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Finanzsorgen der Leichtathleten

Leipziger Spitzensport muss mehrere Abgänge verkraften Finanzsorgen der Leichtathleten

Die Leipziger Leichtathletik verliert mit Ablauf der Wechselfrist mit Cindy Roleder, Erik Balnuweit, Robert Hering und Maximilian Bayer vier Top-Athleten und darüber hinaus vier Nachwuchs-Werfer. Immerhin erfüllen die Olympiastarter im Kugelstoßen Sara Gambetta und David Storl ihre Verträge beim SC DHfK bis 2017, Hürden-Ass Alexander John verlängert bis 2017. Die Gründe für den Abwärtstrend sind vor allem finanzieller Natur.

Europameisterin Cindy Roleder und drei weitere Top-Athleten konnten nicht beim SC DHfK gehalten werden.

Quelle: dpa

Leipzig. Seit Mitternacht ist die Wechselfrist für die deutschen Leichtathleten beendet. Mit acht DHfK-Abgängen hat es Leipzig so hart getroffen wie seit Jahren nicht. Hürden-Europameisterin Cindy Roleder (zum SV Halle), Robert Hering und Erik Balnuweit (TV Wattenscheid) und Maximilian Bayer (MTV Ingolstadt) gehören zur deutschen Spitze, bei den vier zum SV Halle gewechselten Werfern handelt es sich um Anschlusskader. „Um die Top-Athleten wurde gar nicht richtig gekämpft. Das ist keine mittlere Katastrophe – es ist eine große“, sagt Sprint-Bundestrainer Ronald Stein. Bundesstützpunkt-Koordinator Andreas Michallek pflichtet dem Kollegen bei: „Es gibt seit zwei Jahren ein Eckpunktepapier, die Leichtathletik in Leipzig zu entwickeln. Mittlerweile haben wir aber den Eindruck, unsere Sportart soll abgewickelt werden.“

Dem widerspricht der beim SC DHfK für Leistungssport zuständige Vizepräsident Michael Luda: „Wir werden 2017 mit Hilfe der Sparkasse 27 Athleten unter Vertrag nehmen – zehn von ihnen sind Leichtathleten. Das Verhältnis sagt viel aus zum Stellenwert der Leichtathletik.“ Dass nicht alle Kadersportler gehalten werden konnten, sei bedauerlich: „Aber wenn man unter leichtathletik.de nachschaut, erkennt man einen bundesweiten Trend: Da ist nach Olympia ein richtiger Wanderzirkus entstanden.“

Luda ergänzt: „Der Zeitpunkt der Vertragsgespräche war sicher zu spät. Aber wir haben erst seit wenigen Wochen Budget-Sicherheit für 2017. Mit Mehrjahres-Angeboten aus Wattenscheid oder Leverkusen können wir noch nicht mithalten.“ Weil Fußball und Männerhandball in Leipzig derzeit besonders attraktiv und vermarktungsfähig sind, müssten Nischen für die Individualsportarten gefunden werden.

Beim ehemaligen LAZ, das 2015 mit dem SC DHfK fusionierte, sehen sich einige Trainer 20 Jahre zurückgeworfen, als die Spitzen-Leichtathletik am Boden lag und mit dem heutigen DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska mühselig wieder aufgepäppelt wurde. Die Aufbruchstimmung war im Sommer 2015 besonders groß: Leipzig war bei der WM in Peking stärkste deutsche Stadt. „Das Konzept, mit David Storl und Nadine Müller als Flaggschiffe etwas aufzubauen, war richtig. Dies wurde auch anderswo wahrgenommen“, so Stein: „Aber in einem Jahr ist alles wie ein Kartenhaus zusammengefallen.“ Das erste Signal für den Abwärtstrend habe laut Michallek Diskus-Queen Nadine Müller gesendet: Die Hallenserin verließ den SC DHfK nach einem Jahr und schimpfte intern über den Klub. Im Februar 2016 sei die Situation fast eskaliert: Einige Athleten drohten, bei der Hallen-DM in Leipzig nicht anzutreten. In letzter Minute sei dies verhindert worden.

Die nun abtrünnigen Athleten wollen derzeit nichts sagen. Zum Teil befinden sie sich im Rechtsstreit mit dem SC DHfK, oder sie fürchten um ausstehende Gelder, wenn sie öffentlich ihre Meinung bekunden. Nach gestrigem Stand bleiben immerhin vier der sechs Olympiateilnehmer beim SC DHfK. Staffelsprinter Roy Schmidt habe laut Trainer Ronald Stein keine andere Wahl, weil er wegen seiner Landespolizei-Ausbildung an den Standort gebunden ist. Das übrige Trio trainiert nicht oder selten in Leipzig: Alexander John (Hürde) und David Storl gehören zum Stützpunkt Chemnitz, Sara Gambetta trainiert in Halle. Die drei Top-Nachwuchsleute Robert Farken (800 m) sowie Marvin Schulte und Niels Giese (100 m) bleiben – vorerst. Michallek: „Farken hatte ein sehr gutes anderes Angebot. Er bleibt hier, weil ich ihn überredet habe. Mittlerweile ärgere ich mich darüber.“ Michallek und Stein weisen darauf, dass Prämienregelungen und Trainingslager-Zuschüsse in Leichtathletik-Verträgen normal seien. „Doch die Verantwortlichen im SC DHfK haben keine Ahnung von der Leichtathletik.“ Michael Luda merkt selbstkritisch an: „Das LAZ hatte auf die professionellen Strukturen im SC DHfK gesetzt. Aber wir waren selbst im Umbruch. Und wir hatten uns die Integration des LAZ nicht so schwierig vorgestellt.“

Die Bundesstützpunkte Sprint und Lauf sind offenbar nicht gefährdet – hier zählen Kaderzugehörigkeit und Trainingsort, das Emblem auf dem Trikot spielt keine Rolle. „Wir haben einen großen Zulauf von auswärtigen Athleten. Leider gelingt es uns nicht, Leute wie Cross-EM-Teilnehmer Jannik Seelhöfer hier zu fördern und an einen hiesigen Verein zu binden“, bedauert Michallek. So startet Seelhöfer weiter für seinen Heimatklub aus Niedersachsen. Minimum 100 000 Euro seien für die Athleten beider Stützpunkte pro Jahr nötig.

Die Probleme gingen zuletzt mit personellen Querelen einher. Im März trat die DHfK-Abteilungsleitung zurück, vor drei Wochen auch Vorstandsmitglied Tino Nebel, der das LAZ 2015 federführend in den SC DHfK eingliederte. Damals klang er euphorisch, nun sagt er ernüchtert: „Ich denke immer noch, dass es der richtige Weg war. Aber es waren die falschen Personen, die nicht die nötigen wirtschaftlichen Voraussetzungen geschaffen haben. Die Probleme haben nichts mit den Höhenflügen von RB oder den Handballern zu tun.“ Der 51-Jährige mahnt an: „In einem Mehrspartenverein sollte der Vorstand nicht vorrangig aus Abteilungsleitern bestehen.“ Es müssten neutrale Personen mit Standing in Wirtschaft und Stadtpolitik gewonnen werden.

Von Frank Schober

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