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Die zweite Chance: Zwei junge Handball-Trainer trumpfen in Leipzig auf

Rentsch und Prokop im Doppelinterview Die zweite Chance: Zwei junge Handball-Trainer trumpfen in Leipzig auf

Norman Rentsch (36) und Christian Prokop (37) haben mit dem HC Leipzig und dem SC DHfK jeweils die erfolgreichste Spielzeit ihrer noch jungen Trainerkarriere bestritten. Im Interview sprechen beide über langfristige Ziele, die Rivalität im Leipziger Sport und ihr bitteres sowie ungeplantes Ende der aktiven Handballzeit.

Die Handballtrainer Norman Rentsch (l.) und Christian Prokop (r.) nahmen sich in der Sommerpause Zeit für ein gemeinsames Interview.

Quelle: Anne Grimm

Leipzig. Wer von Ihnen hat in den vergangenen Tagen und Wochen mehr gefeiert? Der Pokalsieger oder der Trainer der Saison?

Prokop: „Ich glaube, da nehmen wir uns nicht viel. Wir waren beide aktive Handballer und wissen, dass wir das auch mal auskosten müssen.“

Rentsch: „Ich denke, dass es auch mal wichtig ist, im Feiermodus zu sein. Um die ganzen Momente der vergangenen Saison zu genießen.“

Herr Rentsch, es ist Ihr erster Titel als Trainer im Profibereich, zudem war bis zuletzt die Meisterschaft drin. Herr Prokop, für Sie stand überraschend zeitig der Klassenerhalt zu Buche – sind Sie beide rundum zufrieden?

Prokop: „Bei uns war es eine perfekte Saison, da kann man wirklich nur Superlative verwenden. Wir sind ein Aufsteiger, der in der stärksten Liga 30 Punkte geholt hat. Das war nicht zu erwarten. Das hat mit Entwicklung und konstanten Leistungen zu tun. Die Saison war für den gesamten Verein phänomenal, denn die A-Jugend ist noch Deutscher Meister geworden.“

Rentsch: „Wir haben den Abstand zum Thüringer HC auf zwei Punkte minimiert und das mit einer jungen, deutschen Truppe. Auch wenn dann das Finale in Bad Langensalza nicht so gut abgelaufen ist, haben wir in der Saison in der Bundesliga viel erreicht. Das wurde gekrönt durch den Pokalsieg. Das war für uns eine ganz wichtige Belohnung.“    

Sie sind beide sehr demütige Trainer. Setzen Sie sich für die nächste Saison trotzdem höhere Ziele? Also der HCL die Meisterschaft und der SC DHfK einen einstelligen Tabellenplatz?

Rentsch: „Wir tun gut daran, die Entwicklung in der Bundesliga richtig einzuschätzen. Da rüsten andere Mannschaften mit internationalen Stars auf und wir wollen unseren sympathischen Weg weiter gehen. Wir müssen nicht, aber wir wollen jedes Spiel gewinnen. Grundsätzlich wäre ich zufrieden, wenn nach der nächsten Saison das gleiche Resultat da ist, wie nach dieser.“

Prokop: „Was in den letzten drei Jahren mit dem SC DHfK passiert ist, sucht seines Gleichen. Dementsprechend darf man die Ziele jetzt nicht unrealistisch werden lassen. Deswegen ist Demut angesagt, auch für unsere Fans und die Sponsorenlandschaft. Eine sensationelle Saison zu wiederholen, wird schon brutal. Die Aufsteiger die dazu kommen, sind sehr stark und es werden sicher 22 bis 24 Punkte nötig sein, um die Klasse zu halten. Sodass unser Ziel ist, die Leistung zu bestätigen und den Klassenerhalt zu schaffen.“

Norman Rentsch feierte im Mai beim Pokalsieg mit dem HC Leipzig seinen ersten Titelgewinn im Profibereich.

Quelle: Christian Modla

Sie haben beide die Kaderplanung bereits abgeschlossen. Wie sehen Sie sich aufgestellt, auch im Vergleich zur vergangenen Saison?

Prokop: „Ich finde den Schnitt, den wir machen, sehr wichtig. Weil wir auch eine Mannschaft sind, die viel über Emotionalität kommt und man wieder neue Reize setzt. Ich hoffe, dass es uns gelungen ist, Persönlichkeiten zu verpflichten. Wie es dann genau ausschaut, kann man erst nach der Vorbereitung sagen, weil sich etwas in der Hierarchie und der Art der Spielweise ändern wird.“

Von wem erwarten Sie, dass er die Führungsqualitäten eines Philipp Weber oder eines Philipp Pöter übernimmt?

„Spieler wie Andreas Rojewski sind natürlich neben der sportlichen Leistung geholt worden, damit sie mit ihren Charakterstärken eine Mannschaft durch Stresssituationen bringen. Es hat sich auf den zentralen Positionen, also dem verlängerten Arm des Trainers, viel verändert. Das muss erst reifen und da kommen mehrere Spieler in Frage.“

Rentsch: „Wir sind am Anfang unserer Ära. Man hat immer gern auf die Meistermannschaft von 2010 zurück geschaut. Das wollten wir ablegen und das ist uns ganz gut gelungen. Wir wollen uns weiterentwickeln, weil wir vom Durchschnittsalter zu den jüngsten Teams der Liga gehören. Unsere Neuzugänge sind eher Ergänzungen und sollen uns in der Breite helfen. Wir können eingespielt in die Saison reingehen und wollen uns nach und nach steigern.“     

Sie haben beide noch Verträge bis 2018 (Prokop) und 2019 (Rentsch). Wie sehen die langfristigen Pläne aus?

Prokop: „Wir wollen eine Etablierung in der Liga anstreben und dementsprechend werden wir immer den Spagat hinkriegen müssen, junge Spieler zu integrieren und die Identifikation hoch zu halten und gleichzeitig eine Qualitätssteigerung durch die Entwicklung von Spielern oder Neukauf hin zu bekommen.“

Rentsch: „Ich habe mit meinen Co-Trainern Max Berthold und Wieland Schmidt den Plan geschmiedet, den Nachwuchs immer weiter in das Bundesligateam zu integrieren. Für einen Trainer sind ja nicht nur Titel wichtig, sondern auch die individuelle Ausbildung von Spielern, auf die man rückblickend stolz sein kann.“

Karriere nach Herzstillstand vorbei

Sie sind beide noch junge Trainer und haben auch eine etwas ähnliche Geschichte, wie Sie zu dem Beruf gekommen sind…

Prokop: „Ich habe leider mehrere Knorpelschäden im Knie gehabt und musste mit 22 Jahren als aktiver Spieler aufhören. Das war brutal jung. Ich habe dann sehr schnell den Trainerschein gemacht und damals in Hildesheim die Chance bekommen, den Einstieg im Jugend- sowie im Männerbereich zu kriegen. Gleichzeitig konnte ich mein Lehramtsstudium dort komplett abschließen. Sodass es ein Weg war, der im Nachgang mit vielen Vereinswechseln notwendig war, um sich weiter nach vorne zu arbeiten. Stationen wie Hannover, Magdeburg, aber auch Schwerin, will ich nicht missen. Es war zwar der steinigere Weg, aber ein sehr wertvoller.“

Rentsch: „Ich habe ein Kammerflimmern mit Herzstillstand gehabt, war dann ein paar Minuten tot. Ich habe ein bisschen Glück gehabt, dass es im Mannschaftsbus passiert ist, auf der Auswärtsfahrt und ein Rettungssanitäter vom EHV Aue mit dabei war, der mich dann zurückgeholt hat. Drei Tage lang lag sich im Koma und noch drei Wochen im Krankenhaus auf der Intensivstation. Ich habe dann auch das Glück gehabt, mit dem Manager in Aue, der sehr herzlich war und mir die zweite Laufbahn ermöglicht hat. Maik Nowak ist als Trainer gekommen und ich konnte sofort als Co-Trainer einsteigen. Da war ich 25. Dementsprechend musste ich meinen eigenen Weg gehen, habe meine Erfahrung in Pirna in der 3. Liga gemacht. Zwar nicht immer erfolgreich, aber sehr lehrreich. Durch die Nähe meiner Heimat bekam ich dann das Angebot von Zwickau. Meine Engagement dort wurde mit dem Angebot des HCL belohnt.“

War das für Sie jeweils die logische Schlussfolgerung, den Sport den man liebt aber als Aktiver nicht weiter ausüben kann, als Trainer weiter zu leben?

Prokop: „Ich wollte der Sportart so lange wie möglich verbunden bleiben. Als Spieler habe ich da alle möglichen Operationsmethoden versucht, um weiter Bundesligaprofi zu sein. Das hat nicht funktioniert. Dann gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wird man Trainer oder Lehrer. Weil es einfach Spaß macht, mit Leuten zu arbeiten und sie jeden Tag um sich zu haben. Da bin ich froh, dass mir dieses sichere zweite Standbein gelungen ist. Was mir nicht gelungen wäre, wenn ich aktiv bis über 30 gespielt hätte. Inzwischen bin ich froh, dass Hobby zum Beruf gemacht und meinen Traumjob zu haben.“

Rentsch: „Bei mir war es so, dass es vom einem auf den anderen Tag mit dem Handball vorbei war. Das war in der ersten Zeit eine sehr schwierige Phase. Weil man sich als Co-Trainer zwar gefreut hat, wenn man gewonnen hat, aber ich war nie so dabei wie als Spieler oder jetzt als Trainer. Deshalb war es für mich ein ganz wichtiger Entschluss, meinen eigenen Weg zu gehen. Momentan ist der Job zwar stressig, aber es macht sehr, sehr viel Spaß mit einer gesunden Mannschaft zu arbeiten mit vielen Erfolgen und Emotionen nach Hause zu kommen. Momentan kann ich mir nichts Besseres vorstellen.“

Wäre der Job des Bundestrainers oder das Ausland, wo man sicher noch besser verdienen kann, auch mal reizvoll?

Rentsch: „Vorstellbar ist sicher alles. Und ich denke, da sind wir beide ehrgeizig genug, um solche Sachen vielleicht mal ins Auge zu fassen. Aber ich bin persönlich grad froh hier zu sein und darüber, dass mein Vertrag um drei Jahre verlängert wurde.“

Prokop: „Ich möchte in Leipzig etwas bewegen und dafür braucht man konstante Arbeitsbedingungen. Die sind hier top, von daher muss man sich nicht verrückt machen und irgendwelchen Anfragen hinterher springen.“

Trainer Christian Prokop bejubelte in seinem ersten Bundesligajahr mit dem SC DHfK überraschend zeitig den Klassenerhalt.

Quelle: Christian Modla

Neben zwei Handball-Erstligisten gibt es ja nun auch ab nächster Saison in Leipzig noch einen Fußball-Bundesligisten. Ist es möglich, dass auf Dauer alle nebeneinander erfolgreich sind?  

Rentsch: „Ich glaube ja. Mit RB Leipzig entwickelt sich eine Fußballmacht, die unabhängig von der Stadt ist. Dementsprechend gibt es auch noch andere Fußballvereine, die hier ansässig sind und um Sponsoren buhlen. Man muss auf sich schauen und seine Leistung bringen. Wenn man seine Hausaufgaben macht, hat jeder Verein oder jede Sparte für sich genügend Resonanz.“

Prokop: „Ich finde es Wahnsinn, was dieses Jahr allgemein im Leipziger Sport passiert ist. Mit dem Aufstieg von RB, dem Pokalsieg des HCL, unserer konstanten Saison. Dann haben wir noch erfolgreiche Einzelsportler wie David Storl oder Cindy Roleder. Es wird so viel angeboten, dass es für das Publikum schon schwer ist, sich immer wieder zu entscheiden. Man kann nicht weg diskutieren, dass es auch eine Konkurrenzsituation gibt. Ich fände es klasse, wenn alle nebeneinander bestehen können, weil es auch die Stadt ausmacht. Aber Fakt ist, dass wir alle in der Bringschuld sind und schauen müssen, dass wir erfolgreich sind, um die Gunst der Zuschauer und Sponsoren werben.“    

Bei Ihnen besteht die spezielle Situation, dass es die gleiche Sportart ist und beide in der Ersten Liga spielen. In wie fern sehen Sie sich als Konkurrenten um Zuschauer, Sponsoren und Anerkennung?

Prokop: „Wir können ja nicht weg diskutieren, dass da jeder mehr auf sich schaut und den sportlichen Erfolg sucht. Aber grundsätzlich sind beide Vereine in der Außendarstellung und auch in der inneren Kommunikation unglaublich sympathisch. Ich würde mir wünschen, dass beide Vereine in der Stadt weiter erfolgreich den Handball präsentieren.“

Rentsch: „Wir beide haben uns vor dem letzten Bundesligaspiel beim THC auf dem Parkplatz getroffen und kurz miteinander gesprochen. Ich fand es super von Christian, dass er uns viel Erfolg für das Finale in Bad Langensalza gewünscht hat…“

Prokop: „Das hat aber nicht geklappt…“

Rentsch: „Ja, aber einfach, dass du es uns gönnen würdest. Innerhalb der beiden Mannschaften gibt es ja auch Verbindungen und Beziehungen. Viele DHfK-Spieler fiebern bei uns mit. Wie zum Beispiel Philipp bei Hubi. Der konnte nach dem Pokalhalbfinale gegen den THC nicht mal irgendwas von Handball erzählen, weil er so mittendrin war. Oder eine Helena, die bei euch an der Seitenlinie abgegangen ist. Es macht einfach auch sehr viel Spaß miteinander. Was wirtschaftlich ist, wird sich über das Management und den Erfolg definieren. Ein riesen Vorteil für alle hiesigen Vereine ist aber, dass die Stadt immer weiter wächst und auch wirtschaftlich immer stärker wird.“        

Gibt es irgendetwas worauf Sie beim anderen Verein oder Trainer neidisch seid?

Prokop: „Ich würde auch gern mal hübsche Frauen trainieren…“ Beide lachen.

Rentsch: „Dieses Thema bügele ich immer ab. Das sind ja nur Arbeitnehmer für mich.“ Weiteres Gelächter.

Rentsch: „Im Ernst: Natürlich ist es eine tolle Sache regelmäßig vor 4000 bis 5000 Zuschauern zu spielen. Aber wir haben unseren Schnitt trotz Konkurrenz auch erhöht. Dementsprechend können wir zufrieden sein.“  

Herr Prokop, gibt es wirklich nichts, worauf Sie neidisch sind? Der HCL hat seit Jahren einen internationalen Startplatz…

Prokop: „Das ist sicher ein ehrgeiziges Ziel, das bei uns in der Ferne schwebt. Ich glaube aber, dass mit Leipzig viel möglich ist und man hier eine Topmannschaft formen kann. Die Stadt, die Sponsoren und die Zuschauer geben es auch her. Aber das ist derzeit ein Wunschgedanke.“

Trainingsstart ist für beide Teams Mitte Juli. Jetzt beginnt nach einer langen Saison die verdiente Sommerpause – worauf freuen Sie sich am meisten?

Prokop: „Bei uns steht bald die Geburt des zweiten Kindes an, deshalb werden wir den Urlaub im Umland von Leipzig verbringen. Das schönste ist jetzt, dass das Telefon still steht, man Ruhe hat und sich mal ablenken und um die Familie kümmern kann. Wenn gleich der Handball irgendwie immer eine Rolle spielt.“

Rentsch: „Die Zeit nach der Saison ist immer sehr erholsam. Bei uns steht zum ersten Mal mit der Familie Bauernhof-Urlaub an. Sonst sind wir immer so die typischen Strandgänger, 14 Tage nicht bewegen. Diesmal sind wir in Südtirol, mal was ganz anderes in den Bergen.“ 

Interview: Anne Grimm

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