gegenspieler, ins Mittelfeld zurückgezogen - und mich somit aus der Abwehr." Was für die Bayern fast ins Auge gegangen wäre. Denn Wätzlich brachte Dynamo zurück ins Spiel, schoss das 1:2 (42.): "Ich habe mir den Ball geschnappt, noch einen ausgespielt. Da kam der Beckenbauer, den ich mit einer oft geübten Finte überraschen konnte. Mein Schlenzer ging dann ins lange Eck, wobei Sepp Maier die Sicht versperrt war."

Noch heute regt sich Wätzlich auf, dass ihm der französische Schiedsrichter Wurtz ein zweites Tor vermasselte, "denn ich war vor der Pause noch einmal frei durch, aber da knallt mich der Hansen von hinten weg. Ich wollte gerade einschießen, das wäre das sichere 2:2 gewesen." Doch der fällige Elfmeterpfiff blieb aus. "Beschämend."

Das 2:2 fiel trotzdem durch einen Kopfball von Hartmut Schade (53.). Als Reinhard Häfner drei Minuten später aus der Drehung traf, waren Fritzschs Männer ihrem Ziel nah. Die Parteikader auf der Tribüne legten sich schon stolze Sätze für die "Westpresse" zurecht.

Doch der Jubel erstarb urplötzlich, als Gerd Müller (59.) der Ausgleich gelang.Nur 31 Minuten hatten den Schwarz-Gelben zum sensationellen Einzug ins Viertelfinale gefehlt. Wätzlich grämt sich bis heute: "Wie das 3:3 zustande kam, war typisch für die Dusel-Bayern. Das war ein richtiges Gammeltor." Müller setzte nach und hatte Glück: "Der Ball sprang ihm ans Schienbein und über Claus Boden ins Tor." Wätzlich ärgerte sich doppelt, als er Müller trotz von der Stasi angeordneter Kontaktsperre später noch zu fragen wagte, ob er mit ihm das Trikot tauschen wolle. "Er hat gesagt, er nehme es bis zum Endspiel mit und schicke es mir danach. Da habe ich gesagt: Du kannst mich mal gerne haben. Mir war klar, das Ding kriegst du sowieso nicht und so ist es auch gekommen."

Doch die Miene des heutigen Gastwirts in Rammenau hellt sich auf, wenn er an seine persönliche Revanche denkt. Bei der WM 1974 trafen er und Müller noch einmal aufeinander. Nach Jürgen Sparwassers 1:0-Siegtor für die DDR dachte der Metzgerssohn: Rache ist noch besser als Blutwurst. "Als ich in Hamburg in der Kabine saß, kamen die Gedanken an Dresden wieder hoch. Diesmal saßen die Bayern bedröppelt da - für mich war es ein innerer Vorbeimarsch." Statt Müllers Trikot sicherte sich Wätzlich das von Jürgen Grabowski - und die Aufpasser ließen es geschehen. "Denen war nach dem Sieg beinahe alles egal."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.11.2013

Jochen Leimert

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