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Oral im Interview: "RB ist in fünf bis sieben Jahren in der Bundesliga"

Oral im Interview: "RB ist in fünf bis sieben Jahren in der Bundesliga"

Leipzig. Am Mittwoch steigt das Finale im Landespokal gegen den Chemnitzer FC. Für RB-Trainer Tomas Oral ist es die letzte Partie an der Seitenlinie.

Danach kehrt er Leipzig den Rücken, da sein Vertrag nicht verlängert wurde. Mit LVZ-Online sprach Oral noch einmal über RB, Chemnitz, seinen Nachfolger Pacult und Tradition im Fußball.

Frage: RB steht zwar im Landespokalfinale, aber in der Liga ist die Mannschaft nur als Vierter eingelaufen. Haben Sie als Trainer versagt?

Oral: Natürlich ist es so, dass man im Fußball immer den Fehler macht und nur den Ist-Zustand analysiert. Ich denke, wir haben ein schwieriges Jahr hinter uns: Wir hatten viele Widerstände und einen totalen Umbruch in der Mannschaft und im Verein. Wir wussten im Team immer, dass wir nicht in drei Jahren den Durchmarsch schaffen, weil wir noch viel zu viel zu tun hatten und haben, was die Struktur vor Ort anbelangt.

Was genau in der Struktur?

Man muss nur zum Trainingszentrum fahren. Erst vor kurzem wurde mit dem Bau begonnen. Jeder Verein braucht seine Heimat - auch RB. Da gibt es so viele Sachen zu tun. Wenn ich überlege: Als ich herkam, waren auf der Geschäftsstelle drei, vier Leute. Jetzt sind da 15 bis 20. Da sieht man schon, was wir in diesem Jahr geleistet haben.

Und dass die Mannschaft an vierter Stelle ist, würde ich nicht Misserfolg nennen. Wir haben einen guten Grundstein gelegt. Wenn man das Gesicht der Mannschaft sieht, wie es sich im Laufe der Saison verändert hat, wie viele junge Spieler sich integriert und weiterentwickelt haben, denke ich, dass wir eine sehr, sehr gute Basis geschaffen haben, um in den nächsten Jahren die Erfolge einfahren zu können.

Zu Beginn der Saison hieß es aber, der Verein will aufsteigen. Dann wird man Vierter. Ist das nicht als Misserfolg zu werten?

Ich bin natürlich hergekommen und habe für mich gesagt, dass ich unbedingt aufsteigen will. Aber dieser Druck und das unbedingte Müssen wurde von außen immer hineingetragen, weil die Dose und der Sponsor überall für Wirbel sorgen, wo sie auftauchen. Wir wussten aber, dass es ein sehr schwieriges Jahr wird, und dass wir unheimlich viele Baustellen haben würden.

Intern hatten wir aber die Marschroute ausgegeben, dass wir unbedingt aufsteigen wollen. Aber wir hatten in dieser Saison einen sehr hartnäckigen Konkurrenten mit Chemnitz, der eine herausragende Spielzeit absolviert hat. Und da sind der ein oder andere junge Spieler oder welche, die sich mit Problemen rumgeschlagen haben, nicht so mit der Drucksituation klargekommen, wie wir es uns gewünscht haben.

Sie haben keine Fehler gemacht?

Von Fehlern zu sprechen ist immer sehr schwierig. Im Fußball gibt es niemanden, der keine Fehler macht. Man muss immer versuchen, die, die auftreten, so schnell wie möglich zu beheben. Gravierende Fehler würden mir jetzt nicht einfallen.

Warum ist letztlich Chemnitz Meister geworden?

Es ist ganz leicht zu erklären: Chemnitz war von Anfang an die Mannschaft, die Konstanz in die Saison bekommen hat. Sie haben in den letzten drei Jahren Aufbauarbeit geleistet und eine Mannschaft geformt. Schon in den letzten Jahren wollten sie aufsteigen und haben es nicht geschafft, weil Druck auf ihnen lastete. Und dieses Jahr ist RB gekommen und hat Chemnitz den kompletten Druck genommen. In der Rolle des Herausforderers haben sie sich sehr wohl gefühlt und konnten in Ruhe ihre Arbeit machen.

Somit ein verdienter Meister?

Wenn man auf die Tabelle schaut, muss man das so respektieren und sagen, dass es absolut verdient ist.

Wann und wo haben Sie erfahren, dass es für Sie in Leipzig nicht weitergeht?

Ich habe lange mit (Ex-Sportdirektor, d. Red.) Thomas Linke gesprochen, dass es in dieser Situation mit den ganzen Turbulenzen, die im Verein waren, keinen Sinn macht. Und der Verein hat sich dann aus Salzburger Sicht für einen anderen entschieden. Das musste ich dann akzeptieren.

Die Entscheidung wurde also in Österreich getroffen?

Ich denke, dass sie im Team getroffen wurde. Wie genau, weiß ich nicht. Ich war nicht dabei. In meinem Vertrag war es so geregelt, dass wir erfolgsorientiert zusammenarbeiten. Es gab also keine Komplikationen, als der Erfolg nicht da war.

Es ist also nicht unfair, dass sie Ihre Arbeit hier nicht fortsetzen dürfen?

Unfair hin, unfair her. Man spricht im Fußball immer von Fairness, aber es ist ein leistungsorientierter Sport. Die Hauptverantwortlichen haben sich anders entschieden, die Verantwortlichen, die für die Sache hier zuständig waren, sind nicht mehr da. Also ist es mühselig darüber zu reden.

Bei Ihrem alten Klub FSV Frankfurt haben Sie sechs Aufstiege in sechs Jahren geschafft, wahrscheinlich einer der Gründe, weshalb Sie nach Leipzig geholt wurden. Hier haben Sie den Aufstieg aber verpasst. Haben Sie Sorge, dass Ihr Ruf als „Aufstiegstrainer" gelitten hat?

Nein, überhaupt nicht. Jeder, der Fußball lebt und sich im Fußball auskennt, weiß, dass auf Knopfdruck nichts möglich ist. Da kann noch so viel Geld im Spiel sein. Was in bezug auf den FSV vergessen wird: Der Klub wollte zwar immer aufsteigen, hatte in den Jahren vor meiner Zeit aber gelernt, mit den Rückschlägen umzugehen. Es wurde dann Ruhe bewahrt, geduldig gearbeitet und diese Arbeit in Erfolge umgemünzt.

Die Geduld hat also in Leipzig gefehlt?

Ja, das muss man ganz klar sagen. Man muss das Ganze betrachten, wie es zustande gekommen ist: Es ist ein neugegründeter Verein, im letzten Jahr war noch keine richtige Heimat, kein eigenes Gelände da. Zudem ist die Regionalliga Nord ist eine sehr, sehr schwierige Liga, in der fünf, sechs Vereine dabei sind, die jedes Jahr um Platz 1 spielen. Und um Erster zu werden, müssen viele kleine Rädchen passen und die haben hier halt noch nicht gepasst.

Sie müssen den Klub verlassen. RB-Fußballchef Didi Beiersdorfer und Pressesprecher Hans-Jörg Felder mussten schon gehen. Sportdirektor Thomas Linke ging freiwillig. Wie haben Sie dieses Personalkarussell erlebt?

Es hat mich sehr überrascht. Im letzten dreiviertel Jahr habe ich mit diesen Jungs gearbeitet und gemerkt, dass sie eine hohe Fachkompetenz haben und absolut professionell arbeiten, um in den nächsten Jahren das Projekt voranzubringen. Aber die Entscheidung lag in anderen Händen, ich musste sie so akzeptieren.

Ihr Nachfolger Peter Pacult wurde der Öffentlichkeit vorgestellt, als Sie noch da waren. Wie haben Sie diese Situation empfunden?

Es ist legitim, dass dann auch so schnell wie möglich ein neuer Trainer installiert wird, wenn man weiß, dass beide Seiten in eine andere Richtung gehen.

Er wurde sehr früh vorgestellt. Das macht man doch eigentlich nach der Saison?

Nein, wenn man diese Entscheidung trifft und sie hundertprozentig will, dann ist es in Ordnung. Dass man, wenn der eine Trainer geht, nach einem anderen Ausschau hält und versucht, eine gewisse Vorarbeit zu leisten - gerade wenn es um die Personalplanung geht. Es war aber nicht glücklich, den neuen Trainer vor Ort zu präsentieren.

Sie hätten es so nicht gemacht?

Ich hätte es auf gar keinen Fall so gemacht, weil ein gewisser Respekt vor Kollegen einfach gefordert ist.

Inwieweit können Sie nach einem Jahr in Leipzig nachvollziehen, dass es Fußball-Anhänger in der Stadt gibt, die es ärgert, dass es RB überhaupt gibt?

Das verstehe ich nicht. Vor allen Dingen, wenn man sich die Problematik der Traditionsvereine in Leipzig anschaut. Leipzig ist eine sehr große Stadt, die in den letzten Jahren den Profi-Fußball vermisst hat. Ich habe es ja selbst erlebt: Wenn wir hier einigermaßen guten Fußball gespielt haben und erfolgreich waren, kamen die Zuschauer. Und diese Fan-Kultur wird wachsen. Missstimmung gegenüber RB Leipzig wird es nur noch selten geben. Die Leute in Leipzig und rundherum werden in den nächsten Jahren sehen, dass die RB-Verantwortlichen im deutschen Fußball und Jugendbereich unheimlich viel machen wollen.

Das Motto lautet somit Oligarchen-Fußball ist angesagt, Tradition aus der Mode?

Nein, man darf nur den Fehler nicht machen, dass man dem anderen keine Chance gibt. Ich denke auch, dass jeder Verein froh wäre, wenn er einen potentiellen Geldgeber oder Sponsor hätte, der so viel Kraft hat. Man muss ja nur schauen, welche Unternehmen in Wolfsburg oder Leverkusen dahinterstehen. Oder welche Sponsoren bei Bayern München. Hier ist es halt einer.

Bleibt die Tradition ein fester Bestandteil des Fußballs?

Das muss sie. Nur darf man nicht nur in der Tradition leben. Es gibt genug Vereine, in denen dies so ist. In denen die Mitglieder ein großes Mitspracherecht einfordern und dann nicht einmal in der Lage sind, ihre Beiträge zu zahlen. Davon sind diese Klubs aber abhängig.

Wie viel Abneigung oder gar Hass haben Sie in Ihrer Position als RB-Trainer gespürt?

Ich würde die Worte Abneigung und Hass nicht benutzen. Wenn wir bei Sachsen oder Lok waren, gab es den einen oder anderen Fanatiker, der einen blöden Spruch gemacht hat. Aber das ist völlig normal. Gehen sie mal nach München, wenn die Roten auf die Blauen treffen, wird dort auch genug dummes Zeug gequasselt. Hier ist es so, dass wir nur Gegenwehr in Auswärtsspielen hatten, wo es eng im Stadion war. Da wurde extrem geschimpft und gepöbelt, aber auch das wird sich in den nächsten Zeit legen. Beispiel Hoffenheim: Da war auch irgendwann Ruhe.

Was hat Sie denn bei Ihrer Arbeit positiv überrascht?

Dass eine gewissse Fan-Kultur in dieser Zeit entstanden ist. Dass viele Leute im Umfeld des Vereins sind, die jetzt schon alles machen. Außerdem habe ich eine wunderschöne Stadt kennengelernt. Mir hat die Arbeit mit den vielen jungen Spielern Spaß gemacht, die ein enorm hohes Entwicklungspotential haben. Das sieht man auch an den letzten zehn Heimspielen.

Was für eine Mannschaft übernimmt Ihr Nachfolger?

Eine Mannschaft, die viel Potential hat. Eine Elf, die in 90 Minuten ehrliche Arbeit abliefert und bereit ist, an sich weiterzuarbeiten. Das konnte man durch die Bank weg sehen. Und ich hoffe, dass die Jungs am Trikot in der nächsten Saison nicht so schwer tragen, wie es in dieser Spielzeit der Fall war.

Wie sieht Ihre Prognose für den Verein aus? Wann ist RB in der Bundesliga?

Schwierig wird es sein, durch die Regionalliga zu kommen. Wenn diese Grenze durchbrochen ist, ist man vielleicht schon zwei, drei oder vier Jahre zusammen und weiß genau, woran es hapert. Wenn dieser Schritt getan ist, werden die anderen etwas leichter. Ich schätze, es wird fünf bis sieben Jahre dauern, bis RB in der Bundesliga ist.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Im Fußball passieren Dinge sehr schnell. Eins weiß ich aber sicher: Am Donnerstag nach dem Spiel werde ich in Richtung Frankfurt fahren und dann in den Urlaub.

Haben Sie keine Idee, was Sie machen wollen? Vielleicht eine Hospitanz bei einem großen Klub?

Ich möchte erst einmal schauen, was auf dem Markt möglich ist. Und wenn sich da nichts ergibt, bei dem ich sage, das will ich unbedingt machen, dann werde ich mit Sicherheit Ausschau halten, um zu hospitieren und mich weiterzuentwickeln.

Wo soll es dann hingehen?

England und Spanien sind sehr interessant - einmal das dynamisch-athletische Spiel mit den Riesen-Fans im Rücken und der technisch-taktische Fußball, den die Spanier praktizieren. Ich denke, dass ich das aber nicht nur bei einem Klub machen werde.  

Interview: Michael Dick

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