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„Wir sind ein Anker der Stabilität“: IOC-Präsident Thomas Bach im Exklusiv-Interview

Zu Besuch in Leipzig „Wir sind ein Anker der Stabilität“: IOC-Präsident Thomas Bach im Exklusiv-Interview

Natürlich ist er als ehemaliger Fecht-Weltmeister zur WM im eigenen Land nach Leipzig gekommen. Was er bislang bewegt hat, wie es mit Spielen in Deutschland und beim Thema Doping aussieht, erzählt Thomas Bach im Interview.

IOC-Präsident Thomsas Bach im Interview mit der Leipziger Volkszeitung.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Natürlich ist er nach Leipzig gekommen zur Fecht-WM im eigenen Land. Schließlich war Thomas Bach selbst Fecht-Weltmeister, bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal gewann er mit dem Florett-Team die Goldmedaille. Schon damals engagierte er sich sportpolitisch. Seit knapp vier Jahren ist der gebürtige Würzburger Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Was er bislang bewegt hat, wie es mit Spielen in Deutschland aussieht und mit seiner Fechtleidenschaft, erzählt der 63-Jährige im Exklusiv-Interview am Rande der Fecht-WM.
 
Olympia ist vielen zu professionell geworden. Sind die World Games in dieser Woche in Wroclaw inzwischen der wahre Treff der Amateursportler?

Die World Games sind zu einem wirklichen Festival der Vielfalt des Sports geworden. Dadurch bekommen viele Sportarten Aufmerksamkeit, die sie sonst nicht erhalten. Die jugendlich-frische Eröffnungsfeier hat mir sehr gut gefallen. Nach einiger Zeit konnte auch ich nicht mehr sitzen. Da sind nostalgische Erinnerungen an die Rock’n’Roll-Zeit hochgekommen.
 
Auch nostalgische Erinnerungen an die Olympischen Spiele der 70er-Jahre?

Das ist ganz anders. Wir leben in anderen Zeiten. Die Eröffnungsfeiern zu meiner Zeit waren quasi noch militärische Veranstaltungen. Ich erinnere mich sehr gut an Montreal 1976, da hatte der Chef de Mission einen eigenen Marschall dabei, da musste man in Reih und Glied antreten und einmarschieren.

Thomas Bach im Gespräch mit den Redakteuren Uwe Köster (l.) und Frank Schober im Leipziger Hotel Steigenberger.

Thomas Bach im Gespräch mit den Redakteuren Uwe Köster (l.) und Frank Schober im Leipziger Hotel Steigenberger.

Quelle: Christian Modla

 
Im Gleichschritt?

Das hätte man gern gesehen. So weit ging die Liebe bei uns Pazifisten mit den langen Haaren dann doch nicht. Aber Gleichschritt war erwünscht.
 
Zu Ihrer Zeit war Deutschland im Fechten eine Großmacht. Sind die anderen besser geworden – oder wir schlechter?
Ich fürchte, beides. Nach 1996 erfolgte zwar kein Absturz, aber es gibt eine schleichende, kontinuierliche Abwärtsbewegung. Das hängt mit der Qualität der Trainer zusammen, auch im unmittelbaren Athleten-Managementbereich ist zu wenig nachgekommen. Ich bin selbst aber nicht mehr nah dran. Manchmal ruft jedoch ein alter Mannschaftskollege an und klagt sein Leid. Das macht mich wirklich traurig.
 
Fechten Sie manchmal selbst noch?

Nein, nur wenn ich gezwungen werde bei öffentlichen Auftritten, fürs Foto oder fürs Fernsehen (lacht). Meist brauche ich dann hinterher drei Tage lang einen Physiotherapeuten. Deswegen mache ich das lieber selten.
 
Welcher Sport dann?

Ein bisschen laufen, aber zu wenig insgesamt. Manchmal schwimmen. Ich bin kein Frühaufsteher und hoffe, dass ich das auch im hohen Alter nicht mehr werde.
 
Fechten ist ein Beispiel für den zähen Reformprozess im deutschen Spitzensport. Beobachten Sie das? Würden Sie an manchen Tagen mit Alfons Hörmann gerne nochmal tauschen?

Nein, tauschen möchte ich nicht. Ich bin ja nicht gezwungen worden, mich um die IOC-Präsidentschaft zu bewerben. Ich verfolge die Entwicklung beim DOSB und habe volles Vertrauen in Alfons Hörmann und seine Mannschaft, dass diese Reform gelingt.
 
Ist der deutsche Sport reformierbar?

Ja, aber es ist nicht einfach. Wir haben in meiner Zeit als DOSB-Präsident die Umstellung vorgenommen vom reinen Belohnungssystem zum Investitionssystem. Was uns dabei nicht gelungen ist, das muss man deutlich sagen, war die erhoffte Stärkung des Trainersystems. In der universitären Ausbildung gibt es nach wie vor große Reserven. Und wir wollten ein besseres Anreizsystem für Trainer schaffen. Das ist nur in sehr bescheidenem Ausmaß gelungen. Damals hatten wir Trainer von Olympia-Medaillengewinnern, die haben 3000 Euro im Monat verdient. Das ist heute nicht viel anders.
 
Bremst der Föderalismus Reformen?

Manchmal kommt man tatsächlich aus politischen Gründen nicht weiter. Ein Punkt sind die Olympiastützpunkte. Da steht Olympia drauf, aber es ist nicht Olympia drin. Es gibt ganz unterschiedlicher Träger und ganz unerschöpfliche Verantwortlichkeiten, die Möglichkeit der Einwirkung durch den DOSB war und ist sehr beschränkt. Die Politiker haben damals alle gesagt: Jawohl, wir sind für Reformen, alles soll stromlinienförmiger werden. Und dann kam was aus ihrem Wahlkreis und dem Wahlkreis ihres Freundes – und dann war der Teufel los. Das macht es schwierig. Deswegen beneide ich Alfons Hörmann nicht.
 
Oft wird bei festgestellt, dass in Deutschland der Fußball vieles platt macht. Sehen Sie das auch so? Ist das ein spezielles deutsches Problem?

Der Fußball spielt in einer eigenen Liga. Das ist weltweit die Sportart, die die höchste Aufmerksamkeit hat und die meisten Emotionen weckt, wie ich aus eigener leidvoller Erfahrung weiß. Daher ist das kein deutsches Phänomen. Da sind wir wieder bei den World Games. Nicht nur diese nicht-olympischen Sportarten wünschen sich mehr mediale Aufmerksamkeit, sondern auch olympische. Deshalb haben wir die Eröffnung der World Games auf dem Olympic Channel live übertragen. Das ist auch einer der Gründe, warum wir den Olympic Channel geschaffen haben, um den Athleten eine Bühne zu geben in der Zeit zwischen Olympischen Spielen.
 
Vor 17 Jahren war schon mal ein IOC-Präsident in Leipzig. Ihr Vorgänger Jaques Rogge. Es ging um Leipzigs Olympiabewerbung. Hatte Leipzig überhaupt eine realistische Chance oder war die Bewerbung ein Hirngespinst?

Das ist eine der Fragen, die ich nicht so gerne beantworte, weil ich meinen Vorgänger sehr schätze und in Ehren halte. Aber es ist keine Geheimnis, dass ich in der Frage nach der Größe von Leipzig als Ausschlusskriterium mit ihm nicht einer Meinung war und bin. Das sieht man an der olympischen Agenda 2020, wo genau diese Frage angesprochen ist, die damals im Raum stand.
 
Gigantismus zum Beispiel.

Ja. Das ganze Verfahren war am laufen und plötzlich wurde gesagt, Leipzig ist zu klein. Auch deswegen müssen wir unser Bewerbungsverfahren reformieren. In der Vergangenheit haben wir zu viele Verlierer erzeugt. Wenn man der Meinung ist, die Stadt muss soundso viele Einwohner haben, dann muss man das rechtzeitig sagen und sie nicht erst planen lassen. Ich denke, mit der olympischen Agenda 2020 wäre es heute möglich, mit Leipzig und Dresden etwas Wunderschönes auf die Beine zu stellen.
 
Gab es auch Versäumnisse von Seiten Leipzigs damals?

Das ist jetzt zu lange her. An die einzelnen Schritte erinnere ich mich nicht mehr so, zumal ich an den internen IOC-Beratungen wegen des Interessenskonflikts nicht teilnehmen durfte. Ich erinnere mich an die na- tionale Bewerbungsphase, an das berühmte Cello-Spiel von Herrn Tiefensee. Und, dass damals Bundeskanzler Gerhard Schröder und Innenminister Otto Schily Leipzig sehr unterstützt und gefördert haben, wovon die Stadt heute noch profitiert.
 
Nun plant Nordrhein-Westfalen eine neue Olympiabewerbung für 2032. Glauben Sie, dass nach den Erfahrungen von München und Hamburg in Deutschland doch wieder Olympische Spiele stattfinden?

Ich hoffe es und ich glaube auch, dass es realistisch ist. Man muss die Umstände sehen. Man darf nicht vergessen, dass wir mit München 2018 in Garmisch-Partenkirchen auch mal ein Referendum gewonnen haben. Die Umstände von Hamburg waren wirklich sehr spezifisch. Das war sehr kurz nach der Grenzöffnung für Flüchtlinge. Es war unmittelbar nach der Explosion des Fifa-Skandals. Und es gab, und das ist ein ganz wichtiger Faktor, keine Finanzierungszusage des Bundes. Das sind nicht gerade förderliche Umstände zum Gewinn eines solchen Votums. Ich schaue mir die Pläne in NRW mit großer Sympathie an, weil ich mich natürlich freue, wenn in meinem Heimatland ein olympisches Pflänzchen wieder anfängt zu sprießen. Am Ende muss aber der DOSB entscheiden, wann und mit wem er sich wieder für Olympische Spiele bewirbt.
 
Bereitet Ihnen der Betrug im Sport, vor allem das Thema Doping, noch immer am meisten Kopfschmerzen?

Das ist ein Problemfeld. Und, so realistisch muss man sein, es wird immer eines bleiben. Es wird nie den Tag geben, an dem wir sagen können: Doping ist besiegt. Es gibt seit Jahrhunderten Gesetze gegen Diebstahl und trotzdem gibt es immer noch Diebe. Deshalb darf man nicht den Fehler machen, bei jedem positiven Dopingfall sofort den Weltuntergang zu erklären. Genau das Gegenteil ist richtig. Jeder positive Fall zeigt, dass die Entschlossenheit da ist, und dass man den Fällen nachgeht. Der Kampf gegen Doping ist für uns im IOC jedoch nicht das ultimative Ziel, sondern Mittel zum Zweck. Und zwar zum Zweck des Schutzes der sauberen Athleten. Jeder gedopte Athlet, der sanktioniert wird, ist deshalb ein Erfolg und nicht etwa ein Rückschlag.
 
Wie kommen Sie in diesem Kampf voran?

Schon mein Vorgänger Jacques Rogge hat eingeführt, die Proben zehn Jahre aufzuheben, so dass sich bei Einführung neuer Nachweismethoden niemand sicher sein kann. In den vergangenen Monaten haben wir mit den Nachkontrollen von den Olympischen Spielen in Peking und London deutlich gezeigt, wie konsequent wir hier durchgreifen. Eine meiner ersten Amtshandlungen war, einen extra Fonds von 20 Millionen Dollar zu schaffen für den Kampf gegen Manipulation im Sport im Allgemeinen und für einen neuen Ansatz im wissenschaftlichen Bereich im Kampf gegen Doping. Ein nächster Schritt ist die Independent Testing Authority. Wir machen das Testsystem bei Olympischen Spielen unabhängig vom IOC, damit hoffen wir ein Beispiel zu geben für viele Verbände. Von den Sportverbänden wird immer behauptet, sie hätten kein Interesse, dass Dopingfälle hochkommen. Ich persönlich glaube das nicht, aber der Eindruck kann bisher erweckt werden. Deshalb muss man das Testsystem unabhängig machen von den Interessen des Sports und von nationalen Interessen. Wenn man sieht, dass ein leidenschaftlicher Küsser – wie kürzlich geschehen – nach einem positiven Dopingtest freigesprochen wird von einer nationalen Organisation, dann verstehe ich schon, wenn die Unabhängigkeit des Anti-Doping-Kampfes von Athleten in Frage gestellt wird. Wir wollen die Glaubwürdigkeit gegenüber den Athleten und der Öffentlichkeit erhöhen.
 
Gibt es Länder, die Musterschüler sind - wo der Sport und die olympische Idee am besten gelebt werden?

Man muss immer vorsichtig sein mit Modellcharakter. Das ist ein gefährliches Pflaster. Es hat sich weder in der politischen noch sozialen oder sportlichen Geschichte als erfolgreich erwiesen, wenn man anderen Lektionen erteilen will und wenn man glaubt, dass an einem gewissen Wesen die Welt genesen soll.
 
Stört es Sie, wenn der materielle Gedanke so weit oben angesiedelt ist, dass Olympiasieger in einigen Ländern ausgesorgt haben?

Da bin ich Romantiker und sportlicher Realist. Ich glaube nach wie vor nicht, dass Geld ausreichende Motivation ist. Der Fußballer, der beim Elfmeterschießen an die Prämie denkt, ist der, der vorbeischießt. Man muss diese Frage ja über eine gesamte sportliche Karriere betrachten. Die Athleten müssen mindestens zehn, zwölf Jahre hart trainieren, um oben anzukommen. Das geht nicht aus reiner finanzieller Motivation, da müssen sie Leidenschaft für den Sport und viel Disziplin mitbringen. Wenn jemand allein des Geldes wegen mit dem Sport anfangen würde, müssten sie einem jungen Menschen empfehlen: Spiel lieber Lotto, da sind die Chancen höher, dass du ausgesorgt hast. Aber richtig ist auch: Athleten sollten so unterstützt werden, dass sie Ausbildung und Sport in einer dualen Karriere miteinander verbinden können.
 
Sie sind 2013 mit vielen Reformideen angetreten. Haben Sie manch eine Illusion verloren?

Nein. Auch meinen Optimismus werde ich nicht verlieren. Sport hat immer mit Optimismus und Zukunft zu tun. Wenn man sich in der Vergangenheit verliert, hat man verloren. Im September ziehen wir Halbzeitbilanz der olympischen Agenda 2020, wir haben einiges erreicht. Wir sind optimistisch, zum ersten Geburtstag des Olympic Channels die Zahl von einer Milliarde Video-Views zu erreichen. Die Hälfte der Weltbevölkerung hat dank des digitalen Zeitalters die Spiele von Rio verfolgt. Das ist ein riesiger Erfolg. Wir haben den Sport urbaner und weiblicher gemacht, den Anteil der Athletinnen und Frauen in den IOC-Kommissionen entscheidend erhöht. Mir machen die Spiele nachhaltiger und günstiger.
 
Woran machen Sie das fest?

Bei den Bewerbern für 2024, Los Angeles und Paris, haben wir eine Rekordzahl von bestehenden und temporären Sportstätten, das drückt die Kosten enorm. Das Risiko der Kostensteigerung wird reduziert. Wir haben uns um soziale Aufgaben gekümmert – mit dem Flüchtlingsprogramm an der Spitze. Für Tokio 2020 werden wir langfristig ein Flüchtlings-Team aufbauen. Auf dem Gebiet arbeiten wir eng mit den Vereinten Nationen zusammen. Die Agenda ist ein Prozess, wir werden nicht stillstehen. Die Doppelvergabe 2024/2028 wird uns Zeit zum Nachdenken geben.
 
Sind Sie mehr Diplomat als Macher?

Sie müssen in jeder demokratischen Organisation für ihre Vorhaben Mehrheiten haben. Sie können nicht „par ordre du mufti“ entscheiden. Sie müssen zuhören, überzeugen, notfalls ändern, dann und wann auch Kompromisse schließen, wie das bei ihnen zu Hause auch der Fall ist.
 
Braucht dies viel diplomatisches Geschick?

Wenn sie nichts bewegen wollen, müssen Sie kein Diplomat sein. Dann können sie schlichtweg ein netter Mensch sein, Probleme nicht diskutieren und ein ruhiges Leben genießen, das ihnen früher oder später um die Ohren fliegt.
 
Wie steht die olympische Bewegung 2017 da?

Das Gold unserer Zeit ist Stabilität - in dieser aus den Fugen geratenen, zerrissenen, fragilen Welt. Da können wir mit Selbstbewusstsein und Stolz sagen: Wir sind mit der olympischen Bewegung ein Anker der Stabilität verglichen zu dem, was in Wirtschaft und Politik überall passiert. Wir können mit Olympischen Spielen planen bis 2028, mit Fernsehrechten und Sponsoren teilweise bis 2032. Um diese Stabilität zu halten, müssen sie sich ständig anpassen, müssen sie einen Evolutionsprozess haben, denn es muss nicht immer eine Revolution sein. Sonst fallen sie zurück – dann haben sie auch keine Stabilität mehr.
 
Interview: Frank Schober, Uwe Köster

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