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DDR-Doping-Opfer: „Für eine Medaille wurden 100 Kinder zerschlissen“

Beratungsstelle hat großen Zulauf DDR-Doping-Opfer: „Für eine Medaille wurden 100 Kinder zerschlissen“

Die Beratungsstelle für DDR-Dopingopfer in Berlin hat großen Zulauf: Rund 1000 Betroffene haben sich bislang bei dem Verein DOH gemeldet. Darunter ist auch Ariane Speckhahn - die als junges Mädchen in die Fänge des DDR-Staatsdopingsystems geriet. Die Antragsfrist für finanzielle Entschädigungen endet jedoch Ende Juni.

Ariane Speckhahn (damals Hempel, rechts) als Mitglied der DDR-Jugendnationalmannschaft im Volleyball.
 

Quelle: privat

Berlin/Dippoldiswalde.  Ariane Hempel war erst 13 Jahre alt, als sie 1979 aus der sächsischen Provinz Dippoldiswalde an die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) „Werner Seelenbinder“ des größten DDR-Sportclubs Dynamo Berlin wechselte, um eine Volleyball-Nationalspielerin zu werden. Was sie damals nicht ahnen konnte: Sie geriet sehr bald in Kontakt mit Trainern und Betreuern, die ihr leistungssteigernde Medikamenten verabreichten - rund 10 000 Athleten waren in das DDR-Staatsdoping integriert. Seit August 2016 ist Ariane Hempel, die heute Speckhahn heißt, im Rahmen des Zweiten Dopingopfer-Entschädigungsgesetzes als Dopingopfer vom Bundesverwaltungsamt Köln anerkannt worden. Fast 26 Jahre nach dem Ende der DDR.

Fast täglich melden sich DDR-Doping-Opfer

Ariane Speckhahn ist kein Einzelfall. Nahezu täglich melden sich Betroffene im Büro des Doping-Opfer-Hilfevereines in der Schliemannstraße 23 im Prenzlauer Berg. „Dies ist charakteristisch für sehr viele Opfergruppen, das sie ihre erlittenen Schäden jahrelang verdrängen.“, sagt Harald Freyberger, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Greifswald. Freyberger arbeitet derzeit an einer großen Studie zu den Spätfolgen des Dopings. Für eine Medaille wurden 100 Kinder und Jugendliche zerschlissen.“, erklärt Freyberger.

Mit weißen Sporttaschen aus Leder geködert

Die frühe Trennung vom Elternhaus und der Umzug in das Internat der KJS des SC Dynamo Berlin fiel Ariane Hempel nicht leicht. Ihre Eltern wollten dies gar nicht, aber die subtile Beeinflussung der sportlich talentierten Kinder in der DDR durch Trainer und Funktionäre zeigten Wirkung. Sie war ehrgeizig und wollte sich unbedingt behaupten. „Wir wurden schon bei der Spartakiade ein Stück weit hofiert. Vor dem Wechsel nach Berlin erhielten wir von Volleyball-Funktionären in Dresden auf dem Weißen Hirsch schöne Sporttaschen aus Leder. Da waren wir damals schon ziemlich stolz.“, erinnert sich Ariane Speckhahn heute, wie sie nach ihrer Heirat vor 28 Jahren heißt.

Dynamo-Trainer trat Mädchen in den Hintern

Die damaligen sechs Jahre Leistungssport bei Dynamo Berlin waren geprägt von hartem Training, Leistungsdruck und massivem Drill. 30 bis 40 Trainingsstunden pro Woche neben dem Schulunterricht brachten einige der jungen Athletinnen an ihre Leistungsgrenzen. Da Ariane Speckhahn damals ein Tagebuch führte, kann sie noch heute die Menge der Trainingsstunden nachvollziehen. „Der Trainer war sehr streng, er trat uns auch mal in den Hintern, wenn ihm etwas nicht passte.“ Bei einem Klassentreffen vor einigen Jahren fragte sie ihn, warum er einst so unerbittlich gewesen sei. Darauf habe er nur geantwortet: Es gebe eben verschiedene Methoden, um zu gewinnen.

Seltsam verpackte Kekse und Tabletten verabreicht

In den DDR-Trainingslagern in Kienbaum, in Zinnowitz und auf dem Rabenberg gab es neben dem „sogenannten Entmüdungsgetränk und Vitaminpulver auch seltsam verpackte Kekse und verschiedenste Tabletten“, erinnert sich Ariane Speckhahn. Hinterfragt haben die Sportlerinnen das damals nicht. Es hieß, es seien Vitamintabletten, unterstützende Mittel, um den ausgelaugten Körper wieder zu stabilisieren.

In den neunziger Jahren ergaben Ermittlungen der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV), dass in der DDR in nahezu allen olympischen Sportarten gesundheitsschädliche Dopingmittel eingesetzt wurden. Der Bundesgerichtshof bezeichnete dies im Revisionsverfahren gegen den einstigen DDR-Sportchef Manfred Ewald als „mittelschwere Kriminalität“.

Ariane Speckhahn (ehemals Hempel) hat heute mit erheblichen Gesundheitsschäden zu kämpfen

Ariane Speckhahn (ehemals Hempel) hat heute mit erheblichen Gesundheitsschäden zu kämpfen.

Quelle: privat

Ariane Speckhahn wurde gemeinsam mit ihren Teamkameradinnen fünf Mal DDR-Meister im Junioren- und Jugendbereich. Sie war Mitglied der Junioren-Nationalmannschaft. Wettkampfreisen führten sie in den gesamten Ostblock. Nur den Westen sah sie nicht. Kurz vor ihrem ersten Turnierstart in Westdeutschland wurde sie als Reisekader gesperrt, weil zuvor ihr Großvater seine Westreise zeitlich überzogen hatte. Erste gesundheitliche Beschwerden stellten sich bei ihr ein. Der Körper reagierte auf die physischen und psychischen Torturen. 1985 war dann plötzlich Schluss mit dem Leistungssport, der Grund lautete: Wegen fehlender Perspektive. Die einzige aus ihrer Klasse, die es bis in die DDR-Frauen-Nationalmannschaft schaffte, war Grit Naumann.

Erhebliche Gesundheitsschäden

Mit 23 Jahren erlitt Ariane Speckhahn ihren ersten Bandscheibenvorfall, etliche Gelenke schmerzten. Mit 24 Jahren bekam sie ihr erstes Kind, was auch mit schweren Komplikationen verbunden war. Später stellten sich noch Erschöpfungssyndrome ein, die Bandscheibenvorfälle mehrten sich. Zahlreiche Operationen am Rücken und weitergehende Behandlungen folgten. Vor drei Jahren wurde bei ihr eine Nebenniereninsuffizienz festgestellt. Eine Ärztin wies sie „auf den direkten Zusammenhang ihrer vielfachen Gesundheitsschäden und ihrer Leistungssportzeit in der DDR hin.“

Lange hatte Ariane Speckhahn dies alles verdrängt. Vor zwei Jahren überwand sie sich und meldete sich bei der Doping-Opfer-Beratungsstelle, wo sie „auf große Unterstützung traf“. Seit November 2016 ist sie nun selbst „in den Vorstand des DOH eingetreten, um mitzuhelfen. Der kleine Verein muss vieles im Ehrenamt stemmen.“

Den Rufen der Ewiggestrigen, es müsse nun doch endlich mal Schluss sein mit der Diskreditierung des einst so erfolgreichen DDR-Sports, kann sie rein gar nichts abgewinnen. „Erst muss alles aufgearbeitet werden.“ Da sie seit vielen Jahren im IT-Bereich der Stasiunterlagenbehörde in Berlin tätig ist, weiß sie nur zu gut, dass dies noch viele Jahre dauern wird.

Antragsfrist für Entschädigungen endet Ende Juni

Noch bis zum 30. Juni 2017 können betroffene DDR-Sportler einen Antrag auf eine finanzielle Einmalhilfe stellen. Die Vorsitzende des DOH, Ines Geipel, verweist darauf, dass „die Zahl der ehemaligen Leistungssportler mit schwersten physischen und psychischen Erkrankungen weiter ansteigt“. Zudem müssen sich „die Betroffenen oft gegen ihre Familien, gegen das Meinungsklima im Osten, aber auch gegen alte Seilschaften in den Sportstrukturen, durchsetzen“.

Hinzu komme die Uninformiertheit vieler Ärzte bei der Erstellung der medizinischen Gutachten. Deshalb kämpft die DOH-Vorsitzende Geipel gemeinsam mit den Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur aktuell um eine Antrags-Fristverlängerung um mindestens drei Jahre. Die Politik hat signalisiert, dies umzusetzen. Ein weiteres Problem ist der neue Standort des Beratungsbüros. Im Juni muss der DOH aus der Schliemannstraße ausziehen. Der Deutsche Olympische Sportbund war bisher außer Absichtserklärungen nicht bereit, den Verein zu unterstützen.

Von Thomas Purschke

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