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Über die Schmerzgrenze hinaus: DHfK-Parakanuten starten zur WM in Duisburg

Über die Schmerzgrenze hinaus: DHfK-Parakanuten starten zur WM in Duisburg

Noch vier Tage bis zum Start der Kanu-Weltmeisterschaften in Duisburg. Die deutschen Athleten sind bei der Heim-WM sowohl zahlen- als auch leistungsmäßig eine starke Flotte.

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Gespannt auf die WM-Premiere in Duisburg: Die DHfK-Parakanuten Robert Göthner (vorn) und Ingo Greiner paddeln fürs Foto im bisher einzigen fürs Training zur Verfügung stehenden Auslegerboot.

Quelle: Christian Nitsche

Die bisherigen Anmeldungen lassen auf einen neuen Rekord schließen. "Wir sind überaus beeindruckt, dass wir Anmeldungen von 1500 Teilnehmern verzeichnen können", sagte DKV-Präsident Thomas Konietzko. Zudem vorbildlich in der internationalen Sportlandschaft: Das Championat findet für nichtbehinderte und behinderte Sportler gleichzeitig statt. Für die Parakanuten Ingo Greiner und Robert Göthner vom SC DHfK ist es die WM-Premiere.

Kanu-Lady Tina Dietze war nach den Olympischen Spielen in London im Dauereinsatz. Ehrungen, Interviews, Autogrammstunden, Sponsoren-Termine - die LVB-Paddlerin kam kaum zum Luftholen. Zu dieser Zeit hatte Ingo Greiner gerade seine Feuertaufe im Boot bestanden. Dabei kannte der 39-Jährige den Kanu-Betrieb von früher bestens, war hoffnungsvoller Nachwuchsathlet des SC DHfK, später in Mannheim vierfacher deutscher Meister im Achter-Canadier. Doch seit einem Verkehrsunfall im September 1999 ist Greiner querschnittgelähmt.

Es war früher Morgen und dunkel. Ingo Greiner sah die Straßenbahn zu spät. Eine Teilschuld wurde ihm zur Last gelegt. Zehn Tage lag er im Koma, danach folgte ein langer Weg zurück ins Leben, ein anders funktionierendes. Seine vorher geschmiedeten Pläne konnte der Koch- und Hotelfachmann ad acta legen. Nach der Bundeswehrzeit baute sich Ingo Greiner einen Party-Service auf. "Es lief super", erinnert sich der Leipziger. Dann passierte das Unglück. Rollstuhl, Reha, erneut Operationen. "Ich musste Stück für Stück alles wieder lernen." Mit Schwimmen, Reiten, Fahrradfahren schaffte der Kämpfertyp das Unglaubliche: Der WM-Neuling kann kurze Strecken ohne Hilfsmittel zurücklegen. "Ein medizinisches Wunder", wird von Ärzten gesagt. Familie und Freunde helfen, wo sie können. "Aber den Großteil habe ich alleine gemeistert", sagt Greiner stolz. Dazu gehörte auch der Abschluss zum Diplom-Sozialpädagogen.

Im Behindertensportverein ist er seit zehn Jahren als Schwimmer dabei und lernte so Paralympics-Sieger Geert Jährig (46) kennen. Als die Kanu-Anfrage kam, meldeten sich beide im Bootshaus Klingerweg. Der passionierte Wanderbootfahrer Jährig schaffte die Qualifikation fürs Nationalteam nicht. Dafür der für den SC DHfK startende Greiner ebenso wie Robert Göthner - die Stehaufmänner.

Göthner startete seine Sportkarriere als Sprinter beim LAZ, stieg dann 2006 in den Bob, begann ein Sportstudium. Er galt als aussichtsreicher Nachwuchs-Pilot (Dritter der Junioren-WM). Dann die jähe Wende kurz vor Weihnachten 2009 im Training auf der Altenberger Bahn. Die Fakten: Nach einem Fahrfehler in Kurve elf kippte der 630 kg schwere Bob bei 140 Stundenkilometern und krachte kopfüber in die gefährliche Doppelkurve 12/13, wo selbst Weltklassepiloten wie die Olympiasieger André Lange und Christoph Langen schon stürzten. Die drei Anschieber hatten Glück im Unglück. Doch Robert Göthner zog sich schwere Verletzungen im Halswirbelbereich zu. Künstliches Koma. Diagnose: Inkomplette Querschnittlähmung. Zweifel. "Ob das je wieder etwas wird?"

Die Reha in Kreischa begann und sein Selbstbewusstsein stieg. "Ich habe gespürt, dass ich es wieder hinkriegen kann. Das ich wieder auf zwei Beinen laufen kann." Er kann - mühsam kurze Strecken zurücklegen, was die Mediziner staunen lässt. Das Kanu-Kapitel eröffnete sich Robert Göthner eher zufällig. Eigentlich wollte der Wirtschaftsmathematik-Student den kleinen Bruder im Verein anmelden und traf dort Sandra Müller. Die 30-Jährige leitet seit Anfang 2012 das vom Sächsischen Kanu-Verband und dem SC DHfK gegründete Projekt "Integration körperbehinderter Menschen in den Kanurennsport". Mittlerweile ist sie als Landestrainerin hauptamtlich angestellt (LSB, SKV, DHfK), bundesweit einzigartig. Dennoch stehen viele Hürden, vor allem finanzielle, im Weg. Beispiel: Für das Training gibt es nur ein speziell angefertigtes Auslegerboot. Heißt, die Sportler müssen abwechselnd trainieren und ihre Einheiten zeitlich aufeinander abstimmen. Ein neues ist bestellt. Den materiellen Nachteil versuchen die Athleten mit Ehrgeiz wettzumachen. Ingo Greiner peilt die Paralympics 2016 an. Robert Göthner empfindet seine WM-Teilnahme schon als "Riesenehre". Die Trainerin hofft: "Finale wäre cool."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.08.2013

Kerstin Förster

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