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Muhammad Ali und der Osten: LVZ-Chefreporter Guido Schäfer über die Boxlegende

Zum Tod des Sportlers Muhammad Ali und der Osten: LVZ-Chefreporter Guido Schäfer über die Boxlegende

Mit Muhammad Ali ist eine Legende verstorben. Die war er schon zu Lebzeiten. LVZ-Reporter Guido Schäfer widmete sich dem Leben des Ausnahmesportlers zu dessen 70. Geburtstag.

Muhammad Ali statte Leipzig 2003 einen Besuch ab. Er wollte die Olympischen Spiele in die Messestadt holen.

Quelle: dpa

Leipzig. Ali, ein Mann der Superlative und Gegensätze. Liebte erst nur sich, später die Unterdrückten. Wurde verehrt und verteufelt. Nannte sich in einer Mitte der 60er Jahre durchaus realistischen Einschätzung „The Greatest“. Der Größte hatte von allem zu viel. Talent, Kraft, Aussehen, Selbstvertrauen, Mitteilungsbedürfnis, Witz.

Viele verdienten viel Geld mit ihm. Das ging auch noch, als die Reflexe nicht mehr da waren, der einstige Astralleib hinfällig war, es an den Hüften schwabbelte. 1979 hört Ali auf, gibt seinen Titel zurück.

Ein halbes Jahr später steigt er trotz ärztlicher Warnung zurück in den Ring, kassiert mit acht Millionen Dollar seine höchste Börse. Es ist Schmerzensgeld. Der Auftritt erinnert an den späten Elvis, berührt peinlich. Weltmeister Larry Holmes traut sich nicht, den tapsigen Ex-Champ auszuknocken. Respekt vor einer Legende. Nach elf Runden gibt Ali auf.

Nach einem weiteren Fight und einer Punkt-Niederlage gegen Trevor Berbick zieht Ali im Dezember 1981 die Boxhandschuhe aus. Wie sich später herausstellt, leidet The Greatest da schon an den Vorboten der Parkinson-Krankheit. Der Stettiner Kult-Trainer und Weltmeisterschmied Uli Wegner, 69: „Ali hat, wie viele große Sportler vor ihm, zu spät aufgehört. Leider.“

Der legendäre Schwergewichtsweltmeister und prominenteste Kriegsdienstverweigerer der US-Historie hatte nicht den Punch eines George Foreman, war kein K.o.-Schläger wie Ken Norton. Auch kein Rammbock wie Joe Frazier. Aber er hat sie alle geschlagen. Mit List. Tücke, eisernem Kinn. Und losem Mundwerk.

Ein Jahrhundertsportler

„Er war schlau, beweglich und sagenhaft schnell“, schwärmt Uli Wegner. „Ali ist ein Jahrhundertsportler. Der konnte boxen, dass einem die Luft wegblieb, beherrschte auch die psychologische Kriegsführung. Gegen Muhammad Ali in seiner Glanzform hätte keiner eine Chance. Keine Klitschkos, kein Holyfield, kein Tyson.“ Seine Fäuste nutzte Ali selten als Deckung, wich Angriffen mit nie gesehener Schnelligkeit aus.

Alis Profession war das Boxen, ein Hobby war die Provokation. Ein anderes war Selbstvertrauen. „Ich weiß nicht immer, wovon ich rede. Aber ich weiß, das ich recht habe.“ Er redete viel, raubte seinen Gegnern im Ring den Nerv. Beim legendären „Rumble in the Jungle“ (1974) fragt Ali in Runde acht bei George Foreman nach: „George, ist das alles, was du draufhast?“ Der riesige Foreman fällt vom Glauben ab und kurz später in der Staub. Seine Taktik beim Kampf in Kinshasa/Zaire hatte Ali so erklärt: „Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene. Georges Hände können nicht treffen, was seine Augen nicht sehen.“

Auch in der DDR bewundert

Apropos sehen. Die Kämpfe des Größten und Schönsten rissen Millionen Menschen in BRD und DDR aus dem Nachtschlaf vor die TV-Endgeräte. Im Osten klingelten die Wecker noch früher als im Westen. Bevor der Gong gegen vier Uhr morgens ertönte, mussten Antennen Richtung öffentlich-rechtliches Fernsehen-West gerichtet werden. Thomas Mädler, 56, Ex-Stadtsportbund-Chef in Leipzig, erlebte den „Rumble in the Jungle“ im Studentenwohnheim Karl-Marx-Stadt. „Westfernsehen war eigentlich verboten, das interessierte aber bei uns niemanden. Wenn Ali geboxt hat, war unsere Studentenbude rammelvoll, wurde gequarzt und getrunken. Da konntest du die Luft schneiden.“

Mädler verehrte den Olympiasieger von 1960 schon, als der noch Cassius Clay hieß. Als Clay 1964 den als unschlagbar geltenden Sonny Liston schlägt und Weltmeister wird, hat der neue Titelträger mehrere Botschaften für die Welt. Er ist nicht nur der Größte und Schönste, er hat an jenem Abend in Miami Beach „die Welt durchgeschüttelt“.

Und er hat keine Lust mehr auf seinen Namen, konvertiert zum Islam. Aus Cassius Clay („Das ist ein Sklaven-Name“) wird Muhammad Ali. Aus dem Boxer wird der Kämpfer gegen Unterdrückung, Rassismus, Analphabetismus, den Vietnam-Krieg. Für die Patrioten in den Vereinigten Staaten (dort sind fast alle Patrioten) wird Ali, der einen Großteil seiner Börse seine muslimischen Gaubensbrüdern überweist, zu einem Ärgernis, einem Großmaul.

Ali teilt weiter aus, verweigert 1967 den Wehrdienst in Vietnam und teilt mit: „Nein, ich werde nicht 10. 000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen.“ Diese Offenheit kostete dem Meister aller Klassen die Box-Lizenz – und beinahe die Karriere. 1970 darf er nach dreijähriger Sperre wieder boxen. Aber kann er es noch so wie früher? „They never come back“, lautet eine in Stein gemeißelte Erkenntnis über Ex-Weltmeister.

Ali im Osten

Ali kommt zurück, feiert Triumphe, wird wieder Weltmeister. Der Mann ist damals nicht zu bezwingen. Zu seinem größten Gegner wird er selbst. Seine Arroganz, die Neigung zum Größenwahn. Mal hält er im Ring Vorträge und verliert (Ken Norton). Mal unterschätzt er einen Gegner, bereitet sich nicht vor und verliert (Leon Spinks).

Er hat nach seiner Karriere auch den Osten gesehen, promotet 2002 den Hollywood-Film mit Jamie Foxx als Muhammad Ali. Und er verleiht der Leipziger Olympia-Bewerbung Glamour. An jenem Abend und bei einem Blitzbesuch 2003 im Leipziger Rathaus. Zaubern kann selbst Ali nicht. Olympia 2012 findet in London statt.

Juni 2002, Riesa, Erdgas-Arena, Herzschmerz-Atmosphäre. Ali ist da. Vielen stehen Tränen in den Augen, als sich der Superstar den Weg zum Podium bahnt. Ali genießt seinen Auftritt, schüttelt Hände, beugt sich zu einer Rollstuhlfahrerin, gibt ihr einen Kuss auf die Wange.

Die Parkinson-Krankheit hat den Größten demütig werden lassen. Der Mann hat keine natürlichen Feinde mehr. Im Osten hatte er nie Feinde, nur glühende Verehrer.

Guido Schäfer

 

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