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Leipziger Triathlet Schulz: „Ich mag das Gerede von Inklusion nicht“

Start bei Paralympics Leipziger Triathlet Schulz: „Ich mag das Gerede von Inklusion nicht“

Der Leipziger Triathlet Martin Schulz tritt am Sonnabend um 15 Uhr deutscher Zeit bei den Paralympics in Rio de Janeiro an – dabei kann der ehemalige Schwimmer Edelmetall gewinnen.

Triathlet Martin Schulz tritt in Rio bei den Paralympics an.

Quelle: Privat

Leipzig/Rio de Janeiro. Für diese Momente lohnt sich die Schinderei eines Leistungssportlers: Zum zweiten Mal nach 2012 durfte Martin Schulz zur Eröffnungszeremonie der Paralympics hinter der deutschen Fahne einmarschieren – diesmal im Maracana von Rio de Janeiro. In London ging der Leipziger noch im Schwimmbecken an den Start.

Am Sonnabend gehört der fünffache Europameister und dreifache Weltmeister zu den Favoriten der paralympischen Triathlon-Premiere an der Copacabana. Trotz mehrfacher Bänderrisse – Schulz knickte immer wieder beim Waldlauf um – fühlt sich der aus Döbeln stammende 26-Jährige in der Form seines Lebens und möchte seine Karriere mit der Goldmedaille krönen.

War Rio aufgrund Ihrer Verletzungen irgendwann ernsthaft in Gefahr?

Bis Februar/März hatte ich laufend mit Bänderrissen im Fußgelenk und dadurch mit Waden- und Achillessehnenproblemen zu kämpfen. Ich habe mich schwergetan, es ging nicht so richtig vorwärts. Als ich im Sommer von meinem Arbeitgeber (Stadtwerke Leipzig – d.A.) freigestellt wurde, lief es irgendwann bombastisch. Im Trainingslager in Kienbaum sagte mein Trainer noch: ,Martin, lass lieber mal was weg, wenn es zwickt.’ Und einen Tag später passierte es – das habe ich bisher gar nicht an die große Glocke gehangen.

Was genau ist geschehen?

Ich bin beim Lauf auf einen Stein getreten. Mir war klar, es ist etwas kaputt. Nach der ersten Diagnose bin ich heulend mit Rad in den Wald gefahren. Zwei Stunden später rief der Arzt an, gab Entwarnung: Nur das vordere Außenband war kaputt. Das war genau vier Wochen vor meinem Start in Rio. Ich merke es vor allem beim Schwimmen. Aber meine Trainer meinten, ich sei lange nicht mehr so gut durchs Wasser geglitten. Effektiv hat mir eine Woche Lauf gefehlt. Ich bin froh, muss mir keine Gedanken machen, hatte super Trainingswerte.

Wie sind die Bedingungen in Rio?

Von den Olympiastartern wusste ich, dass die Qualität der Mensa im Dorf nicht die beste ist. Ich habe zwei Packungen meines Lieblings-Müslis eingepackt. Die ersten Tage haben wir auf einem Militärgelände mit Fünf-Kilometer-Radrunde trainiert. Jetzt bin ich in ein Hotel an der Copacabana umgezogen. Da weißt du, woran du bist, dort herrscht internationaler Standard beim Essen und wir haben einen Pool zum Trainieren. Beim Test-Event im vergangenen Jahr war ich positiv überrascht von der Organisation, alles lief reibungslos wie bei der WM in Chicago. Die Strecke ist extrem gut abgesichert mit vielen Ordnern. Da kenne ich ganz andere Wettkämpfe, bei denen es drunter und drüber geht.

Sind Sie auf die Monsterwellen beim Schwimmstart eingestellt?

Zum Glück starten wir 300 Meter vom Ufer entfernt im Wasser von einer künstlichen Insel. Die Herausforderung ist viel mehr das Rauskommen aus dem Wasser. Da haben sich einige letztes Jahr von der Welle an Land spülen lassen. Aber man muss aufpassen.

Erwarten Sie begeisterte Brasilianer?

London ist von der Stimmung her nicht zu toppen. Aber wir Triathleten haben Glück: Samstags sind in Rio sowieso alle am Strand – und der Eintritt ist kostenlos.

Wie ist aus dem Schwimmer eigentlich der Triathlet Martin Schulz geworden?

Ich habe mich schon immer für Triathlon interessiert, aber ich wollte zu den Paralympics, das ging lange nur als Schwimmer. Mit 15 habe ich mal beim Filzteich-Triathlon im Erzgebirge mitgemacht. Meine Eltern hatten Angst, ich könnte mit nur einem gesunden Arm stürzen. Mein Onkel war Triathlet, er hat mich mitgenommen. Er dachte, ich wollte nur zuschauen. Dann hat er gestaunt, dass ich mit meinem Fahrrad vor dem Haus stand. Ich wurde ohne Startnummer nachgemeldet, kam als Dritter aus dem Wasser, habe mich durchgekämpft. Es hat sehr viel Spaß gemacht.

In Ihrer Schwimmer-Startklasse waren Sie mit Ihrer Armbehinderung im Nachteil. Ist es nun umgekehrt? Gibt es Vorwürfe?

Ich bin beim Laufen bisschen bevorteilt, aber man weiß ja, was heute mit Prothesen möglich ist. Es sind leicht Gehbehinderte dabei, die müssten eigentlich deutlich vor mir aus dem Wasser kommen, wenn sie etwas drauf hätten. Einige Kontrahenten sind wiederum weniger eingeschränkt als ich. Die ganzen Startklassen muss man erstmal unter einen Hut bekommen, es ist schon ein fortschrittliches Klassifikationssystem. Problematischer und ziemlich unfair ist dagegen die Gleichmacherei in den Rollstuhl-Klassen. Denn da gibt es völlig verschiedene Grade an Handicaps.

Wie haben Sie als junger Athlet reagiert, als Sie schwer behinderte Menschen sahen?

Als ich mit zehn Jahren das erste Mal zum Wettkampf nach Leipzig kam, war ich total geschockt. Für mich war meine Behinderung nie ein Thema, denn auch mit einem Arm bin ich schneller auf die Bäume geklettert als viele Kumpels. Dass aber Menschen in ihrem Alltag richtig eingeschränkt sind, dass ihre Beine quasi durch die Schwimmhalle getragen werden, hat mich anfangs schockiert.

Sind Paralympics-Starter Vorbilder?

Schon. Wir sind zwar gehandicapt, aber gesund, können viel erreichen, zeigen, was machbar ist. Ich mag das Gerede von Inklusion nicht. Für mich ist eines völlig normal: Warum soll ich mich nur mit Behinderten messen, wenn ich auch im offenen nationalen Feld mithalten kann?

Interview: Frank Schober

Public Viewing am Sonnabend ab 15 Uhr beim Sommerfest des SC DHfK

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