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Ein Leben mit der Tour - Leipziger Bernd Gohr gilt als Radsport-Kenner

Ein Leben mit der Tour - Leipziger Bernd Gohr gilt als Radsport-Kenner

Der Mann kann Geschichten erzählen, stundenlang. Manche sind erstaunlich. "1968 fiel die Entscheidung über den Gesamtsieg erst auf der letzten Etappe. Der Holländer Jan Jansen hat schließlich gewonnen, dabei hat er nie das Gelbe Trikot getragen.

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Bernd Gohr mit einem winzigen Teil seiner Sammlung von Radsportmagazinen und anderen Erinnerungsstücken.

Quelle: Christian Nitsche

Leipzig. So wie 1947 der Bretone Jean Robic, der erste Sieger nach dem Krieg." Klar, die Rede ist von der Tour de France.

Bernd Gohr ist das personifizierte Lexikon des Radsports. Alle Sieger der Tour? "Kein Problem." 1956? "Roger Walkowiak", kommt es wie aus der Pistole geschossen. Das macht Eindruck, mit dem Namen wissen selbst gestandene Sportjournalisten nichts anzufangen. Plaudereien mit Gohr über Radsport sind Exkursionen in Geschichte, Geografie und (Sport-)Philosophie.

Zunächst gilt zu klären: Kann es einen größeren Fan als ihn geben? "Stopp", hakt Gohr ein. "Ich würde mich nicht als Fan bezeichnen, eher als großen Interessenten." Dann ein Nachsatz, ganz bescheiden: "Vielleicht auch als Kenner." Das wiederum ist ein schwerer Fall von Understatement. Der (noch) 61 Jahre alte Leipziger ist mehr als ein Kenner des Radsports. Es gibt in Sachsen, möglicherweise in ganz Deutschland kaum jemanden, der mehr Programme, Statistiken, Reportagen von den großen Radrennen wie Tour de France, Giro, Tour de Suisse, Friedensfahrt, Deutschland-Tour gesammelt hat, natürlich auch von den Klassikern, Meisterschaften und was nicht noch alles. Schätze sind dabei. Das Programmheft der Tour de France von 1947 dürfte außer ihm wohl sonst niemand in Deutschland besitzen. Dann sind da noch geschätzte 30 000 selbst geschossene Fotos. Gohrs Archiv (oder Sammlung) ist denkwürdig und gäbe Material für ein feines Museum. Wo das ganze Zeug liegt? "Verteilt, in mehreren Zimmern und Wohnungen", erzählt er, kurzes Räuspern, "auch bei der Schwiegermutter".

Mit dem Radsport aufgewachsen

Das Interesse für Radrennen kommt nicht von ungefähr. Bernd Gohr ist in Forst geboren, die dortige Radrennbahn (seit 1906) gilt als die beste Anlage Deutschlands, wurde zum 100-Jährigen für über eine Million Euro saniert. Just dort verfolgte er als Kind mit Begeisterung die Steherrennen, damals eine große Nummer. Dann kam Täve. "1960 bekamen wir als dritte Familie in Forst einen Fernsehapparat. Es war zur Zeit der Friedensfahrt, der große Täve-Hype begann, das ganze Dorf hat bei uns geguckt. Irgendwann wurden auch Westsender empfangen, ab 1968 habe ich bewusst die Tour de France verfolgt, jeden Abend die Tageszusammenfassung gesehen." Kleine Einschränkung: "Wenn der Empfang es zugelassen hat."

Mit den Jahren wuchs die Begeisterung für die Tour - die für die Friedensfahrt ließ im gleichen Tempo nach. "Es war ja langweilig geworden, nur Fahrer aus der DDR, UdSSR und Polen haben was gewonnen. Die Streckenführung war öde, es gab fast nur noch Flachetappen, weil unbedingt eine höhere Durchschnittsgeschwindigkeit als bei den Profis herauskommen sollte. Da war die Tour de France anders, viel spannender und abwechslungsreicher. Und sie war für mich auch als Geograf interessant."

Zwischenfrage: Was hätten die Friedensfahrt-Stars in Frankreich gerissen? "Nicht viel", sagt Gohr. "Ryszard Szurkowski, der beste Fahrer der 70-er Jahre, und mit ihm die besten Polen sind 1974 bei Paris - Nizza mitgefahren. Bei den Sprints waren sie ganz gut, in den Bergen wurden sie gnadenlos abgehängt. So wäre es allen ergangen."

Das Interesse wuchs und wuchs, aber zu DDR-Zeiten war es nicht leicht, sich über die Tour de France zu informieren. Mehr als eine kurze Meldung und die ersten Sechs der Etappe stand im "Sportecho" nicht. "Man war auf Westmedien angewiesen", und da war der junge Mann sehr kreativ. Ab 1970 hörte er im Radio auf Langwelle (!) den Sender "France INTER", der berichtete jede halbe Stunde live, war bei den Pässen und Zielankünften dabei. "Nebenbei habe ich so französisch gelernt."

Die Zeitung als Informationsquelle

Während des Studiums in Dresden war der tägliche Gang zum Zeitungskiosk am Hauptbahnhof Pflicht. "Dort gab es die Zeitung der französischen Kommunisten L'Humanite. Die hatten jeden Tag eine Seite von der Tour im Blatt, plus die vollständigen Ergebnisse." Nach seinem Umzug nach Leipzig gab's die L'Humanite natürlich auch, dazu noch die Radsport-affine "Le Drapean Rouge", die Zeitung der belgischen Kommunisten. Alle Dämme sind nach dem Staatsbesuch Erich Honeckers 1987 in Bonn gebrochen, als der Austausch von Fachliteratur vereinbart wurde. "Plötzlich kam ich an Radsportzeitungen aus Frankreich, Belgien und der Schweiz ran", erzählt Gohr mit glänzenden Augen. Er kaufte und las fleißig. Alle aufgehoben? "Selbstverständlich." Bei der Feststellung, wie leicht es doch heute ist, im Internet an jede noch so unwichtige Information oder Statistik zu kommen, schwingt fast ein bisschen Bedauern mit.

Die Geschichte der Tour ist voller Geschichten von Helden. Gab es für ihn einen? "Ich habe mich immer mehr als Beobachter gesehen", stellt er noch mal klar. "Aber Eddy Merckx hat mich schon begeistert, später Bernard Hinault." Den legendären Franzosen hat er Mitte der 90er Jahre in Thüringen getroffen und ihn mit einem Foto von der WM 1983 in Prag überrascht. "Es war die einzige im damaligen Ostblock, wo man hinfahren und die Profis erleben konnte." Gohr war natürlich da. Ab 1990 waren Informationsbeschaffung und Kontaktaufnahme nicht mehr schwer. Für den Lehrer paradiesische Zustände. Als ambitionierter Fotograf konnte er bei vielen Rundfahrten live dabei sein, er knüpfte unzählige Kontakte.

Die geplatzte Seifenblase

Dann kam die Ära Jan Ullrich und mit ihr der große Radsport-Hype in Deutschland. Bei Rennen herrschte plötzlich Hysterie wie bei Pop-Konzerten. Dem Experten Gohr war das von Anfang an etwas unheimlich, Fan-Gehabe aller Art ist definitiv nicht seine Sache. Die Aufregung dauerte gerade Mal zehn Jahre, die Helden sind gefallen. "Es war eine Seifenblase, die geplatzt ist. Deutschland ist nun mal kein Radsportland, alles ist viele Etagen kleiner geworden." Er hat es kürzlich wieder live erlebt. "Seit 1990 bin ich immer am 1. Mai beim Klassiker ,Rund um den Henninger Turm' in Frankfurt. Dieses Jahr war ich neben einem schon lange pensionierten Reporter aus Berlin der einzige Medienvertreter aus dem Osten ..."

Die geplatzte Seifenblase, das rasant gesunkene, manchmal gar nicht mehr vorhandene Interesse (in Deutschland!) an einer eigentlich faszinierenden Sportart ist klar den Doping-Fällen geschuldet. Dass nun auch Jan Ullrich offiziell gestanden hat, kostet Gohr nur ein müdes Lächeln. "Ist ja nun wirklich keine Überraschung." Allerspätestens seit vor Jahren auch Armstrong aufgeflogen ist, schockiert diesbezüglich ohnehin keine Meldung mehr. "Ich hatte nie Illusionen, auch nicht in anderen Sportarten", sagt er. "Das gab es doch im Hochleistungssport immer schon, und Radsport ist keine Ausnahme. Schon vor dem Krieg wurde alles mögliche versucht. Die großen Helden von einst, Anquetil, Coppi, die haben alle was genommen, da war es aber nicht verboten."

Gohr kennt einige Dopingsünder persönlich

Seine Faszination für den Radsport hat deswegen nie gelitten. "Es ist halt so und ich nehme es in Kauf. Mich hat nur gestört, dass manche so extrem gelogen haben. Die Ärzte von Telekom zum Beispiel, oder Rolf Aldag, andere auch." Einige der "Sünder" kennt er ja persönlich, "und manchmal war man ja geneigt, ihnen zu glauben." Auch längst passé. "Es wird immer so sein, dass die Dopingjäger hinterher hängen. Gen-Doping kommt mit Sicherheit."

Die 100. Tour de France lässt er sich trotz der düsteren Aussichten nicht vermiesen. Die großen Berg-Etappen wird er sich komplett im Fernsehen ansehen, natürlich auch seine Statistiken weiterführen. Den deutschen Fahrern traut er Etappensiege zu, der Tour-Gewinner werde wohl vom übermächtigen Sky-Team kommen. Während des dreiwöchigen Spektakels werde er oft in seinem Archiv blättern, ist sich Bernd Gohr sicher und gesteht: "Am liebsten tauche ich in die Geschichte ein." Weil es so viele Geschichten gibt. Leider nicht nur schöne.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.06.2013

Uwe Köster

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