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Ein Leben in Ost und West - Winfried Wächter zum Tode von Fußball-Trainer Jörg Berger

Ein Leben in Ost und West - Winfried Wächter zum Tode von Fußball-Trainer Jörg Berger

Das Telefon war abgestellt am Mittwoch Abend. Und das in der Halbzeitpause des deutschen Spiels gegen Ghana, als doch die nächste Kolumne für die kommende Ausgabe besprochen werden sollte.

Duisburg/Leipzig. Die Zeit drängte. Jörg Berger meldete sich nicht. Auch nicht nach dem Spiel.

Wer ihn nur ein bisschen kannte, musste befürchten, dass da etwas nicht stimmte. Jörg Berger war stets die Zuverlässigkeit in Person, hielt sich an jede Absprache. Seit Jahren arbeitete er für diese Zeitung bei Welt- und Europameisterschaften als Kolumnist, analysierte die Auftritte der deutschen Mannschaft und hielt mit seiner Meinung nicht hinter den Berg. Ob die Bundestrainer Vogts, Ribbeck, Völler, Klinsmann oder Löw hießen - Berger sagte den Lesern, was er dachte. Nach der Niederlage gegen Serbien am letzten Freitag kritisierte er die Auswechslung Mesut Özils. Es sollte seine letzte Kolumne sein. Özils Siegtreffer gegen Ghana erlebte Berger nicht mehr.

"Ich weiß, dass ich keine 100 Jahre alt werde", hatte er gesagt, nachdem er 2002 an Krebs erkrankt war. "Aber ich habe jetzt schon mehr erlebt als andere mit 65." Da war 1979 die Flucht aus der DDR via Jugoslawien, wo er als Juniorentrainer die Gelegenheit nutzte. Mit einer großen Angst an der Grenze zu Österreich, festgenommen zu werden. Wenn sich "im Westen" jemand hocharbeiten musste, dann war es Jörg Berger. Sein Abschluss als Fußball-Trainer an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in seiner Heimatstadt Leipzig wurde nicht anerkannt. Deshalb musste sich der als Nachfolger von DDR-Nationaltrainer Georg Buschner Vorgesehene erneut auf die Schulbank der Sporthochschule Köln setzen, um die entsprechende Lizenz zu erwerben. "Dabei wurde ich zum Teil mit den gleichen Lehrbüchern wie in Leipzig unterrichtet", schüttelte Berger bei diesen Erzählungen stets den Kopf.

Er schaffte auch diesen Abschluss und wurde in der Bundesliga ein gefragter Mann. Freiburg, Frankfurt, Köln, Schalke waren seine Stationen. 1999 rettete er die Eintracht vor dem Abstieg im legendären Herzschlag-Finale. "Der Mann hätte auch die Titanic gerettet", sagte danach sein Spieler Jan-Aage Fjörtoft. Berger schmunzelte darüber. Aber eine Mannschaft zu motivieren, auch an das Unmögliche zu glauben, war seine große Stärke. Sein Sächsisch behielt er in all den Jahren bei, was die Profis nicht hinderte, seinen Anweisungen zu folgen.

"Es war typisch für Jörg, dass er nie aufhörte zu kämpfen", sagte gestern Frank Engel, sein langjähriger Co-Trainer und Weggefährte. "Stets hat er versucht, diese Einstellung auch anderen zu vermitteln. Klagen war seine Sache nicht." Das galt auch für seine Krankheit. Nach mehreren Operationen und Chemotherapien schien es, als sei der Krebs besiegt. Sogar als Trainer arbeitete er wieder. Natürlich als so genannter Feuerwehrmann. Wenn ein Bundesliga-Abstieg drohte, wurde Berger gerufen. Er mochte dieses Image nicht sonderlich, arrangierte sich aber damit. "Lieber dieses Image als gar keins." Zuletzt wurde er sogar für nur eine Partie engagiert, als Arminia Bielefeld im Mai 2009 mit seiner Hilfe die Erstklassigkeit erhalten wollte. Bielefeld stieg ab, der Trainer Berger zog sich zurück.

Er stellte danach sein Buch "Meine zwei Halbzeiten: Ein Leben in Ost und West" vor, in dem er unter anderem über die schwierige Zeit in den ersten Jahren im Westen berichtete. Dort habe niemand auf ihn gewartet, erzählte Berger als Gast der LVZ-Autorenarena im vergangen Jahr. Als Trainer aus der DDR war er zunächst nicht ernst genommen worden, weil deren Fußball kaum internationalen Erfolge vorweisen konnte. "Die Systematik der Ausbildung und die Nachwuchsförderung fanden kaum Anerkennung", bedauerte er und konnte sich diese Haltung auch erklären. "Bei so vielen Titeln kann man das verstehen, weil man denkt, es geht immer so gut."

Als der DFB vor einigen Jahren dazu überging, die Nachwuchsarbeit zu intensivieren, fühlte sich Berger bestätigt. Es hatte ihn immer geärgert, wenn vieles dem Zufall überlassen wurde, weil ja vieles oft irgendwie gut gegangen war und Talente schon irgendwoher kommen würden. "In der Stunde des Erfolgs werden die meisten Fehler gemacht", lautete eine seiner Erkenntnisse. Er wäre gerne in einem Verein länger geblieben. "Doch der Erfolg muss sich möglichst sofort einstellen." Überliefert ist daher die Bitte an seine Frau, nach dem Umzug die Bilder nicht aufzuhängen. "Ist vielleicht nicht mehr nötig. Wir haben verloren."

Berger kannte beide Systeme und kein Pardon, wenn es um Ungerechtigkeiten ging. Seine umfangreiche Stasi-Akte versetzte ihm angesichts der Enttäuschungen, von guten Freunden bespitzelt worden zu sein, einen Schock. Dies war die größte Enttäuschung seines Lebens - viel größer als jeder Abstieg.

Winfried Wächter

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