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Ex-Coach von Paul Biedermann trainiert künftig Leipziger Top-Talente

Interview mit Frank Embacher Ex-Coach von Paul Biedermann trainiert künftig Leipziger Top-Talente

Frank Embacher übernimmt die Geschicke im sächsischen Schwimmsport. Künftig trainiert er die Leipziger Top-Talente. Zuvor hatte der 53-Jährige bereits Paul Biedermann in Halle zum Weltmeister geformt. Die LVZ traf ihn zum Interview.

Frank Embacher trainiert in Zukunft die Leipziger Schwimmtalente.

Quelle: dpa

Leipzig. Ruhe vor dem Sturm herrscht derzeit in der Leipziger Uni-Schwimmhalle, wo letzte Sanierungsarbeiten vor dem Ende des Monats geplanten scharfen Trainingsstart beendet werden. Das 50-Meter-Becken ist noch verwaist, die Schwimmer absolvieren zunächst ein Alternativprogramm – unter anderem im Ruder- und Kanuboot. Für den neuen Landestrainer Frank Embacher, der Paul Biedermann in Halle zum Weltmeister geformt hat, bietet sich Gelegenheit, viele Gespräche zu führen und seine Sportler kennenzulernen. Im LVZ-Interview erklärt der 53-Jährige, wie er Leipzig wieder an die nationale oder gar internationale Spitze führen will.

LVZ: Was reizt Sie an der Aufgabe in Leipzig und Sachsen?

Embacher: Ich habe mit meinem Trainerteam in den letzten 25 Jahren in Halle ein System geschaffen, das sicher nicht optimal ist, aber sehr gut im Vergleich zu Leipzig. Unsere Trainingsbedingungen, die Zusammenarbeit mit der Schule und die gesamte Förderung sind in Halle auf einem höheren Level. Nun muss ich nach 25 Jahren einen Wechsel vollziehen und komme in ein System, das anders aufgebaut und aus meiner Sicht veränderungswürdig ist. Ich werde in den ersten Monaten schauen, was wir verändern können. Die Erfolge in Halle waren im Nachwuchs und in der Spitze in den vergangenen Jahren besser als in ganz Sachsen. Es kann nicht sein, dass eine Stadt mit 230 000 Einwohnern bessere Leistungen bringt als das wachsende Leipzig mit über 500 000 Menschen. Ich bin mir sicher: Leipzig hat im Schwimmen Potenzial.

Sind zwei verschiedene Systeme innerhalb von 40 Kilometern nicht Ausdruck der Schwäche des deutschen Sports?

Es sind nun mal zwei Bundesländer. In Sachsen wurde der Sport nach der Wende hinten angestellt, weil sich alles auf die Entwicklung der Wirtschaft konzentrierte. Für den Sport war das bitter. In Sachsen-Anhalt haben wir viel gerettet vom alten System, dadurch war vieles leichter. Inzwischen hat sich hier die Wirtschaft gut entwickelt, jetzt ist es Zeit, mal wieder an den Sport zu denken, gerade an den Leistungssport. Das beginnt bei den Sportstätten und beim Trainerpersonal. Fast alle Kollegen haben Jahresverträge, sie sind oft keine reinen Trainer, sondern haben noch schulische Aufgaben mit anderen Kindern. Wir müssen schauen, ob daraus reine Trainerstellen werden, denn ein Sportler muss zu 100 statt 60 Prozent von seinem Trainer betreut werden. Wir müssen den Trainern eine Perspektive geben und sie mit besseren Löhnen motivieren. Auch in dem Punkt ist Sachsen-Anhalt weiter. Der dortige Trainerpool unter dem Dach des Landessportbundes ist einmalig in Deutschland.

Warum wurde nach Ihrer Kündigung durch den DSV für Sie keine Stelle in Halle geschaffen?

Ich stand jahrelang immer dann bei den Leuten der Politik und Sportpolitik auf der Matte, wenn es Probleme gab und ich mich angelegt habe. Das war fast immer damit verbunden, Geld ranzuschaffen. Es war ein jahrelanger Kampf, der aber gut und richtig war. Unser OBM in Halle war bestrebt, mit Sponsoren und dem Verein eine Stelle für mich zu schaffen. Ich war aber nicht überall gern gesehen, weil ich mich oft angelegt habe. Viele vergessen: Das habe ich nicht für mich gemacht. sondern für den Sport. Manche meinen, ich sei zu hart mit den Leuten umgegangen wie zu DDR-Zeiten. Der Vorwurf ist absurd, denn ich bin erst seit 1992 Trainer. Ich habe immer ein Problem, wenn sich Verbände mit sich selbst beschäftigen. Verbände sind für die Sportler und Trainer da. Letztlich war das Engagement in Sachsen, mich zu verpflichten, größer. Hier habe ich gespürt, dass man mich will.

Was lief in den vergangenen Jahren in Leipzig schief?

Die Vereine haben nicht genügend die Kräfte gebündelt. Jetzt haben wir die Möglichkeit, einen Neuanfang zu starten. Die Vereine, die vergangene Saison aus der Startgemeinschaft (SSG) ausgetreten sind, würde ich gern von einem gemeinsamen Auftritt überzeugen. In der SSG soll sich jeder wiederfinden, keiner soll seine Identität aufgeben. Um Geld zu akquirieren ist es wichtig, dass wir als geballte Kraft in Erscheinung treten. Wir müssen auf Seite 1 der Vereinswertung auftauchen – und dort möglichst weit vorn.

Wie viel Konkurrenzdenken ist in Mitteldeutschland nötig – und wie viel Zusammenarbeit?

Ich bin Landestrainer und will etwas in Sachsen bewirken. Wir müssen solche Bedingungen schaffen, dass kein Talent Sachsen verlässt. Ich weiß, dass man in Dresden denkt: Wir sind derzeit die Besseren, wir wollen um einen Bundesstützpunkt kämpfen. Dieses Ziel können wir abhaken, bis 2024 sehe ich da keine Chance. Wir sollten uns nicht gegenseitig runterziehen und kaputt machen, sondern lieber hochschaukeln. Der tägliche Kampf Halle gegen Magdeburg hat uns in Sachsen-Anhalt national an die Spitze getrieben. Das hat uns angestachelt und stark gemacht. Mit Dresden und Leipzig könnte man das umsetzen, auch einen sportlichen Dreikampf mit Chemnitz kann ich mir vorstellen.

Muss Sachsen nicht irgendwann Talente abgeben, wenn die Leistungssportreform des DOSB greift?

Das ist so angedacht. Aber es ist erst praktikabel, wenn Geld in das System gepumpt wird, wenn es mehrere Top-Trainer an den Stützpunkten gibt, wenn solche Fragen wie Wohnung, Studium und Geld geklärt sind. Ich denke, es wird in der Praxis immer zu Einzellösungen kommen.

Zuletzt schaukelte sich in den Medien eine Art Privatduell Frank Embacher gegen Bundestrainer Henning Lambertz hoch ...

Als er ins Amt kam, war ich für Henning, weil er mit seinem diplomatischen Geschick für den Posten besser geeignet war als ich mit meiner robusteren Redensart. Ich war aber auch gegen Henning, weil uns ein sehr guter Trainer am Beckenrand verlorengegangen ist. Sein Programm war sehr ambitioniert, es hat uns vorwärts gebracht. Leider ist es uns nicht gelungen, diese Entwicklung auch im Olympiajahr zu zeigen. Das hat methodische und psychologische Gründe. Wenn Olympia immer als das Allergrößte hingestellt wird, wovon alles abhängig gemacht wird, stehen die Trainer zu sehr unter Druck, kommt es zu Spannungen zwischen Trainern und Sportlern.

Wie ist Ihr Verhältnis zum Bundestrainer?

Ich war drei Jahre lang ein guter Berater von Henning. Der Bruch kam nun, als ich sagte: Das Krafttrainingskonzept muss individuell gestaltet werden. Und wir dürfen das Schwimmerische nicht vernachlässigen. Es nützt doch nichts, wenn Sportler vor lauter Kraft die Arme nicht mehr nach vorn bekommen. So wie Marco Koch jetzt schwimmt, hat das nichts mehr mit Marco Koch zu tun. Wenn ich als Trainer merke, etwas funktioniert nicht, dann muss ich handeln. Ich habe das Gespräch mit Henning gesucht, konnte ein paar Sachen ausräumen. Aber er will halt komplett neue Leute.

Am Rande der WM sagte Lambertz, es werde in Deutschland noch zu sehr wie früher trainiert. Hat er recht?

Die Trainingswissenschaften sind etwa 60 Jahre alt und werden weiterentwickelt. Aber die Physiologie des Menschen ändert sich nicht. Das Grundkonzept im Schwimmen ist und bleibt, das Herz-Kreislaufsystem an hohe Belastungen heranzuführen. Das Kraftkonzept ist der i-Punkt, es darf aber nicht in der Wachstumsphase der Sportler angewandt werden. Außerdem ist jeder Mensch unterschiedlich. Wenn wir mit einer Philosophie Erfolg hätten, wären neben Paul Biedermann noch andere unserer Schwimmer Weltmeister geworden. Ich sehe das an meinem Sohn Toni, der immer mit Paul zusammentrainiert hat. Doch richtig gepasst hat das Training nur bei Paul.

Interview: Frank Schober

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