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"Da sind mir die Tränen gekommen" - Bernhard Dietz vom MSV Duisburg im Interview

"Da sind mir die Tränen gekommen" - Bernhard Dietz vom MSV Duisburg im Interview

Er absolvierte 500 Bundesligaspiele für MSV Duisburg und Schalke, führte die Nationalmannschaft als Kapitän zum Titel bei der EM - und steht seinem in die Liga 3 zwangsabgestiegenen "MSV Dietzburg" als Präsidiumsmitglied bei.

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Bernhard Dietz (r.) mit Michel Platini bei der Gruppenauslosung zur Fußball-EM 2008. (Archivfoto vom 02.12.2007)

Quelle: dpa

Leipzig. Bernhard Dietz spricht im LVZ-Interview über gute und schlechte Zeiten, und das Spiel des MSV am Sonntag bei RB Leipzig (14 Uhr).

Frage: Sie waren am Tag des Lizenzentzugs für den MSV am 19. Juni in der DFB-Kommandozentrale in Frankfurt/Main vor Ort. Stimmt es, dass Sie Tränen vergossen haben?

Bernhard Dietz: Ja, dafür schäme ich mich auch nicht. Ich habe beim und mit dem MSV mein Leben verbracht. Das ist mein Verein, in Frankfurt sind mir die Tränen gekommen. Man kann absteigen. Wenn zu wenige Punkte geholt wurden. Oder zu wenige Geld da ist. Wir hatten beides und mussten wegen eines Formfehlers runter. Als wir den Zweitliga-Klassenerhalt geschafft hatten, wollten wir die Bundesliga anpeilen. Plötzlich waren wir in der 3. Liga. Und selbst die hing am seidenen Faden.

Die diesbezüglichen Verfehlungen der MSV-Geschäftsführung werden gerade juristisch aufgearbeitet.

Das Ganze liegt jetzt bei Anwälten. Die Zweitliga-Lizenz kommt trotzdem nicht zurück.

Der Cheftrainer und nahezu der komplette Kader machten sich nach dem Aus vom Acker, wochenlang rollte an der Wedau nicht mal ein Trainings-Ball, war selbst die Drittliga-Lizenz in Gefahr. Angesicht dieser Vorgeschichte ist der MSV glänzend in die Saison gestartet. Ist Ihr Club von einer Aufbruchstimmung beseelt?

Ja, absolut. Alle ziehen mit. Fans, Spieler, Trainer, wir vom Präsidium. Da ist eine Euphorie, die uns hoffentlich noch lange trägt. Keiner wusste ja in diesen schlimmen Juni-Tagen, ob und wie es weiter geht. Die Zeit rannte uns auch mit Blick auf den Spielermarkt weg. Jetzt sind wir in der 3. Liga und haben Zeit, den Verein schrittweise wieder nach oben zu führen.

Sechs Punkte aus drei Partien sind vorzeigbar. Könnte es sein, dass das nahezu ohne Vorbereitung in die Saison gegangene Team demnächst in ein körperliches Loch fällt?

Eine ordentliche Vorbereitung ist wichtig, aber der Wille kann Berge versetzen. Kraft kann man sich auch in den Spielen holen. Ich bin zuversichtlich, dass unsere Jungs weiter so beherzt Fußball spielen wie bisher. Und mit unseren tollen Fans im Rücken wird man eh nicht müde.

Der Bundesliga- und Nationalspieler Bernhard Dietz hatte Kraft für zwei Spiele hintereinander, war immer ein Vorbild. Hatte das auch mit frühkindlicher Prägung zu tun?

Mein Vater hat 30 Jahre unter Tage im Kohlebergbau gearbeitet, war keinen Tag krank. Er hat immer zu mir gesagt: Wenn du etwas haben willst, musst du etwas dafür tun. Ich rannte immer bis zur Erschöpfung. Das war ich mir, dem Club und den Zuschauern schuldig.

Ihre Karriere als Trainer beendeten Sie mit den Worten, dass das nicht mehr Ihr Fußball sei. Was ging Ihnen gegen den Strich: Die exorbitant hohen Spieler-Gehälter, der Medien-Hype, der Einfluss von Spieler-Beratern, Sponsoren und Präsidenten?

Früher war der Trainer der wichtigste Mann im Verein. Der hatte das Sagen. Da gab es keine Spieler, die sich beim Manager oder Präsidenten ausgeheult haben. Da gab es keine Berater für D-Jugendliche. Und es wurde nie gesagt, dass der oder der spielen muss, weil er 1,2 Millionen Mark gekostet hat. Ich gönne den heutigen Spielern das Geld von Herzen. Viele andere Dinge laufen aber in eine unschöne Richtung.

Heutige Übungsleiter firmieren unter Konzepttrainer, zelebrieren x verschiedene Systeme, haben mit Hilfe der Sportwissenschaft den gläsernen Spieler geschaffen. Wird das an sich einfache Fußballspiel unnötig verkompliziert?

Es wird immer noch elf gegen elf gespielt. Und wenn du die meisten deiner Zweikämpfe gewinnst, gewinnst du in den meisten Fällen auch das Spiel. Frühes Stören oder offensive Außenverteidiger sind keine Erfindung der heutigen Generation, das haben wir auch schon gemacht. 1977 habe ich beim 6:3 gegen die Bayern gegen Rechtsaußen Kalle Rummenigge gespielt und wie viele Tore gemacht?

Eins?

Vier, es waren vier.

Wie wohl würde sich Gerd Müller heutzutage in den Strafräumen fühlen?

Der Gerd würde die Raumdeckung lieben und noch mehr Tore als früher schießen.

Mit welchem Ergebnis könnte sich der MSV Dietzburg am Sonntag in Leipzig arrangieren?

Wenn man auf den Platz geht, muss es immer ein Ziel geben: gewinnen. Wenn es weniger wird, muss man sich fragen, ob alles getan wurde. Ich hoffe, unsere Jungs tun in Leipzig alles und bringen etwas mit an die Wedau.

Wo landet Ihr MSV und wo RB?

In Leipzig hat man gemerkt, dass es ohne Geduld und Kontinuität nicht geht. Ralf Rangnick (Sportdirektor; Red) ist ein exzellenter Mann, er wird den Club nach oben führen. Wir wollen im oberen Drittel mitspielen.

Anlässlich Ihres 65. Geburtstages im März haben Sie den Wunsch geäußert, zum 70. wieder Duisburger Punktspiele gegen Bayern, Dortmund und Co. beizuwohnen. Ist das realistisch?

Als ich das sagte, waren wir noch Zweitligist. Jetzt ist der Weg weiter und noch steiniger. Wir haben einen Neubeginn beim MSV Duisburg, müssen hart arbeiten, kleine Schritte machen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.08.2013

Interview: Guido Schäfer

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